Party ohne Gewalt: «Wir machen den Leuten nicht ihr Leben kaputt, sondern höchstens eine Nacht»

Nr. 50 –

Wie gehen Clubs und Festivals gegen sexualisierte Gewalt an ihren Veranstaltungen vor? Der Verein Helvetiarockt hat einen Bericht dazu veröffentlicht: Noch gibt es viel zu tun – doch in einigen Clubs hat schon ein Umdenken stattgefunden.

feiernde Menschen in einem Musikclub
Die Hausregeln sind klar: Einander respektieren und gemeinsam Verantwortung übernehmen für das, was im Club passiert. Foto: Imago

Es ist Samstagnacht im Club, die Musik laut, der Beat gut, und dann ist da noch die Hand am Arsch, unerwartet, unerwünscht. Was nun? Die Hand ignorieren, sich woanders hinstellen und so tun, als ob nichts passiert wäre? Oder aufhören zu tanzen, den Vorfall melden und damit den eigenen Flow unterbrechen?

Sexualisierte Gewalt ist überall, aber im Nachtleben konzentriert sie sich, weil erotisch aufgeladener, auch körperlicher Kontakt mit Unbekannten für viele dazugehört, aber nicht immer von allen erwünscht ist. Eigene und fremde persönliche Grenzen sind manchmal schwierig wahrzunehmen, hängen von der Tagesform ab, werden vernebelt durch laute Musik, Alkohol und andere Substanzen. Dabei sind Frauen und queere Menschen besonders oft von sexualisierten Übergriffen betroffen. Hier ein Griff an eine unerwünschte Stelle, da ein blöder Spruch oder ununterbrochenes Anstarren.

Viel freiwillige Arbeit

Das Thema brennt vielen Veranstalter:innen gerade in der nichtkommerziellen Clubszene unter den Nägeln. Das hat Helvetiarockt, ein Verein, der sich schweizweit für mehr Geschlechterdiversität in der Musikbranche einsetzt, bei seiner Vermittlungsarbeit vermehrt festgestellt und sich deshalb des Themas angenommen. Aus Interviews, Workshops und Umfragen bei Veranstalter:innen ist ein Bericht entstanden, der fragt: Wo liegen die Stolpersteine und Hindernisse, wenn man bei sexualisierter Gewalt im Nachtleben intervenieren oder sie von vornherein verhindern will? Und welche Unterstützung brauchen die Clubs und Festivals in diesem Prozess?

Fazit des Berichts: Es sind zum Grossteil Frauen, trans, intersexuelle und nonbinäre Menschen oder solche ohne Geschlecht, also jene, die selbst am ehesten von sexualisierter Gewalt betroffen sind, die sich in Clubs in diesem Bereich engagieren. Dies passiert häufig ehrenamtlich, beispielsweise in Awarenessteams, die sich um das Wohlbefinden aller kümmern und zusätzlich zum bezahlten Sicherheitsdienst vor Ort sind. Für die Institutionalisierung solcher Massnahmen fehlt es, wie so oft, an finanziellen Ressourcen. Mit dem Bericht will Helvetiarockt insbesondere Politik und geldgebende Institutionen für das Thema sensibilisieren. «Uns interessierten weniger die konkreten Massnahmen als vielmehr, wie diese verankert wurden», erklärt Yvonne Meyer, Koautorin des Berichts, im Gespräch. «Wie erfahren alle, vom Publikum über die Mitarbeitenden am Einlass und an der Bar bis hin zu den Hunderten von freiwilligen Helfenden an einem Festival, von Konzepten, die an der Veranstaltung gelten? Wer kann diese Konzepte mitgestalten? Und wie werden sie vom ganzen Team getragen?»

Fundamentaler Wandel

Besuch im sogenannten Bermudadreieck des Berner Nachtlebens: Die drei Clubs Reitschule, ISC und Kapitel Bollwerk sowie die Strassen und Plätze dazwischen sind ein wichtiger Treffpunkt für ein junges, alternatives Partyvolk. Sie sind aber auch sozialer Brennpunkt, vor allem, weil sich auf der Schützenmatte und vor dem Fixerstübli Menschen aufhalten, die sonst nirgends geduldet werden. Ausgerechnet hier haben zwei Clubs in den letzten Jahren einen fundamentalen Wandel durchgemacht: von berüchtigten Unorten ohne Regeln hin zu sicheren Zonen für viele junge Frauen und queere Menschen.

Es ist Dienstagabend, und in der «Cafete» ist bald Sitzung. Das Einraumlokal in der Reitschule ist für Dorina und Reya vom Kollektiv Cafete, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden wollen, wie ein zweites Zuhause. Ein Zuhause mit klaren Hausregeln: «Wir müssen einander respektieren und gemeinsam Verantwortung übernehmen dafür, was hier drinnen passiert. Wenn du in einer uncoolen Situation bist oder etwas beobachtest, melde es uns sofort. Sei verantwortungsvoll in deinem Alkoholkonsum. Fotos, Videos und harte Drogen sind verboten», zählt Dorina die wichtigsten Punkte des Awarenesskonzepts auf, das ein Mitglied vom Kollektiv Nacht für Nacht allen Besucher:innen am Einlass erklärt. Zusätzlich arbeitet ein dreiköpfiges mobiles Einsatzteam im Lokal. Der Inhalt des Konzepts wurde während der erzwungenen Schliessungen durch die Coronapandemie im Kollektiv ausgearbeitet.

«Das Wichtigste: Wir setzen auf Kommunikation, nicht auf Gewalt», sagt Dorina und zeigt mit Reya vor, wie sie bei besonders renitenten Besucher:innen einen Korridor bilden, damit die Person ohne Gewalt nach draussen geführt werden kann. Erstaunlich oft aber gelinge es, dass übergriffige Personen ohne grossen Widerstand das Lokal verliessen. Mitunter versucht das Team sogar, die Beteiligten an die wöchentliche Sitzung einzuladen, wenn nach schwierigen Situationen oder Missverständnissen in der Nacht Klärungsbedarf besteht. «Wir arbeiten hart dafür, dass sich hier alle wohlfühlen», fasst Dorina zusammen.

Ähnlich klingt es wenige Hundert Meter weiter. Das «Kapitel Bollwerk», lange bekannt als eher gehobenes Restaurant mit epischer Club-After-Hour und exklusiver Selektion an der Tür, ist heute ein beliebter Treffpunkt der jungen queeren Community. Auch hier brachte die Coronapandemie die nötige Pause im Tagesgeschäft, um nach intensiver und langjähriger Auseinandersetzung ein Awarenesskonzept zu verschriftlichen, das vom ganzen Team getragen wird. «Massnahmen gegen sexualisierte Gewalt sind für uns nicht losgelöst von Awareness im erweiterten Sinne zu denken, denn sexualisierte Gewalt ist eng mit patriarchalen Strukturen, Binarität oder veralteten Gesetzen verbunden, die beim Awarenesskonzept grundlegend hinterfragt werden», so Dino Dragic-Dubois vom Leitungsteam. Pro Veranstaltungsabend arbeiten heute neun bis elf Leute im «Kapitel Bollwerk», jemand aus dem Team erklärt an der Tür das Konzept, und mindestens eine Person ist als Awarenesszuständige im Club unterwegs.

Seit dieser Neuausrichtung habe sich hier alles verändert: vom Publikum über das Team bis hin zu den auftretenden Künstler:innen, die diverser, jünger, durchmischter geworden sind. Insbesondere die zahlungskräftigen Männer um die dreissig, die bereits am Donnerstag gross dinierten und die ganze Nacht tranken, bleiben weg. Den Betreiber:innen ist das recht, doch die wirtschaftlichen Konsequenzen davon hätten sie unterschätzt: «Gerade die Bareinnahmen betragen zum Teil einen Bruchteil unserer früheren Nächte», sagt Dragic-Dubois.

Deutungshoheit der Betroffenen

Wenig erstaunlich, dass aus derselben Ecke des Berner Nachtlebens der Sicherheitsdienst Taktvoll entstanden ist, der auf Augenhöhe gegen alle Art von Übergriffen vorgehen möchte. Insbesondere in der linksalternativen Szene wollte man keine kommerziellen Sicherheitsdienste anstellen. «Ich hörte auch ausserhalb von immer mehr Veranstaltenden, die sich ­einen diskriminierungssensibleren Sicherheitsdienst wünschten. Es fehlte aber am Angebot», sagt Christoph Ris, einer der Gründer von Taktvoll. «Wir stiessen daher mit unserer Idee zum Teil zwar auf Unverständnis und Unglauben, haben aber auch viele offene Türen eingerannt», erinnert sich Ris. Heute übernimmt Taktvoll die Sicherheitsarbeit in unterschiedlichsten Lokalen des Berner Nachtlebens, aber auch an Demonstrationen, den Eurogames oder am Literaturfestival Buch Basel.

Zentral bei Taktvoll ist, dass die Betroffenen die Deutungshoheit über das Geschehen haben. «Die Gesellschaft und unser Justizsystem solidarisieren sich häufiger mit gewaltausübenden Personen. Es gilt für sie die Unschuldsvermutung, was in Strafverfahren richtig und wichtig ist. Wir haben in Clubs aber keine soziale Funktion in diesem Sinne und machen den Leuten nicht ihr Leben kaputt, sondern höchstens eine Nacht», sagt Aurelia Golowin von Taktvoll. «Dabei vermitteln wir auch den Leuten, die Grenzen überschritten haben, dass sie keine schlechten Menschen sind, sondern dass ihre gezeigte Verhaltensweise ein Problem darstellt. Bei leichteren Vergehen erhalten sie auch kein Hausverbot und dürfen wieder kommen, wenn sie bereit sind, sich an unsere Hausordnung zu halten.»

Es fehlt an Geld

Kritiker:innen monieren gerne, Awarenesskonzepte würden die Erotik im Nachtleben verunmöglichen; junge Männer wüssten heute kaum mehr, wie sie noch flirten dürften. Mahalia Haberthür vom «Kapitel Bollwerk» entwarnt: «Je nach Party kommen sich die Menschen bei uns wahnsinnig nahe, ohne dass irgendeine Person sich melden muss, weil das Konzept von Konsens und Kommunikation eben auch da funktioniert.» Und auch in der «Cafete» in der Reitschule sagt Reya mit Überzeugung: «Es ist offensichtlich, ob jemand mit dem Flirt einverstanden ist oder sich in einer Interaktion nicht wohlfühlt.»

Beim Thema Awareness geht es letztlich auch um Diversität beim Booking und im Team sowie um das Wohlbefinden jener, die sich in den Clubs für all das engagieren. Denn noch immer basiert ihr Engagement auf selbstausbeuterischer Gratisarbeit. Nicht nur, um die neu entstehenden Arbeitsstellen zu finanzieren, sondern auch, um die Mitarbeiter:innen auszubilden, bräuchte es mehr Geld. Hinzu kommt, dass es an Schulungen und Austauschplattformen fehlt, damit weitere interessierte Veranstalter:innen nachziehen könnten. Das ist vielleicht das wichtigste Fazit des Berichts von Helvetiarockt: «Für all das brauchen Veranstaltende mehr Geld», sagt Yvonne Meyer und betont gleichzeitig, dies dürfe jedoch auf keinen Fall zulasten der Kulturbudgets gehen.