Autorinnen in Afghanistan (7) : Zaghafte Proteste
Unsere Autorin hat sich umgehört, ob und wie sich die afghanischen Männer für die abgeschafften Rechte der Frauen einsetzen.
Der berühmte persische Dichter Saadi sagte: «Wen fremdes Weh nicht rührt im Herzen, der ist des Namens Mensch nicht wert.» Menschlichkeit bekommt also erst dann eine Bedeutung, wenn wir den Schmerz und das Leid unserer Mitmenschen wahrnehmen und darauf reagieren.
Vier Jahre sind seit der Machtübernahme der Taliban vergangen, und seit vier Jahren setzen sie die Unterdrückung von Frauen als Mittel zur Demonstration ihrer Macht ein. Bisher haben afghanische Männer kaum gegen die radikalen Beschränkungen der Frauenrechte protestiert. Sie haben ihre Frauen im Stich gelassen. Ich frage mich, warum sie sich nicht gegen die Verletzung von Frauenrechten wehren. Warum ignorieren sie das Leid der Frauen? Sind sie mit diesem repressiven Vorgehen einverstanden? Um das herauszufinden, habe ich mich in meinem Umfeld umgehört. Dass sich nur drei Männer dazu äussern wollten, spricht für sich.
Kurse zu Resilienz
Ein Psychologe, der nicht namentlich genannt werden will, sagt in einem Gespräch, dass er die Beschränkungen ablehne, die Frauen und Mädchen aufgezwungen werden. Wann immer in einer Gesellschaft eine Gruppe aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Überzeugungen oder anderer Kriterien unterdrückt und diskriminiert werde, sollten die Mitmenschen dieser Gesellschaft dem gegenüber nicht gleichgültig sein. Diskriminierung sei ein Phänomen, das sich ausbreite und alle Menschen in irgendeiner Weise betreffe. Unter den aktuellen Bedingungen könne öffentlicher Protest in Afghanistan aber zu Folter, Inhaftierung und Tod führen. Deshalb bringe er seinen Protest still zum Ausdruck: Er biete praktische Massnahmen an, um grundlegende Veränderungen im Leben der Frauen zu bewirken, ihre mentale Gesundheit zu verbessern und ihre Kompetenzen zu stärken. Weil sie weniger Zugang zu Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten hätten, bilde er Psychotherapeutinnen aus und helfe ihnen beim Ausbau ihrer beruflichen Fertigkeiten. Ausserdem biete er Kurse zu Resilienz, Gesprächsführung und Selbstvertrauen an, um die sozialen Kompetenzen von Mädchen und jungen Frauen zu stärken. Gleichzeitig berate er über eine Wohltätigkeitsorganisation junge Frauen im Alter von dreizehn bis dreissig Jahren, die nach den jüngsten Einschränkungen am stärksten psychisch belastet seien.
Fahim aus Kabul sagt: «Meine Tochter ist Hebamme und arbeitet in einem Team der mobilen Gesundheitsversorgung. Sie ist froh, einer Berufstätigkeit nachgehen zu können, und fühlt sich wertgeschätzt. Doch aufgrund der Reisebeschränkungen, die die Taliban Frauen auferlegt haben, kann sie nicht ohne männliche Begleitung reisen. Deswegen begleite ich meine Tochter und werde sie trotz meiner Rückenprobleme auch weiter begleiten, denn ich bin der Meinung, dass sie das Richtige tut. Sie hilft Frauen, die in abgelegenen Gebieten keinen Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung haben. Es würde nichts bringen, wenn ich auf die Strasse ginge, protestieren und Slogans rufen würde – niemand würde uns zuhören. Doch indem ich sie begleite, kann ich meiner Tochter und durch sie auch anderen Frauen helfen.»
Der Fahrer Reza fährt mit seinem Auto Passagier:innen von einer Provinz in die andere. Auf meine Frage, ob er mit dem Vorgehen der Taliban einverstanden sei, sagt er: «Einige Massnahmen der Taliban befürworte ich. Dass sie versuchen, Strassen zu reparieren und den Städtebau voranzutreiben, ist eine gute Sache – aber Schulen und Universitäten für Mädchen zu blockieren, nicht.» Er sei zwar in einer traditionellen Gesellschaft geboren und aufgewachsen, aber wenn die Tore der Universitäten noch weitere Jahre für Frauen verschlossen blieben, könnten Frauen keine Abschlüsse in Geburtshilfe und Medizin erwerben. Frauen wären so gezwungen, im Beisein männlicher Ärzte zu entbinden, was gegen die Kultur und die Religion des Landes verstossen würde. Er erzählt mir folgende Geschichte: «Vor kurzem hatte ich einen Talib als Fahrgast. Nachdem wir schon eine Weile unterwegs gewesen waren, fragte er mich, ob ich mit seiner Regierung zufrieden sei. Das fand ich einen passenden Moment, um lachend meine Besorgnis zum Ausdruck zu bringen. Ich sagte, dass sie gute Arbeit leisten würden, aber dass die Schliessung von Schulen und Universitäten keine gute Sache sei, denn in ein paar Jahren müssten wir unsere Frauen mangels Hebammen und Ärztinnen bei der Geburt von männlichen Ärzten versorgen lassen. Der Talib sagte, die Probleme würden bald gelöst. Ich habe wieder scherzhaft entgegnet: ‹Bald? Ihr habt ja schon vier Jahre Zeit gehabt.› Daraufhin hat er nichts mehr gesagt.»
Patriarchal geprägtes Denken
Manche Männer versuchen also im Rahmen ihrer Möglichkeiten, etwas gegen die Einschränkung der Frauenrechte zu tun. Aber es sind nicht viele, und ihr Protest ist still und zaghaft. Mein Eindruck ist, dass die meisten Männer, deren Denken von der traditionellen und patriarchalischen Gesellschaft geprägt ist, das Vorgehen der Taliban gegenüber den Frauen befürworten und auf ihrer Beibehaltung bestehen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2024 machen Frauen rund 49 Prozent der afghanischen Bevölkerung aus, also rund die Hälfte. Das Zurückdrängen von Frauen aus sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rollen wird auf lange Sicht Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben.
Eine Gesellschaft, die Frauen bei der Wiederherstellung ihrer Rechte nicht unterstützt, sondern dies als persönliche Angelegenheit der Frauen betrachtet, wird langfristig einen hohen Preis zahlen. Der Kampf der Frauen und der stille und zaghafte Protest einzelner Männer reichen nicht aus. Da wir leider erfahren müssen, dass das Ausland uns afghanischen Frauen nicht zur Seite steht, müssten im Namen der Menschenwürde unsere afghanischen Männer, unsere Väter, Brüder, Söhne und Ehemänner umso mehr ihre Stimme erheben und Rechte für uns Frauen, ihre Töchter, Schwestern, Mütter und Ehefrauen fordern.
Aus dem Dari von Bianca Gackstatter.