Israel und Libanon : Historischer Small Talk

Nr. 16 –

Erstmals seit Jahrzehnten führen Vertreter:innen der israelischen und der libanesischen Regierung direkte Gespräche. Mehr als eine symbolische Geste dürften sie kaum sein. Der Schlüssel zu einem Ende des Krieges in Nahost liegt derzeit in Pakistan.

In anderen Zeiten wären direkte Gespräche eine kleine Sensation, vielleicht sogar ein Hoffnungsschimmer auf Annäherung oder gar Friedensgespräche. Nicht so vor dem Hintergrund der eskalierenden Kriege in Nahost. Das historische Treffen unter US-Vermittlung zwischen der libanesischen Botschafterin Nada Hamadeh und ihrem israelischen Gegenüber Yechiel Leiter am Dienstag in Washington ging kaum über Symbolpolitik hinaus. Ein greifbares Ergebnis kam nicht zustande.

Die Probleme begannen bereits damit, dass die Partei, um die es eigentlich geht, nicht mit am Tisch sass. Die proiranische Schiitenmiliz Hisbollah, gegen die Israel im Libanon Krieg führt, lehnt Gespräche ohne vorherige Waffenruhe ab. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aber hat klar gesagt, es gebe «keinen Waffenstillstand im Libanon». Achtzig Prozent der Israelis sind laut Umfragen für eine Fortsetzung des Krieges – und im Herbst stehen in Israel Wahlen an.

Der Libanon will Frieden

Laut Medienberichten soll sich Netanjahu ohnehin nur unter Druck von US-Präsident Donald Trump auf die Verhandlungen eingelassen haben. Zuvor hatte Israels Luftwaffe binnen zehn Minuten rund hundert Angriffe im Libanon geflogen und Hunderte Menschen getötet (vgl. «Die Suche nach Sahra»). Damit hatte die israelische Regierung auch die fragile Waffenruhe mit dem Iran gefährdet. Doch auch die Angriffe auf dieses Land würden der Premier und laut Umfragen die Mehrheit der Israelis am liebsten fortsetzen.

Die libanesische Regierung ist somit die einzige Partei, die bereits seit Wochen Gespräche sucht. Sie ist dafür sogar bereit, sich auf offizieller Ebene mit israelischen Vertreter:innen zu treffen, obwohl der Libanon sein Nachbarland seit dessen Gründung 1948 völkerrechtlich nicht anerkennt. Das zeigt, wie gross in der Regierung und der Bevölkerung der Widerwille gegen diesen Krieg ist. Laut dem libanesischen Präsidialamt strebt die Regierung eine Waffenruhe und ein Datum für den Beginn bilateraler Verhandlungen an.

Doch sie hat kaum etwas anzubieten. Zwar erklärte sie die Hauptstadt Beirut jüngst zu einer Zone, in der nur staatliche Sicherheitskräfte Waffen tragen dürfen, und will so den Krieg auf den Süden des Landes begrenzen. Doch ob die schlecht ausgerüstete libanesische Armee das durchsetzen kann, ist eine andere Frage. Die Bilanz nach dem Waffenstillstand vom November 2024 ist nicht vielversprechend: Nachdem zuvor bei israelischen Angriffen zahlreiche Anführer und Waffenlager der Hisbollah getroffen worden waren, zerstörten libanesische Soldaten danach im Süden Tunnel und Raketenstartrampen der Miliz.

«Viele dachten danach, die Hisbollah sei am Ende, jetzt aber sehen wir, dass sie sich als militärische Organisation unter den Augen der Armee wieder aufbauen konnte», sagt Heiko Wimmen von der europäischen Denkfabrik Crisis Group im Libanon. «Man kann sich vorstellen, wie es ausgeht, wenn die libanesische Armee die Hisbollah gegen deren Willen entwaffnen oder deren Führungskader verhaften will.»

Fortsetzung in Islamabad erwartet

Doch auch für Israel könnte sich der militärische Druck kontraproduktiv auswirken: «Es gab zu Kriegsbeginn auch an der Basis der Hisbollah, in der schiitischen Minderheit des Libanon, Unmut», sagt Wimmen. Auch Schiit:innen, die nichts mit der Miliz zu tun haben, sind von israelischen Gegenangriffen und Vertreibungen pauschal betroffen. Zudem isolieren die israelischen Angriffe sie auch innerhalb der achtzehn Religionsgemeinschaften des Libanon, weil viele fürchten, sich mit der Aufnahme von schiitischen Geflüchteten zum Ziel zu machen. «Wir schlagen so hart zu, bis die Bevölkerung die bewaffnete Gruppe hinausdrängt – dieses Vorgehen hat in der Geschichte der Aufstandsbekämpfung fast noch nie funktioniert», sagt Wimmen. Stattdessen würden die Schiit:innen zurück in die Arme der Hisbollah getrieben.

Sowohl die israelische wie die libanesische Regierung betonen, die jetzigen Gespräche in Washington hätten nichts mit den Verhandlungen in Islamabad zwischen dem Iran und den USA zu tun. Doch die Hisbollah ist vom Iran abhängig, und das Regime in Teheran hält in seinem Überlebenskampf verbissen an seiner wichtigsten Stellvertretermiliz in der Region fest. «De facto steht der Libanon im Schatten der Verhandlungen in Pakistan; wenn es dort keine Lösung gibt, wird es auch hier keine geben», sagt Wimmen.

Eine erste Gesprächsrunde in Islamabad verliess US-Vizepräsident J. D. Vance am vergangenen Wochenende nach nur einem Tag ergebnislos. Laut der Nachrichtenagentur Reuters könnten die Verhandlungen mit dem Iran ab Ende der Woche fortgesetzt werden.