Krieg gegen den Iran: Keine Revolution unter Bomben
Seit Jahrzehnten hält sich das iranische Regime an der Macht, obwohl es seinen Feinden militärisch und ökonomisch unterlegen ist. Und der neue Krieg wirkt womöglich sogar stabilisierend.
Man kann nur mutmassen, dass sich das iranische Regime wegen des viralen Erfolgs seiner KI-generierten Propagandavideos ins Fäustchen lacht. Darin werden Lego-Männchen zu Akteuren in jenem Krieg, den die USA und Israel Ende Februar mit Luftangriffen auf den Iran begannen.
Die Clips verbreiten Narrative des Regimes: Ein hilfloser Donald Trump erscheint als Marionette, gesteuert von Israels Premier Benjamin Netanjahu – eine Darstellung, die antisemitische Stereotype bedient. Die Videos erscheinen fast im 24-Stunden-Takt, verbreiten sich rasend schnell in den sozialen Medien und landeten auch in US-amerikanischen Netzwerken der trumpschen Maga-Bewegung.
Die Iraner seien besser darin, Fake News zu verbreiten, als darin, Krieg zu führen, schrieb Trump dazu auf seiner eigenen Plattform Truth Social. Als die Verhandlungen seiner Regierung mit dem iranischen Regime am Samstag in die erste Runde starteten, erklärte er, dass die USA ohnehin schon gewonnen und das iranische Militär besiegt hätten. Die Aussagen wirken unbeholfen. Natürlich ist der Iran den USA und Israel militärisch klar unterlegen – gerade auch deshalb setzt er auf Propaganda. KI-Videos sind billiger und schneller produziert als Waffen.
Die Islamische Republik hat schon lange gelernt, Konflikte mit überlegenen Gegnern zu überstehen. Ihre Verteidigung ist nicht darauf ausgelegt, Kriege zu gewinnen, sondern darauf, sie zu überdauern. Seit mehr als vier Jahrzehnten gelingt es ihr, sich trotz militärischer Niederlagen, internationaler Sanktionen und Protestbewegungen an der Macht zu halten – obwohl das Regime oft kurz vor dem Zusammenbruch stand.
System mit drei Säulen
Wie überlebt ein Staat, der seinen Gegnern militärisch und ökonomisch so deutlich unterlegen ist, so hartnäckig? Die Antwort liegt in seiner einzigartigen Architektur, die Ruhollah Chomeini 1979 schuf – ein hybrides System aus republikanischer Fassade und theokratischer Kontrolle, gestützt auf drei zentrale Säulen: Repression im Inneren, globale Wirtschaftsnetzwerke und «Export der Revolution» ins Ausland. Diese Pfeiler ergänzen sich gegenseitig: Die Revolutionsgarde schwächt die Opposition gegen das Regime durch Gewalt, ihre Konzerne generieren Ressourcen für den riesigen Staatsapparat, und Partner wie die Hisbollah oder die Huthis sichern den Rückhalt für das Regime im Ausland. So erklärt sich die Resilienz des Regimes gegenüber Sanktionen, Protesten und Kriegen.
Der Kampf ums Überleben prägt die Islamische Republik schon seit ihrer Gründung 1979. Chomeini gestaltete den neuen Staat damals unter dem Einfluss eines tiefen Misstrauens gegenüber dem Westen und den Truppen der Monarchie. Er schuf zahlreiche religiöse und andere Regimeorgane, die teils die Arbeit der jeweils anderen überprüfen. Die Armee des Schahs schwächte er, indem er wenige Monate nach der Revolution mit der Islamischen Revolutionsgarde eine ideologisch loyale Parallelstreitmacht schuf. Beide Streitkräfte unterstehen dem Obersten Führer, doch verfügt die Revolutionsgarde über deutlich mehr Ressourcen. Längst ist sie im iranischen Sicherheitsapparat zur dominierenden Macht geworden. Laut der US-Regierung zählt die Revolutionsgarde bis zu 190 000 Mitglieder.
Es handelt sich dabei aber nicht um eine klassische Armee, sondern um ein eng verflochtenes System aus militärischen, geheimdienstlichen und wirtschaftlichen Strukturen. Die Revolutionsgarde umfasst unter anderem Bodentruppen zur Verteidigung der inneren Sicherheit, eine Marine, die Al-Kuds-Brigade für Auslandseinsätze sowie die paramilitärische Basidsch, die Organisation zur Mobilisierung der Unterdrückten, der Schätzungen zufolge bis zu eine Million Freiwillige angehören. Die Basidsch geht auf den Irak-Iran-Krieg von 1980 bis 1988 zurück.
Ein Netz aus Strohfirmen
Als Reaktion auf die Chemiewaffeneinsätze und die westliche Unterstützung für Saddam Hussein entwickelte der Iran damals ein System der asymmetrischen Kriegsführung. Das Regime setzte auf einfache Waffen und Rüstung, massenhafte Freiwilligenmobilisierung und eine Märtyrerdoktrin. Hunderttausende junge Basidsch-Mitglieder dienten als Kanonenfutter. Auch deshalb konnte es den Krieg so lange überdauern.
Nach dem Iran-Irak-Krieg entwickelte sich die Basidsch zu einem Instrument staatlicher Kontrolle und Repression. Die Organisation drang tief in alle gesellschaftlichen Bereiche vor: in Behörden, Schulen, Universitäten und Betriebe. Menschenrechtsorganisationen berichten von schweren Gewalttaten und Tötungen durch die Miliz.
Und die Revolutionsgarde entwickelte sich in der Nachkriegszeit auch zu einer Wirtschaftsmacht: Sie kontrolliert zahlreiche Grosskonzerne und profitiert von der Vergabe lukrativer Grossprojekte unter der Hand. Ihr Baukonzern Chatam al-Anbija beispielsweise beherrscht mit schätzungsweise zwanzig bis vierzig Prozent Marktanteil und über 800 Tochterfirmen die Baubranche. Grundlage seines Erfolgs sind bieterlose Ausschreibungen für Milliardenprojekte wie Gasfelder, Eisenbahnen, Metros, Pipelines und Kraftwerke, hauptsächlich vom Öl-, vom Energie- und vom Verkehrsministerium.
Eng verbunden ist die Revolutionsgarde ökonomisch mit religiösen Stiftungen, sogenannten Bonjads, die ebenfalls dank Staatsaufträgen, Privatisierungen und der Umgehung von Sanktionen einen weiteren erheblichen Teil der Wirtschaft lenken. Das undurchsichtige Netz reicht ins Ausland: In den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei wurden mehrere irannahe Unternehmen identifiziert, die mit der Revolutionsgarde in Verbindung gebracht werden können und die mutmasslich mit sanktionierten Gütern wie Öl und Gold handeln – über ein Netz von Strohfirmen.
Die Unternehmen stehen im Verdacht, den Export von Öl und petrochemischen Produkten zu verschleiern, indem die Bewegungen und die Herkunft von Tankern falsch deklariert werden. Ermittlern und Analystinnen gelingt es aber immer wieder, unter Rückgriff auf Satellitenbilder, Bewegungsdaten sowie Produktions- und Exportmuster Widersprüche zu den offiziellen Angaben aufzudecken. Diese Geschäfte erzeugen mutmasslich beträchtliche Einnahmen, deren Gesamtvolumen sich aber kaum belastbar erfassen lässt. Eine transparente öffentliche Rechenschaft gibt es nicht.
Wichtiger Partner bei der Umgehung von Sanktionen ist Venezuela. Gemäss Medienberichten nutzt das Regime venezolanische Finanz- und Handelsstrukturen für verdeckte Transaktionen, etwa für den Kauf von Drohnenkomponenten, vermittelt über Netzwerke mit Verbindung zur Revolutionsgarde. US-Aussenminister Marco Rubio verwies bei seiner Begründung für die Entführung des venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro Anfang 2026 auf diese Verflechtungen. Andererseits ermöglichte die temporäre Aufhebung von Sanktionen auf den Ölverkauf, die die USA Ende März beschlossen, um die Preise auf dem globalen Ölmarkt zu senken, dem Iran laut einem Bericht der Agentur Bloomberg Einnahmen von 139 Millionen US-Dollar pro Tag.
Ein Teil dieser Einnahmen fliesst in den dritten Pfeiler des Regimes: den «Export der Revolution» ins Ausland. Das Regime nutzt dafür propagandistische Mittel – etwa die Finanzierung von Seminaren, Medien und Missionsnetzwerken im Ausland – ebenso wie militärische Methoden. Im Kontext des Revolutionsexports entstand in den frühen nuller Jahren die «Achse des Widerstands», ein vom Iran geführtes Netzwerk aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren im Nahen Osten. Daran beteiligt sind etwa die Milizen der Hisbollah im Libanon, die Hamas und der Islamische Dschihad in Gaza, schiitische Milizen im Irak sowie die Huthi-Bewegung im Jemen.
Dieses heterogene Gefüge operiert mit asymmetrischer Kriegsführung und unkonventionellen Taktiken gegen überlegene Gegner. Trotz Rückschlägen durch Militäroperationen der USA und Israels bleibt es handlungsfähig und politisch einflussreich. Koordiniert werden die Auslandsoperationen des Netzwerks durch die Al-Kuds-Brigade der Revolutionsgarde. So etwa die Morde im Berliner Lokal Mykonos im Jahr 1992, als iranische Agenten vier kurdische Exilpolitiker töteten. Die Brigaden unterstützten Hisbollah-Anschläge, etwa den Bombenanschlag in Buenos Aires 1994, bei dem 85 Menschen starben. In jüngerer Zeit wurden in Europa mehrere antisemitische Anschläge vereitelt, die die Al-Kuds-Brigade geplant hatte, etwa auf Synagogen in Bochum, Essen und Dortmund 2022 und 2023.
Doch der aussenpolitische Einfluss hat seinen Preis. Ressourcen fliessen nach aussen, während die wirtschaftliche Entwicklung im Inland stockt. So entsteht eine strukturelle Schieflage. Die Priorisierung aussenpolitischer Einflussnahme schadet der Entwicklung der eigenen Volkswirtschaft. Soziale wie ökonomische Reformen treten in den Hintergrund, was zu inneren Spannungen führt und was Protestierende in der Vergangenheit immer wieder kritisiert haben.
In den letzten Jahrzehnten hat der innere Druck die Stabilität der Islamischen Republik stärker herausgefordert als jeder aussenpolitische Konflikt. Während frühere Proteste wie die Student:innenbewegung von 1999 oder die Grüne Bewegung 2009 noch Reformen innerhalb des Systems gefordert hatten, wendet sich der Widerstand seit etwa 2017 zunehmend gegen die Grundlagen der Herrschaft selbst: Systemsturz ist das Ziel der neuen Protestbewegung, deren Mitglieder bereit sind, für den Umsturz ihr Leben zu lassen. Die Proteste nach dem Tod von Mahsa «Jina» Amini machten sichtbar, wie stark die Legitimationsbasis des Regimes in der eigenen Bevölkerung zerfallen ist.
Solidarität im Innern
Es waren vor allem die wochenlangen Streiks, zum Beispiel der Lastwagenfahrer, die vergangenes Jahr den Güterverkehr im Iran tagelang zum Erliegen brachten und zu drastischen Versorgungsengpässen führten, aufgrund derer die iranische Regierung sich schliesslich verhandlungsbereit zeigte – eher aussergewöhnlich. Zu echten strukturellen Verbesserungen führten die Verhandlungen nicht. Und die Erschiessung Tausender Demonstrant:innen im Januar macht deutlich, wie sehr sich das Regime vor der Bewegung fürchtet.
Die jüngsten militärischen Schläge der USA und Israels gegen den Iran haben den Fokus der Öffentlichkeit nun aber auf die nationale Verteidigung verschoben. Unter dem Druck von aussen entsteht jene Solidarität im Innern des Landes, die das Regime längst verloren hatte. Die Angriffe wirken stabilisierend – unter Bomben kann sich keine Opposition neu formen.
Elaheh Mohammadi, die Journalistin, die den Fall Mahsa «Jina» Amini aufdeckte, beschreibt den Alltag unter den Bombardements: «Seit über einem Monat schlafen wir nun ein zum Dröhnen von Kampfflugzeugen und Explosionen, wachen mit denselben Geräuschen auf, und mitten in all dieser Angst versuchen wir, etwas aufrechtzuerhalten, das entfernt an ‹Leben› erinnert. Euer Krieg ist jede Nacht unser Albtraum. Nein zum Krieg, Nein zu Bomben, Nein zu den Entscheidungen, ob fern oder nah, die mit unserem Leben spielen.»