Clubsterben : Hamsterrad in der Diskothek
Die Schweizer Musikclubs sind in der Krise. Das liegt nicht am fehlenden Publikum, sondern am Geld. Dabei wäre alles einfach zu lösen – man müsste nur wollen.
Es mag schon sein, dass in dieser Welt gerade nicht viel Platz ist für wenig zielgerichtete Ausschweifungen. Dass die Leute Proteinshakes statt Alkohol trinken, gesund leben wollen und lieber im Gym oder zu Hause bleiben, statt rauszugehen. Jedenfalls wird das gern verkündet, wenn vom Clubsterben die Rede ist, von der immer grösser werdenden Krise im Nachtleben.
Vor zwei Jahren hat sich die WOZ noch mit einigem Zweckoptimismus in der Schweizer Clublandschaft umgesehen (siehe Nr. 28/24). Seither ist die Lage tatsächlich nur düsterer geworden: In Zürich verschwanden schon Zukunft, Hiltl, Bronx, Schickeria und Mascotte, im Februar 2027 soll der Komplex 457 schliessen, und auch das X-tra wird voraussichtlich 2027 den derzeitigen Standort verlassen müssen – wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Mit Soso und In Transformation (früher Kapitel) hat Bern seine einzigen richtigen Clubs verloren, was diese Kleinstadt empfindlich trifft. Und in Basel ist mit dem Ende von Humbug, Sudhaus, Sääli, Rouine, Wurm und Quarterdeck, wo im Februar der obere Stock vollständig ausgebrannt ist, von alternativer (Club-)Musikkultur kaum mehr etwas übrig.
Dazu kommen in den drei Städten halboffizielle Räume, in besetzten Häusern etwa, in Garagen, Kellern oder als Zwischennutzungen, die ihre Türen bereits geschlossen haben oder es bald tun müssen. Bei den Festivals sieht es auch nicht besser aus, wie letztes Jahr der «Tages-Anzeiger» in einem Überblick zeigte: Viele, vor allem Klein- und Kleinstfestivals, müssen nach teils vielen Jahren die Segel streichen.
Als Ursache dieser Krise wird immer ins Feld geführt: der zurückgehende Alkoholkonsum, der Trend zum gesunden Leben. Man konzentriert sich auf die Gäste und sucht die Schuld bei den Clubs, die sich der veränderten Nachfrage nicht anzupassen vermögen. Die Leute trinken nicht mehr? Dann erweitert doch euer Limoangebot! Die Leute wollen nicht mehr lange aufbleiben? Dann organisiert einen Frühstücksrave, damit sie danach beschwingt zur Arbeit können! Als ob Clubkultur nur aus Alkoholkonsum bestünde.
Und einmal abgesehen davon, dass sich solche Ideen merkwürdig bereitwillig einer möglichst effizienten Arbeitswelt unterwerfen, werden so auch grössere ökonomische Zusammenhänge einfach ausgeblendet: die Veränderungen im internationalen Musikmarkt, der Druck im Immobilienmarkt, das aggressive Raumgreifen internationaler Veranstaltungskonzerne wie Live Nation und CTS Eventim. Die schlechte Lage gilt ja nicht für alle, es gibt nur diesen traurigen Trend: Die Grossen werden grösser, die Kleinen gehen ein.
Wovon leben?
Petzi, der Schweizer Dachverband nichtgewinnorientierter Musikclubs und -festivals, hat diesen Frühling ein Manifest veröffentlicht, das sich mit den vielschichtigen Gründen für die Krise im Nachtleben auseinandersetzt. Denn, so Petzi-Geschäftsführer Diego Dahinden: «Es liegt nicht am Publikumsaufkommen. Dieses bleibt im Grossen und Ganzen stabil.» Das Manifest listet eine ganze Reihe von Umständen auf, mit denen Veranstalter:innen heute konfrontiert sind, etwa auch im Bereich der Stadtplanung (Lärmklagen) oder der Streamingplattformen (Lex Spotify), und bietet dazu jeweils Lösungsansätze.
Abstimmung über die ZW
Auch dieser Ort lebt von viel unbezahlter Arbeit: die Zwischennutzung Zentralwäscherei (ZW) in Zürich. Am 14. Juni stimmt die Stadt über deren Weiterführung bis 2035 ab. Wo dereinst ein neues Wohnquartier entstehen soll, entwickelt sich seit 2021 einer von Zürichs besten Kulturorten: über 400 Veranstaltungen im Jahr, Club, Konzerte, Theater, Gastronomie, Sport, Politik und vieles mehr. Auf die Kritik an einzelnen Veranstaltungen und damit verbundene Antisemitismusvorwürfe hat die ZW reagiert und etwa Kurationsrichtlinien und Awareness-Strukturen angepasst. Dass sich FDP, SVP und NZZ trotzdem weiter darauf berufen, ist fadenscheinig: Hier soll eine der letzten nichtkommerziellen Alternativen im teuren Zürich verhindert werden. aga
Am stärksten fokussiert es aber auf Finanzierungsfragen und die prekären Arbeitsbedingungen in der Musikbranche: Gemäss einer Petzi-Mitgliederumfrage von 2025 berichten fast achtzig Prozent der Lokale und Festivals von einer hohen bis kritischen Arbeitsbelastung, mehr als fünfzig Prozent von krankheits- und erschöpfungsbedingten Abwesenheiten in ihren Teams. Die Hälfte der Arbeitsstunden wird freiwillig geleistet, zwei Drittel der Mitglieder gehen davon aus, dass sie in den nächsten ein bis fünf Jahren strukturelle Anpassungen vornehmen müssen, wenn sie überleben wollen.
Das Manifest ist damit Ausdruck einer Entwicklung, die immerhin erfreulich ist: In der Szene wird immer öfter auch öffentlich über Geld gesprochen. Am Badener Festival One Of A Million etwa lag ein Zine auf, in dem sich die Organisator:innen in mehreren Texten mit der prekären Lage auseinandersetzen, in der sie und andere Festivals sich befinden. Die Stiftung Árvore hat letztes Jahr den Podcast «Wovon lebst du?» lanciert, in dem verschiedene Vertreter:innen der Musikszene zum Beispiel auch über Selbstausbeutung sprechen. Als das Booking-Kollektiv Glad We Met Ende 2024 sein Aus bekannt gab, tat es das mit einer ausführlichen Pressemitteilung, die auf die immer schwierigeren Verhältnisse für die unabhängige Musikszene aufmerksam machte. Und auch die Agentur Young & Aspiring hört dieser Tage aus gesundheitlichen Gründen auf, wie sie auf Instagram bekannt gab: Erschöpfung und Burn-outs seien in der Musikbranche leider allzu alltäglich geworden.
So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen: Das hört man mittlerweile von allen Seiten, nicht nur von den ganz kleinen Lokalen.
Petzi fordert deshalb ein Umdenken in der Finanzierung, gerade von staatlicher Seite. Denn eigentlich erstaunt ja das Schulterzucken in den Städten, zumal Zürich, Bern und Basel alle links-grün regiert sind. Da schreibt man sich eine vielfältig gelebte Kultur sonst gerne gross auf die Fahnen, und es wäre durchaus möglich, langlebige strukturelle Förderungen und gute Rahmenbedingungen für Musikclubs zu schaffen. Man müsste es nur wollen. So könnten etwa auch infrastrukturelle Massnahmen übernommen werden, die vielerorts durch die erhöhte Sensibilisierung nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana in den Fokus rücken: Richtig, dass genau hingeschaut wird – allerdings bricht das gerade vielen kleinen Clubs das Genick, weil sie keine Mittel dafür haben, ihre oft improvisierten Räume den feuerpolizeilichen Anforderungen anzupassen.
Ein weiterer Ansatz wäre ein Modell, wie es in Grossbritannien bereits erprobt ist: Dort fliesst bei einigen Grossveranstaltungen eine Ticketabgabe von einem Pfund in einen Fonds zur Unterstützung kleinerer Lokale. Auch Mainstreamstars wie Katy Perry, Ed Sheeran oder Coldplay führten eine solche Abgabe bei ihren Konzerten ein.
Ein solches Modell wird auch in der Schweiz diskutiert: Petzi führe derzeit Gespräche mit Veranstalter:innen, Künstler:innen, Clubs und Festivals, sagt Diego Dahinden.
Vertrauen aufbauen
Zum Druck von aussen kommen Ansprüche von innen. Seit einigen Jahren sind Awareness-Konzepte, Überlegungen zu Sicherheit, Umgang mit Gewalt und Raumgestaltung fester Bestandteil vieler Veranstaltungen. «Man ist sich mittlerweile einig, dass Awareness wichtig ist: Die Grundlagen sind gelegt. Jetzt geht es darum, Werkzeuge zu erarbeiten», sagt Lula Pergoletti von Helvetiarockt, dem Verein, der sich für Gleichstellung in der Schweizer Musikbranche einsetzt. Aber auch hier ist der Druck, gerade der finanzielle, zu spüren: Awareness und Sicherheit seien meistens die ersten Posten, die weggespart würden. Und: «In nicht gewinnorientierten Räumen ist es oft unbezahlte Arbeit, die in vielen Fällen von Finta-Personen geleistet wird», sagt Pergoletti.
Gibt es umgekehrt Fälle, wo vor lauter Awareness-Überlegungen kaum mehr Zeit bleibt fürs künstlerische Programm? Das könne schon sein, sagt Pergoletti. Aber: «Wir müssen aufpassen, dass wir diese Bereiche nicht gegeneinander ausspielen. Sondern uns eher fragen, wieso wir unter einem solchen Zeitdruck stehen.» Und das wiederum hat sehr viel mit Geld zu tun.
Es mag nicht immer einfach sein, gute, praxisnahe Awareness-Strukturen zu entwickeln, und manchmal führt das auch zu Interessenkonflikten. Zum Beispiel: Ein guter Clubraum ist dunkel und voller Nebel, das Awareness-Team je nachdem froh um bessere Sicht. Darauf zu vertrauen, dass sich die Leute melden, wenn sie ein Problem haben, wäre gut – aber funktioniert das zu jeder Zeit und unter möglichst vielen Bedingungen, im besten Fall auch hochskaliert auf einen Grossevent? Und wie stellt man als Veranstalter:in dieses Vertrauen überhaupt erst her? Es würde sich lohnen, einen gemeinsamen Umgang, praktische Antworten auf solche utopischen Fragen zu finden. Aber nicht, wenn das nur als Zusatzbelastung für lauter sowieso überarbeitete, prekär angestellte, gar nicht oder schlecht bezahlte Mitarbeiter:innen zu haben ist. ●
Das Manifest von Petzi findet sich unter www.petzi.ch/projekte-kampagnen.