Frag die WOZ: Gibt es eine linke KI?
«Gibt es eine linke KI?»
K. M., via Instagram
Das ist eine sehr gute Frage! Wir haben zwei Fachfrauen gefragt, die es wissen müssten: Anna Mätzener und Rahel Estermann. Mätzener arbeitete einige Jahre bei Algorithm Watch und berät heute als Expertin für digitale Ethik mit Schwerpunkt auf künstlicher Intelligenz. Rahel Estermann ist seit Herbst Kogeschäftsführerin der Digitalen Gesellschaft und sitzt für die Grünen im Luzerner Kantonsrat.
«Eine KI kann nicht links sein», stellt Mätzener gleich zu Beginn klar. «Sie kann auch nicht glücklich, fies, mitfühlend oder schlau sein – das sind menschliche Eigenschaften.» Künstliche Intelligenz sei weder wirklich intelligent noch künstlich, präziser wäre es, von dem zu sprechen, was sie tatsächlich ist: «ein automatisiertes Entscheidungssystem – ein System, das Informationen aufnimmt, verarbeitet, analysiert und daraus Schlussfolgerungen oder Handlungsempfehlungen ableitet». Die Ergebnisse basierten immer auf programmierten Regeln und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, so Mätzener, auch wenn die Resultate manchmal überraschend komplex und differenziert klängen. Der Begriff «automatisiertes Entscheidungssystem» sei allerdings sperrig. «Darum reden wir im Alltag halt doch von ‹KI›», sagt sie.
KI-Systeme seien soziotechnologische Gebilde – nicht reine Technik, sondern etwas, das gesellschaftlich geprägt werde. «Die KI nimmt die Welt, wie sie ist», erklärt Mätzener, «sie macht sie weder besser noch gerechter. Solange die Gesellschaft unfair ist, kann auch KI nicht wirklich fair sein.» Möglich seien aber fairere oder weniger faire Anwendungen.
Und welches wäre heute die fairste KI? Ein KI-Tool, das klar auf linken Werten basiere, sei ihr nicht bekannt, sagt Rahel Estermann. Aber man könnte eines bauen, das linke Werte vertritt – links im Sinne von fair, sozial, nicht diskriminierend, nachhaltig. Dafür brauche es ein klares Konzept und eindeutige Leitplanken, so Estermann. Und das richtige Trainingsmaterial, denn wenn man einen Bot mit Müll füttert, kommt auch Müll raus.
Estermann verweist ausserdem auf die Organisationsform: «Ein fairer Chatbot müsste allen gehören – zum Beispiel öffentlich-rechtlich getragen sein. Er müsste die Privatsphäre respektieren und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Inhaltsnutzung einhalten. Zudem wäre er ökologischer, würde Strom nur aus erneuerbaren Quellen nutzen, Prozesse effizient gestalten und mit der Abwärme Häuser heizen.»
«Und vielleicht», fügt Estermann hinzu, «würde er den Nutzer:innen auch einmal raten: ‹Hör auf, mich zu benutzen, und pflege echte soziale Kontakte.›» Für Estermann bedeutet linke, ökologische, progressive Politik etwas Visionäres: «Sie will den Status quo aufbrechen und ein besseres Leben für alle schaffen. Eine KI mit diesem Anspruch – die müssen wir erst noch entwickeln.»
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!