Frag die WOZ : Warum ist das Internet so laut geworden?

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«Warum ist das Internet so laut geworden, obwohl niemand etwas sagt?»

P. O., per Mail

Eine gute Frage, die ich hoffentlich richtig verstanden habe: Mit «laut» dürfte der schrille Ton gemeint sein, in dem uns online unentwegt und ungefragt Schlagzeilen, Schabernack und Hot Takes an den Kopf geworfen werden. Also dieses Grundrauschen, das sich bei genauerem Hinhören eher als Dauergeschrei beschreiben liesse.

Nun, die Antwort ist wohl irgendwo in den späten nuller Jahren zu suchen, in irgendwelchen runterklimatisierten Sitzungszimmern im kalifornischen Silicon Valley. Als sich die grossen Suchmaschinen- und Plattformplayer langsam als Platzhirsche etabliert und die Nutzungsgewohnheiten Hunderter Millionen Menschen weltweit zu modellieren geschafft hatten – und sich an die Monetarisierung ihrer Marktmacht machen konnten. Ihre Kapitalgeber:innen wollten endlich für ihre Millioneninvestitionen Profite sehen.

Das Resultat ist so allgemein bekannt wie folgenschwer: Die Techfirmen bauten Empfehlungssysteme, die Nutzer:innen durch laufend extremere – gewissermassen: lautere – Inhaltsvorschläge bei der Stange halten sollen. Und sie förderten gezielt das Doomscrolling, die abstumpfende Dauerberieselung mit kontextbefreitem Kurzcontent. Meta-Boss Mark Zuckerberg muss sich deswegen zurzeit sogar vor einem Gericht in Los Angeles verantworten. Äusserst aggressiv verfolgen die Techunternehmen das Ziel, ihre Nutzer:innen bis ins allerpersönlichste Detail zu vermessen, um dadurch Werbeanbietern treffsicheres Microtargeting verkaufen zu können. Denn – die Floskel sei hier erlaubt: Wenn Sie im Internet etwas nutzen, ohne dafür zu bezahlen, dann sind Sie nicht Kund:in. Dann sind Sie das Produkt.

Das Internet ist also laut, weil dort mit hartem Ellbogeneinsatz um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt wird, die sich wiederum profitabel verkaufen lässt. Was, themengerecht in Memes gesprochen, letztlich ganz einfach heisst: «¡El problema es el capitalismo!» Der Kapitalismus ist «why we can’t have nice things».

Damit zum zweiten Teil Ihrer Frage. Es ist ja nicht so, dass im Internet niemand etwas sagen würde, und glücklicherweise ist da immer noch ungemein viel Schlaues dabei. Weil die meisten Algorithmen aus den genannten Gründen aber lauten Nonsense bevorzugen, findet das leisere Gehaltvolle den Weg seltener von allein den Weg zu uns. Wobei dies wohlgemerkt auch für innerlinke Onlinediskursräume gilt: Nicht selten findet sich hinter bestechend klingenden Kurzwahrheiten, die rasend schnell die Runde machen, enttäuschend wenig Substanz.

Wobei ich Ihnen aber zustimme: Dummes, lautes, algorithmisch verstärktes Zeug geben seit jeher auch Bots von sich, und das gar noch schambefreiter als Trolle aus Fleisch und Blut. Insofern dürfte das Internet mittelfristig, im Zuge der fortschreitenden KI-Expansion, sogar noch mal etwas lauter werden, auch wenn oft tatsächlich «niemand» mehr etwas sagt.

Hierzu abschliessend noch zur Erinnerung: Auch für die Hunderte Milliarden US-Dollar, die sie derzeit in hoffnungslos defizitäre KI-Infrastruktur stecken, werden Investor:innen und Risikokapitalist:innen dereinst Profite einfordern. Auf die Monetarisierungsmodelle, die in runterklimatisierten Sitzungszimmern wohl gerade entworfen werden, darf man argwöhnisch gespannt sein.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!