Autorinnen in Afghanistan (6): Wie eine halbe Ewigkeit

Nr. 51 –

Im Herbst 2025 schalteten die Taliban für 48 Stunden das Internet aus. So erlebte das unsere Autorin in Afghanistan.

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Illustration von Noémie Fatio: eine Schreibtischoberfläche mit Laptop, Stiften, Büchern, Notizpapier, Smartphone, Schreibtischlampe und eine Kanne und Tasse mit Kaffee

Im Dezember 2022 haben die Taliban afghanischen Frauen verboten zu arbeiten. Ich wurde nur deswegen nicht arbeitslos, weil ich als freiberufliche Journalistin und Autorin von zu Hause aus arbeiten und meine Artikel übers Internet an Verlage schicken kann. So konnte ich meine Familie bisher vor dem wirtschaftlichen Abstieg bewahren. Seit Dezember 2022 ist jungen Frauen auch der Zugang zu höherer Bildung untersagt. Glücklicherweise haben meine beiden jüngeren Töchter Studienplätze an einer Onlineuniversität erhalten, das laufende Wintersemester hat Mitte September begonnen. Um an den Kursen teilnehmen zu können, benötigen sie schnelles Internet, weshalb ich vor einigen Jahren bei uns zu Hause Glasfasernetz installieren liess.

Anfang September kursierten in Kabul erste Gerüchte, die Taliban würden das Internet sperren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie das machen würden. Denn wie könnte eine Regierung im 21. Jahrhundert ohne Internet weiter ihren Regierungsgeschäften nachgehen?

Doch dann kam der 29. September. Ich hatte einen Artikel fertig geschrieben und las ihn kurz vor halb sechs Uhr abends zum zweiten Mal durch, kopierte ihn anschliessend ins Mailprogramm, schrieb noch ein paar Zeilen dazu und drückte auf Senden. Als ich meinen Postausgang prüfte, stellte ich fest, dass die E-Mail nicht abgeschickt worden war. Ich stand auf, um den Router zu überprüfen, doch am Router lag es nicht. In dem Moment kam meine Tochter nach Hause und berichtete fassungslos, dass in ganz Afghanistan das Internet abgeschaltet worden sei.

Angeordnet hatte dies der Talibanführer Haibatullah Achundsada. In einigen Regionen wie Masar-e Scharif, Helmand, Kandahar, Nimrus, Dschalalabad und Kunar war das Netz schon ein paar Wochen zuvor einmal abgeschaltet worden. Zuerst war ich vor allem frustriert, dass ich meinen Artikel nicht ein paar Minuten früher gelesen und verschickt hatte. Meine Töchter beschäftigte vor allem die Angst, durch einen längeren Internetausfall im Studium den Anschluss zu verlieren oder es gar nicht mehr fortsetzen zu können. In der Nacht konnte ich kaum schlafen.

Die Netzsperre dauerte 48 Stunden. Zwei Tage und zwei Nächte, die mir vorkamen wie eine halbe Ewigkeit. Ich fragte mich, ob das Islamische Emirat das Internet gesperrt hatte, ohne sich der eigenen Nachteile bewusst zu sein. Und wenn es wirklich ums Internet ging, warum wurden dann auch die SIM-Karten gesperrt? Eine meiner Töchter arbeitet als Lehrerin an einer Privatschule. Ein Bus für Lehrerinnen bringt sie jeweils zu ihrer Arbeitsstelle. Immer wenn der Bus auf dem Weg zu uns ist, schickt eine Kollegin eine Whatsapp-Nachricht, damit sich meine Tochter auf den Weg zur Haltestelle macht. Als das Internet gesperrt war, konnte sie nicht benachrichtigt werden. Weil sie sich fürchtete, von aufdringlichen Männern oder Taliban belästigt zu werden, habe ich sie zur Haltestelle begleitet. Der Bus kam ziemlich verspätet an, das Warten war für uns beide eine Qual.

Nichts los auf dem Basar

Am zweiten Tag ging ich zum Basar, um mir ein Bild von der Stimmung in der Stadt zu machen. Die Verkäufer sassen untätig herum, weil ihre Jobs vom Internet und von Mobiltelefonen abhängig sind: Die meisten Geschäfte unterhalten nämlich auch Onlineshops, über die eine Vielzahl von Bestellungen abgewickelt wird. Ohne funktionierende SIM-Karten und ohne Internet werden ihre Verkäufe erheblich eingeschränkt und verzögert. Die Tagelöhner hatten ebenfalls nichts zu tun, da auch sie von potenziellen Auftraggebern gewöhnlich über SMS oder per Anruf angefragt werden. Das Leben in der Stadt wirkte fahl, weniger lebendig, wie auf Pause gedrückt.

Die Leute stellten nach diesen zwei Tagen allerhand Spekulationen an. Manche meinten, Flugzeuge über Kabul gesehen zu haben, die möglicherweise auf dem Weg zum Luftwaffenstützpunkt Bagram gewesen seien, und glaubten, die Amerikaner seien da. Andere mutmassten gar, die Amerikaner hätten unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit militärische Ausrüstung zum Luftwaffenstützpunkt Bagram gebracht. Ein Freund von mir vermutete, die Taliban hätten Angst bekommen, da das derzeitige Glasfaserunternehmen enge Beziehungen zu China unterhalte und alle afghanischen Daten zunächst dorthin geleitet würden. Weil das Ausschalten des Internets jedoch auch die Arbeit der Ministerien sowie der Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen erheblich beeinträchtigt habe, hätten sie die Verbindung schliesslich wieder hergestellt und ein pakistanisches Unternehmen mit der Glasfaserversorgung beauftragt. Andere wiederum glaubten, dass die Taliban das Internet gesperrt hätten, um Mädchen am Lernen zu hindern, weil sie mitbekommen hätten, dass diese das Bildungsverbot über Onlinekurse umgingen.

Klar war: Alle sassen auf dem Trockenen, bis auf die Menschen, die schon vorher eine teure Ausrüstung im Ausland erworben hatten und so auf das Satellitennetz von Starlink zurückgreifen konnten.

Unter der Bettdecke

Als das Internet wieder angeschaltet wurde, erklärten offizielle Regierungsvertreter, die Sperre sei nötig gewesen, um die Verbreitung von unmoralischen Inhalten im Netz zu unterbinden. Bis heute hat niemand so richtig verstanden, worum es tatsächlich ging und wieso die Sperre nach 48 Stunden wieder aufgehoben wurde. Seitdem funktioniert das Internet zwar wieder, allerdings mit deutlichen Einschränkungen. Viele Inhalte von Instagram und Tiktok zum Beispiel sind über mobiles Internet nicht mehr abrufbar.

Ich kann nicht sagen, wie es weitergehen wird. Aber nachdem sich am 15. August 2021 mit der Machtübernahme der Taliban über Nacht alles verändert hat, halte ich es durchaus für möglich, dass das Netz – aus welchen Gründen auch immer – wieder gesperrt wird und die Menschen in Afghanistan erneut von der Welt abgeschnitten werden.

Nach den zwei Tagen ohne Netz erhielt ich als Erstes einen Anruf von meinem elfjährigen Enkel, der im Ausland lebt. Seine Stimme klang so glücklich wie nie. Später erfuhr ich, dass er sich während der zwei Tage Internetsperre im Badezimmer eingeschlossen oder unter seine Bettdecke verkrochen hatte, aus Angst, dass wir uns nie wieder hören würden.

Aus dem Paschtu von Bianca Gackstatter.