Literatur: Wenn Sex als überholt gilt

Nr. 51 –

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Buchcover von «Schwindende Welt»
Sayaka Murata: «Schwindende Welt». Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag. Berlin 2025. 267 Seiten.

Die japanische Autorin Sayaka Murata schreibt am liebsten über Aussenseiter:innen und stellt in ihren Büchern die Regeln des Zusammenlebens radikal infrage. Das ist auch in ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Roman «Schwindende Welt» nicht anders. Im Original bereits vor zehn Jahren publiziert, wirkt der Text immer noch verstörend aktuell. Murata entwirft darin eine Welt, in der Sex überflüssig geworden ist – und entzieht damit unseren vertrauten Vorstellungen von Liebe, Familie und Begehren die Grundlage.

In der geschilderten Gesellschaft gilt sexuelle Begierde als überholt, die Fortpflanzung geschieht nicht mehr körperlich: Wer ein Kind möchte, greift auf künstliche Befruchtung zurück. Eheleute leben wie Bruder und Schwester. Für jene, die dennoch sexuelles Verlangen verspüren, gibt es Masturbationsräume – funktional, hygienisch, emotionsfrei.

Für die junge Frau Amane, die in sexueller Lust nichts Anrüchiges sieht, ist diese neue Ordnung ein Albtraum. Die Autorin schildert Amanes Unverständnis, ihre Einsamkeit und auch ihren leisen Widerstand, der sich in den Streitgesprächen mit ihren Nächsten zeigt, allen voran mit ihrer Mutter und ihrem Ehemann. Dieser Widerstand bildet das emotionale Zentrum des Romans.

In vielen ihrer Werke öffnet Murata Portale zu grotesken Parallelwelten. Ob Menschen ohne irgendwelche moralische Bedenken zu Möbeln verarbeitet oder gar gefressen werden: Alles ist möglich – und genau das macht den Reiz ihrer Literatur aus. «Schwindende Welt» steht dem in nichts nach. Der Roman ist absurd und trotz des fantastischen Hintergrunds ein durchaus realitätsnahes Lesevergnügen. Was Murata beschreibt, ist die neue Normalität einer durchrationalisierten Welt: «Schwindende Welt» ist ein literarisches Gedankenexperiment, das mit radikaler Konsequenz vorführt, wie tief unsere Vorstellungen von Intimität und Norm in gesellschaftliche Machtstrukturen eingebettet sind.