Nr. 46/2020 vom 12.11.2020

Lichttechnikerin in Glarus gesucht

Der Verein Helvetiarockt hat eine neue Plattform für Frauen und queere Personen aus der Musikbranche lanciert. Auch gut vernetzte Bookerinnen und Musikerinnen können sich vorstellen, über Music Directory neue Kontakte zu knüpfen.

Von David HunzikerMail an AutorIn

Wo finde ich eine Bassistin, einen queeren Drummer, eine Beleuchterin? Auf Music Directory gibt es bereits über 800 Profile. Montage: WOZ

Mirjam Gautschi, die als Molekühl auflegt und elektronische Musik macht, beobachtet einen Aufbruch in der Schweizer Musikszene: «In meinem Umfeld wurden Frauen in den letzten Jahren deutlich sichtbarer.» Sie nennt etwa die wachsende Bemühung von Festivals und Clubs, ausgeglichene Line-ups zu buchen, oder die intensivere Vernetzung unter Frauen – wie etwa beim 2019 in Zürich gegründeten Kollektiv F96, das sich für ein diverses Nachtleben starkmacht. «Wir spüren in der Musikszene sicher auch die Auswirkungen von Bewegungen wie #MeToo oder dem Frauenstreik. Auf jeden Fall soll und kann das Thema nicht mehr ignoriert werden. Als ein Zürcher Club kürzlich eine Jubiläumsnacht mit über dreissig ausschliesslich männlichen DJs veranstaltete, gab es auf Social Media einen Aufschrei», sagt Gautschi.

Trotzdem wird die Schweizer Musikszene immer noch von Männern dominiert. Um den Anteil der Frauen genau zu bestimmen, bräuchte es eine repräsentative Studie; eine solche hat der Bund in der Kulturbotschaft 2021–2024 immerhin in Auftrag gegeben. Eine Vorstellung gibt aber der Anteil Frauen, die bei der Suisa als UrheberInnen gemeldet sind: 16 Prozent. Eine Studie zum Anteil Musikerinnen in der Basler Musikszene kam auf gerade mal 10 Prozent. Queere Personen sind noch weniger sichtbar und nicht statistisch erfasst.

Musikszene breit gefasst

Helvetiarockt versucht, dem seit 2009 mit unterschiedlichen Mitteln entgegenzuwirken: Der Verein organisiert Workshops und Diskussionsrunden, vernetzt Profimusikerinnen, lobbyiert in der Politik und hat letztes Jahr mit der «Diversity Roadmap» eine praktische Anleitung für VeranstalterInnen veröffentlicht. Nun hat Helvetiarockt ein neues Projekt lanciert: die Plattform Music Directory, auf der Frauen, non-binäre, Inter- und trans Personen aus der Schweizer Musikszene ihre eigenen persönlichen Profile oder die ihrer Projekte erfassen können. Die Seite musicdirectory.ch kann nach verschiedenen Parametern wie Region, Musikrichtung oder Tätigkeit durchsucht werden. Die Musikszene wird breit gefasst, es finden sich hier etwa auch Technikerinnen, Grafikerinnen, Forscherinnen, Musikpädagoginnen oder Tourmanagerinnen.

«Ich würde schon mehr Frauen buchen, aber es gibt halt fast keine» – Music Directory will dieses oft gehörte Argument entkräften. Letizia Carigiet von Helvetiarockt betont aber, dass die Seite nicht in erster Linie als Bookingtool gedacht sei: «Die Plattform soll vor allem die Vernetzung erleichtern und Vorbilder in allen Bereichen der Musikbranche sichtbar machen.» Darum sei es wichtig, dass von prominenten Musikerinnen wie Sina oder Steff la Cheffe bis zu Personen, die erst einen Einstieg in die Musikszene suchen, alle vertreten seien.

Für Mirjam Gautschi, die auch als Bookerin im Winterthurer Club Kraftfeld arbeitet, gehen Vernetzung und Booking Hand in Hand. «Beim Booking habe ich hohe Ansprüche, und ich suche oft nach spezifischen Stilen, die nicht von vielen DJs gespielt werden. Gerade weil ich auf so viel mehr als das Geschlecht schaue, muss ich mein Netzwerk ständig ausbauen.» Auch Kathy Flück, Bookerin im Berner Dachstock, kann sich gut vorstellen, dass die Plattform für ihre Arbeit interessant sein könnte. «Natürlich kenne ich viele Musikerinnen, doch unter Zeitdruck oder an einem schlechten Tag kann es gut sein, dass ich froh bin um einen Reminder.» Es komme oft vor, dass sie eine lokale Vorband suche, die stilistisch zu einem internationalen Act passe, dafür sei die detaillierte Suchfunktion hilfreich.

Mut für Anfängerinnen

Daniela Weinmann, die als Odd Beholder Musik veröffentlicht und auch Workshops für junge Songwriterinnen anbietet, ist überzeugt, dass eine Plattform wie Music Directory ihr in Teenagerjahren geholfen hätte. «Damals hätte ich gern mit Frauen Musik gemacht, aber ich kannte keine Frauen, die die gleiche Musik machen wollten wie ich oder ein Instrument spielten, das ich für meine Band gesucht hätte.» Heute kenne sie viele Frauen, deren Arbeit sie bewundere und bei denen sie sich wünsche, sie würden mit ihr zusammenarbeiten – die meisten habe sie an alternativen Festivals, einschlägigen Partys oder Backstage kennengelernt. «Aber viele Anfängerinnen haben keinen Zugang zu diesen Räumen oder getrauen sich nicht.» Obwohl sie mittlerweile gut vernetzt ist, kann Weinmann sich vorstellen, über die Seite neue Leute zu finden, die sie als Solomusikerin immer wieder sucht. Gerade arbeitet sie an einem Video für einen ihrer neuen Songs – ausschliesslich mit Frauen. Auf einige von ihnen stiess sie auf der Plattform cinematographinnen.net, die sich an Bildgestalterinnen aus dem deutschsprachigen Raum richtet.

Music Directory scheint gerade einen Nerv zu treffen – zahlreiche Medien haben berichtet, unzählige AkteurInnen aus der Musikszene sich im Netz solidarisiert. Drei Wochen nach ihrer Lancierung zählt die Seite bereits über 800 Profile. Auch Letizia Carigiet spürt, wie einflussreich die Arbeit von Helvetiarockt geworden ist. «Bei der Gründung vor elf Jahren wurden wir noch eher belächelt – heute werden wir als Fachpersonen befragt und auf Podien geladen, sitzen in Gremien wie dem Schweizer Musikrat, der Dachorganisation der nationalen Musikverbände. Man kann uns nicht mehr ignorieren.»

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