Krieg gegen die Ukraine: Kälte als Waffe

Nr. 5 –

Russland versucht, den Widerstand in der ukrainischen Bevölkerung zu brechen, indem es sie frieren lässt. Die Hauptstadt Kyjiw steht am Rand einer humanitären Katastrophe.

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Rettungskräfte stehen vor einem mobilen Holzofen, welcher ein städtisches Notwärmezentrum in Kyjiw beheizt
Eine Stadt im Ausnahmezustand: Rettungskräfte heizen ein städtisches Notwärmezentrum in Kyjiw. Foto: Maxym Marusenko, Keystone

Das Gluckern war unmissverständlich. In einer Angriffsnacht Mitte Januar verschwand die Wärme zuerst aus den Heizkörpern, dann aus dem Schlafzimmer. Gegen zwei Uhr morgens sei das gewesen, erinnert sich Anna Timoschenko. Das genaue Datum fällt ihr erst nach kurzem Überlegen ein – zu viele solcher Nächte gab es, zu viele schlaflose Stunden des Bangens um das eigene Leben. «Ich wollte noch schnell duschen, weil ich sofort Angst hatte, dass wir am nächsten Tag kein fliessendes Wasser mehr haben würden», sagt die 23-Jährige am Telefon. Doch als sie den Wasserhahn aufdrehte, kam in ihrer Wohnung im fünften Stock bereits nichts mehr aus der Leitung. Die Heizung blieb tagelang kalt.

Die Lage im Osten Kyjiws, wo Timoschenko wohnt, ist seit Wochen angespannt. Zeitweise brechen Strom-, Heiz- und Wasserversorgung komplett zusammen. Immer wieder habe sie in den vergangenen Wochen auch keinen Mobilfunkempfang gehabt, sagt Timoschenko. «Ich war einfach nicht mehr erreichbar für die Aussenwelt.» Vor kurzem zog sie deshalb zu ihrer älteren Schwester und deren fünfjähriger Tochter, die ebenfalls in Kyjiw leben.

Die beiden Schwestern sind aus Sumy im Nordosten des Landes nahe der Grenze zu Russland nach Kyjiw gekommen, weil ihr Heimatort immer wieder zum Ziel heftiger Angriffe geworden war. Mit Bettflaschen versuchen die drei nun, der Kälte zu trotzen; der Gasherd in der Küche ist dauerhaft an und dient oft als einzige Wärmequelle, wenn es in der Wohnung acht, vielleicht zehn Grad hat.

Weil selbst der Kindergarten an manchen Tagen nicht beheizt werden kann und deshalb geschlossen bleibt, passt Timoschenko auch regelmässig auf ihre Nichte auf und denkt sich zur Ablenkung Spiele aus. Sie malt mit ihr, übt das Alphabet. Aber natürlich bekomme die Kleine mit, was passiere. «Wenn sie mit ihren Puppen spielt, zieht sie ihnen dicke Kleidung an und deckt sie zu, damit ihnen nicht auch kalt wird», sagt Timoschenko.

Kyjiw befindet sich nicht zum ersten Mal in einer Ausnahmesituation. Die Bewohner:innen sind leidgeprüft, Strom- und Heizungsausfälle haben sie in den vergangenen Kriegsjahren immer wieder erlebt. Doch noch nie seit Beginn der russischen Vollinvasion sind die Temperaturen auf minus fünfzehn oder gar minus zwanzig Grad gefallen. Der Dnipro, drittlängster Fluss Europas und natürliche Grenze zwischen der östlichen und der westlichen Stadthälfte, ist mittlerweile fast ganz zugefroren. «Ich habe das Land seit Kriegsbeginn nie verlassen», sagt Timoschenko, «und kann mich nicht erinnern, dass die Lage in Kyjiw jemals so schwierig war wie jetzt.»

Erstmals seit Februar 2022 wurde in der Hauptstadt sogar die nächtliche Ausgangssperre gelockert, damit die Bewohner:innen auch nachts die von der Stadt aufgestellten Notwärmezentren und U-Bahn-Stationen aufsuchen können, die vor den Angriffen schützen. Anna Timoschenko sagt, sie bleibe während der Angriffe jeweils in ihrer Wohnung. Um sich in einer der Metrostationen in Sicherheit bringen zu können, müsste sie in der Dunkelheit und bei zweistelligen Minusgraden einen Fussweg von einer halben Stunde zurücklegen.

Aufgeben ist keine Option

Es ist ein Teufelskreis: Kaum sind die Schäden an der Infrastruktur notdürftig behoben, folgen neue Angriffe. In den sozialen Netzwerken kursieren neben Überlebenstipps und Zweckoptimismus derweil auch Videos junger Menschen, die auf dem zugefrorenen Dnipro bei Technopartys tanzen, darauf mit ihren Autos driften oder im Eiswasser baden. Sie demonstrieren ihre Resilienz und machen klar, dass Aufgeben für sie keine Option ist. Doch mit den gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur dränge Russland die Hauptstadt Stück für Stück an den Rand einer humanitären Katastrophe, sagt Janina Lewkowska, die Leiterin des Samariterbunds. «Für viele Menschen, besonders für vulnerable Gruppen, fühlt es sich längst wie eine humanitäre Notlage an.»

Nach Angaben des Kyjiwer Bürgermeisters Witali Klitschko haben etwa 600 000 Menschen die Hauptstadt vorübergehend verlassen und sind in umliegende Dörfer, zu Verwandten oder ins Ausland geflüchtet, wo die Versorgungslage besser ist. Bettlägerige Menschen wurden in städtische Pflegeeinrichtungen gebracht, nun sollen alleinstehende ältere Personen evakuiert werden. Die Kapazitäten der Stadt sind allerdings begrenzt: Es fehlt an freien Plätzen ebenso wie an finanziellen Ressourcen.

Seit bald vier Jahren dauert der Angriffskrieg bereits an, seit bald vier Jahren funktioniert die Bevölkerung im Überlebensmodus: mit haltbaren Lebensmitteln, Powerbanks, Bargeld, Taschenlampen, Kerzen und Gaskochern. Schon im Herbst war die Energieinfrastruktur durch russische Angriffe so stark beschädigt worden, dass geplante Stromabschaltungen den Alltag bestimmten. Rückblickend sei das Leben damals vergleichsweise unkompliziert gewesen, sagt Timoschenko. «Man konnte sich an den Plänen in der städtischen App orientieren und wusste, wann man Geräte wie die Waschmaschine benutzen konnte.» Selbst wenn man jetzt mal waschen kann, trocknet die Wäsche nicht mehr.

Tagsüber sucht Timoschenko Cafés und Restaurants mit Generatoren auf und arbeitet als Vorsitzende einer der grössten Student:innenorganisationen des Landes an Projekten, die andere junge Menschen im Land halten sollen: Sie organisiert Weiterbildungsworkshops und Mentoringprogramme, vermittelt Jobmöglichkeiten. Alles, damit die junge Generation eine Perspektive und eine Zukunft hat. Doch auch Timoschenko hat Bekannte, die inzwischen darüber nachdenken zu gehen. Eine von ihnen ist Oleksandra Sawalniuk, die derzeit als Praktikantin in einem Kyjiwer Spital arbeitet.

Gehen oder bleiben?

«Es ist wirklich schwer, mit den täglichen Drohnenangriffen zu leben, weil man ständig darüber nachdenkt, ob man in dieser Nacht sterben wird oder nicht», sagt Sawalniuk am Telefon. Jeden Tag fährt die 23-Jährige von Browary nordöstlich von Kyjiw mit dem Bus in die Hauptstadt. Im Spital müssen Operationen bei Angriffen manchmal verschoben werden. Einschläge habe es auch schon in unmittelbarer Nähe gegeben. «Es gab einige Tage, an denen wir weder Licht noch Wasser noch Heizung hatten», erzählt Sawalniuk. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, sich als junger Mensch finanziell über Wasser zu halten, denn die Preise für Lebensmittel, Sprit und Mieten sind seit dem Krieg stark gestiegen. Neben ihrem Praktikum verrichtet sie fünfmal im Monat 24-Stunden-Dienste als Pflegerin und arbeitet online an einem wissenschaftlichen Rechercheprojekt mit.

Obwohl sie sich selbst als positiven Menschen beschreibt, versuche sie derzeit, die meisten Tage einfach zu verdrängen und zu vergessen, erzählt Sawalniuk. Von den Nachrichten, die sie als mehrheitlich traurig beschreibt, halte sie sich fern. «Als ich mich 2018 für ein Medizinstudium entschied, hätte ich nicht gedacht, dass sich mein Land einmal in einem derartigen Kriegszustand befinden würde», sagt die junge Frau. Sie überlege, eine westeuropäische Sprache zu lernen; Bekannte, die mittlerweile in Lissabon leben, schwärmten ihr von Portugal vor. «Wenn die Lage besser wird, will ich aber in der Ukraine bleiben», sagt sie.

Für Anna Timoschenko ist Gehen keine Option. Sie glaubt zwar nicht an ein baldiges Ende des Krieges oder daran, dass Russland seine Angriffe einstellen wird. Was sie weiss, ist, dass nach dem Winter der Frühling kommt. Weiter können die Menschen in der Ukraine derzeit ohnehin nicht planen.