Autorinnen in Afghanistan (8) : Valentinstag in Kabul
Mit ungewöhnlichen Strategien feiern Afghan:innen den Tag der Liebe – doch sie setzen sich grosser Gefahr aus.
Es war der 12. Februar, und ich besuchte den Basar im Kabuler Stadtteil Schahr-e-Now. Nachdem ich meine Besorgungen erledigt hatte, ging ich in ein Restaurant. Auf Anordnung der Taliban sind Restaurants derzeit in Frauen- beziehungsweise Familien- und Männerbereiche unterteilt. Auf dem Weg zum Familienbereich fiel mir ein Aushang ins Auge, der meine Neugier weckte. Es handelte sich um eine Bekanntmachung des Ministeriums für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters, in der die Bevölkerung aufgefordert wurde, den Valentinstag – den Tag der Liebenden – nicht zu feiern, weil er keine islamische Grundlage habe. Alle Personen, die den Tag trotzdem feiern würden, riskierten eine Strafe.
Ich betrat den Familienbereich und traute meinen Augen kaum: An mehreren Tischen sassen Mädchen und Jungen zusammen. Auf manchen Tischen lagen Geschenke oder rote Rosen. Ich erkundigte mich beim Kellner, ob es eine Feier gebe. Er erwiderte, dass in zwei Tagen Valentinstag sei. Die jungen Leute würden das Verbot der Taliban bereits kennen, denn es galt schon im vergangenen Jahr. Deshalb hätten sie ihren Valentinstag kurzerhand um zwei Tage vorverlegt, um gemeinsam ein paar schöne Stunden geniessen zu können. Er erklärte, das Restaurant sei gewarnt worden: Bei einem Verstoss gegen die Anordnung drohe eine Geldstrafe oder die Schliessung. Ich fragte, was passieren würde, wenn heute eine Kontrolle stattfände. Der Kellner meinte, er hoffe, dass das nicht passiere. Am eigentlichen Valentinstag würden mit Sicherheit Kontrollen durchgeführt.
Geschenke im Hinterzimmer
Am Valentinstag, dem 14. Februar, ging ich erneut nach Schahr-e-Now. Die Blumenläden hatten ihre Schaufenster mit aufwendig gestaltetem Blumenschmuck dekoriert. Vor den Geschäften standen Vasen mit farbenfrohen Sträussen. Es wirkte, als hätten sich die Inhaber auf den Valentinstag vorbereitet. Als ich die Strasse weiterging, sah ich Polizisten und Beamte des Tugendministeriums, die junge Menschen daran hinderten, Blumen zu kaufen, und sie über die Anordnung belehrten. Die Ladenbesitzer wurden ermahnt, keine Blumen oder Geschenke zu verkaufen.
Ich betrat einen Blumenladen. Zwei junge Frauen, offensichtlich Schwestern, diskutierten mit dem Ladenbesitzer, weil er ihnen keine Blumen verkaufen wollte. Sie empörten sich, er müsse sich doch über Kundschaft freuen. Der Mann stimmte ihnen zu, verwies jedoch auf die Anordnung des Tugendministeriums. Ich war erstaunt, doch der Ladenbesitzer sagte, er habe Angst vor einem grösseren wirtschaftlichen Schaden oder der Schliessung seines Geschäfts, sollte er gegen die Anordnung verstossen. Ich fragte die jungen Frauen, ob sie heute Valentinstag feiern wollten. Nein, sagten sie, ihre ältere Schwester habe ihr erstes Kind bekommen. Sie wollten ihr Gebäck oder Blumen ins Krankenhaus bringen. Schon der Konditor habe ihnen nichts verkauft, nun sollten sie hier auch nichts bekommen. Sie könnten die Ladenbesitzer nicht verstehen.
Der Blumenhändler machte ein Angebot: Wenn sie am nächsten Tag wiederkämen, würde er ihnen einen Rabatt geben. Nur heute, da bitte er um Entschuldigung, und in anderen Geschäften werde es ihnen genauso ergehen. Ich hatte Mitleid mit den jungen Frauen. Der Ladenbesitzer zeigte auf die Beamten draussen und fügte hinzu, dass es auch für die jungen Frauen gefährlich werden könnte, wenn sie mit Blumen oder Geschenken auf der Strasse angehalten würden. Mein Herz fühlte mit den Frauen, und ich lächelte ihnen zu. Die ältere der beiden rief: «So weit ist es also gekommen. Nicht einmal Blumen und Gebäck dürfen wir mehr kaufen!»
Ich verliess den Laden und betrat einen anderen. Zum Inhaber sagte ich, dass ich ein Geschenk kaufen wolle. Er öffnete eine Tür zum hinteren Ladenbereich. Dort entdeckte ich die vielen Geschenkartikel. Der Mann sagte, für den Valentinstag gebe es zwar ein Verkaufsverbot, von ausgewählten Kunden würden sie jedoch Onlinebestellungen annehmen. Ob viele Bestellungen eingegangen seien, erkundigte ich mich. Ja, bestätigte er. Sie könnten nur nicht alle am heutigen Tag ausliefern, weil sie im Verborgenen arbeiten müssten. Manche Bestellungen würden daher erst am nächsten oder übernächsten Tag zugestellt. Dann gab er mir seine Visitenkarte. Ich nahm sie und machte mich auf den Weg zu dem Restaurant, in dem vor zwei Tagen so reges Treiben geherrscht hatte.
Gewehre vor der Tür
Es war ein grosses Lokal mit drei Eingängen. Beim Haupteingang sassen zwei Beamte des Tugendministeriums. Sie trugen schwarze Kleidung und hatten ihre Gewehre an die Stühle gelehnt. Beim Betreten des Restaurants ging ich an ihnen vorbei und spürte, wie sie mich von oben bis unten musterten. Im Familienbereich sassen nur an zwei oder drei Tischen ein paar Gäste, ansonsten war der Raum leer. Im Männerbereich war fast niemand. Als der Kellner kam, fragte ich ihn, warum heute so wenig los sei. Er fragte zurück, ob ich nicht die Männer in Schwarz an der Tür gesehen hätte. Wenn die Gäste sie und ihre Waffen sähen, hätten sie keine Lust mehr, hereinzukommen. Das konnte ich verstehen. Er erzählte weiter, dass er den Beamten sogar ein Essen serviert habe. Allerdings hätten diese darauf bestanden, nacheinander zu essen. Einer sollte jeweils draussen aufpassen, damit das Restaurant nicht die Gelegenheit nutzte, junge Paare in den Familienbereich hineinzulassen.
Valentinstag war in Afghanistan lange nicht populär, viele kennen ihn auch heute noch nicht. Doch während der Jahre der Republik und der Öffnung von 2004 bis 2021 wurde es unter jungen Männern und Frauen sowie unter verheirateten Paaren Brauch, den Tag zu feiern. Besonders in den Kabuler Vierteln Schahr-e-Now und Kārte Seh gingen die Leute in Restaurants, Konditoreien verzierten kleine Törtchen, Blumenläden stellten Valentinsgeschenke und rote Rosen bereit. Für die Menschen war es ein Tag der Liebe und der Freude, für die Ladenbesitzer oft der umsatzstärkste Tag des Jahres. Doch für die Taliban zählen weder die Liebe noch das Geschäft von uns Menschen – alles, was Freude bringt, wird unter ihrer Herrschaft erstickt.
Aus dem Paschtu von Bianca Gackstatter.