Tula Roy (1934–2025): Mutig, neugierig, konsequent

Nr. 2 –

Tula Roy war eine Pionierin. Nicht nur, weil sie zu den ersten Filmemacherinnen der Schweiz gehörte, sondern weil sie über Jahrzehnte Neuland erschloss. Kurz vor Weihnachten ist sie gestorben.

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Videostill: Tula Roy während eines Interviews
In erster Linie für die Frauen: Tula Roy während eines Interviews. Still aus einem Interview mit Tula Roy zu ihrem Film «Jugend und Sexualität». Quelle: Cinémathèque Suisse

«Es braucht sicher einen starken Willen. Es braucht Selbstbewusstsein», sagte die Filmregisseurin Tula Roy 2021 an einem Podiumsgespräch über Filmpionierinnen (vgl. «Tula Roy online»), als ich sie fragte, was sie jungen Filmemacherinnen mitgeben würde. «Einfach experimentieren! Versuchen. Versuchen. Versuchen. Versuchen. Und immer wieder eine Idee, die einem wirklich wichtig ist, mit Überzeugung versuchen rüberzubringen. Das ist entscheidend.»

Fünfzig Jahre lang hat Tula Roy das Schweizer Filmschaffen geprägt. Mit Mut, Neugier und Konsequenz griff sie zentrale Themen der Gegenwart auf. Sie stellte Fragen dort, wo lieber geschwiegen wurde, und nahm bewusst kritische Reaktionen und Widerstände in Kauf.

Der Alltag von «Lady Shiva»

Ihr erster Film entstand 1975: «Lady Shiva oder ‹Die bezahlen nur meine Zeit›», eine filmische Begegnung mit der Prostituierten, Modeikone und Zürcher Szenefigur Irene Staub. Der Dokumentarfilm, den Tula Roy zur Ausstellung «Frauen sehen Frauen» im Museum Strauhof in Zürich anlässlich des von der Uno ausgerufenen Jahres der Frau beitrug, war «eine kleine Bombe», wie sie sich 2021 erinnerte.

Auch fünfzig Jahre später ist der Film faszinierend. Mit soghaften Bildern und unkonventionellem Schnitt schafft er Nähe und Intimität. Er zeigt den Alltag von Lady Shiva, lässt ihre Gedanken, Ambitionen und auch Ängste hörbar werden. Er blickt unter die Oberfläche – respektvoll, auf Augenhöhe mit der Protagonistin: Sie ist nie Objekt, sondern Subjekt.

Tula Roy online

Die dreiteilige Dokumentarfilmserie «Eine andere Geschichte» (1993) von Tula Roy und Christoph Wirsing ist heute wieder zugänglich, unter anderem auf cinu.ch, Blue TV oder Apple TV.

Die Oral-History-Reihe «Her Story Box» zu Schweizer Filmpionierinnen – unter anderen mit Tula Roy, Gertrud Pinkus, Lucienne Lanaz, Marianne Pletscher, Yvonne Escher und Gabriel Baur – wurde von Anita Hugi realisiert, in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse sowie Student:innen der HEAD – Genève und der ZHdK. Sie ist auf www.narrative.boutique verfügbar.

«Jugend und Sexualität» ist Teil einer Online-ausstellung der Cinémathèque suisse: home-expo.cinematheque.ch. Die Podiumsdiskussion mit den Filmpionierinnen Tula Roy, Gertrud Pinkus, Lucienne Lanaz und Andrea Štaka ist auf Cinefile dokumentiert: cinefile.ch.

 

Was den Film bis heute aktuell macht, ist dieser Blick von Frau zu Frau auf grundlegende Lebensfragen. «Dieser Film zeigt ein Problem, aber er zeigt nicht die Probleme einer Prostituierten, sondern die Probleme einer Frau», sagte Tula Roy 1975. «Und ich habe während der Dreharbeiten gemerkt, dass wir – Irene und ich – ähnliche Probleme haben.»

Dass Tula Roy Irene Staub als Frau ernst nahm, provozierte. Nach Erscheinen des Films mussten sowohl die Regisseurin wie auch die Protagonistin ihre Kinder evakuieren, weil ihnen mit deren Entführung gedroht wurde. Der Preis für die Sichtbarkeit war hoch.

Tula Roy war damals 41 Jahre alt. «Lady Shiva» war ihr erster Film. Soeben hatte sie ihre Ausbildung an der freien Kunstschule F+F in Zürich abgeschlossen – als zweiten Berufsweg. Der Film entstand ohne Produktionsfirma, mit einfachen Mitteln. «Mit Frechheit und Fantasie», so Roy 2021 in der Oral-History-Gesprächsreihe «Her Story Box», habe sie eine lichtstarke Super-8-Kamera ausleihen können; das Tonequipment sei weniger gut gewesen.

1976 folgte «Lieber ledig als unverheiratet», gewidmet den damals rund 250 000 ledigen Frauen in der Schweiz, die gesellschaftlich als «Fräulein» oder «alte Tanten» unsichtbar waren. Drei Jahre später entstand im Frauenkollektiv Werkfilm der Dokumentarfilm «Jugend und Sexualität». Im Zentrum stehen Jugendliche, ihre Eltern und ein Lehrer im zürcherischen Urdorf, der im Rahmen eines Schulversuchs für Sexualkunde zuständig war.

Der Film wurde 1979 am internationalen Dokumentarfilmfestival Nyon und 1980 an den Solothurner Filmtagen gezeigt – und löste heftige Diskussionen aus. Er hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren, ist offen, ehrlich, intelligent. Der Lehrer verlor dennoch beinahe seine Stelle.

Gesellschaftliche Wirkung

Ursprünglich war Tula Roy Fotografin, ausgebildet an der Kunstgewerbeschule Basel. Nach fünfzehn Jahren Architektur-, Industrie- und Reportagefotografie geriet sie «in eine Berufskrise» und suchte einen neuen Weg. «Dann habe ich die F+F Film gemacht. Da war ich 37 Jahre alt», erinnerte sie sich.

Tula Roy packte bevorzugt heisse Eisen an: Sexualität, Sozialgeschichte, Inklusion, Feminismus. Pionierhaft war sie auch in ihrer Arbeitsweise. Sie arbeitete partizipatorisch, liess Protagonistinnen und Protagonisten ihre Filme mitgestalten und realisierte ihre Arbeiten häufig im Kollektiv – eine Arbeitsweise, die heute wieder viele junge Filmschaffende wählen. Alle ihre Filme zeichnete sie in Koregie mit dem Kameramann Christoph Wirsing, ihrem Lebenspartner, mit dem sie seit 1975 zusammenarbeitete und den sie während ihrer Filmausbildung kennengelernt hatte.

In den 1980er Jahren war Tula Roy eine der ersten Frauen in der von Männern dominierten Filmförderungskommission des Bundes, zuletzt deren Präsidentin. «Mit diesem Schritt, im Begutachtungsausschuss dabei zu sein, habe ich Freunde verloren und Feinde gewonnen», brachte sie es rückblickend treffend und witzig auf den Punkt. «Und ich wusste natürlich von Anfang an, dass ich auch in erster Linie für die Frauen arbeiten werde. Es hat mich auch nicht gestört, wenn mir das vorgeworfen wurde. Denn es war ja Tatsache.»

Pionierhaft war Tula Roy auch darin, ihr Publikum über den Kinosaal hinaus zu erreichen. Heute nennt man das «Impact Producing»: die Zusammenarbeit mit Interessengruppen und Organisationen, die Filme als Ausgangspunkt für vertiefte Diskussionen nutzen. Roys Filme wurden an Schulen und Universitäten gezeigt. Es war ihr wichtig, dass sie etwas bewirkten – über ihre Entstehungszeit hinaus. Nachhaltigkeit verstand sie nicht nur als Reichweite, sondern als gesellschaftliche Wirkung über Jahre hinweg.

Neu digitalisiert

1993 gelang Tula Roy mit «Eine andere Geschichte» ein weiterer Meilenstein: eine dreiteilige Dokumentarfilmserie – eine Form, die es damals kaum gab und die erst heute, 33 Jahre später, eine Blüte erlebt. Tula Roy filmte darin 45 Zeitzeuginnen der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts, darunter Arbeiterfrauen, Politikerinnen und Schriftstellerinnen wie Amalie Pinkus-De Sassi, Ursula Koch und Iris von Roten, die eigentlich nicht mehr über ihr Leben sprechen wollte. «Ich habe um sie gerungen wie ein Liebhaber», sagte Roy 2021.

Nach langem Verschwinden ist Tula Roys Schaffen heute wieder sichtbar und kann von neuen Generationen entdeckt werden: in Retrospektiven und Filmreihen von Kinematheken, auf Streamingplattformen wie Cinu und auf Apple TV sowie auf internationalen Festivals. Auch «Lady Shiva» wurde 2021 neu digitalisiert und 2022 ans Internationale Filmfestival Rotterdam ins Programm «Films Regained» eingeladen.

Gemäss dem European Audiovisual Observatory werden in Europa bis heute weniger als ein Drittel aller Filme von Frauen realisiert. Tula Roy hat schon früh gezeigt: Frauen machen Filme. Und Geschichte. Auch wenn ihr Werk immer noch zu oft vergessen wird: Les grandes œuvres voyagent en nous, die grossen Werke reisen in uns weiter. Tula Roys Filme werden bleiben. Und ihr Mut.

Anita Hugi ist Filmemacherin und Direktorin des Departements Film an der Kunsthochschule HEAD – Genève. Von 2019 bis 2022 war sie Direktorin der Solothurner Filmtage, zuvor Redaktorin bei «Sternstunde Kunst» von SRF.