Die Zukunft der Region: «Diesen Krieg haben beide Seiten verloren»
Wie kann es nach der Waffenruhe in Gaza weitergehen, wie die Menschlichkeit nach so viel Leid bewahrt werden? Ein Gespräch mit der israelischen Intellektuellen Fania Oz-Salzberger.
WOZ: Frau Oz-Salzberger, am Montag sind alle lebenden Geiseln aus Gaza freigelassen worden. Wie fühlen Sie sich?
Fania Oz-Salzberger: Fania Oz-Salzberger: Wie die meisten Israelis bin auch ich überglücklich. Dass alle lebenden Geiseln nach Hause zurückkehren, hätte ich nicht mehr zu hoffen gewagt. Natürlich kommen auch andere Gefühle auf. Bald werde ich meinen Blick auf die Hinterbliebenen richten – sie bekommen ihre Angehörigen, die in Gefangenschaft ermordet wurden, in Särgen zurück. Und auch für die unschuldigen Menschen in Gaza fühle ich natürlich. Das Herz hat genug Platz. Aber im Moment verspüre ich das erste reine Glücksgefühl seit dem 7. Oktober 2023.
WOZ: Der Krieg in Gaza ist damit vorerst beendet. Löst das bei Ihnen ähnliche Gefühle aus?
Fania Oz-Salzberger: Das passiert nun über ein Jahr zu spät. Israel hätte ihn früher beenden müssen – und dadurch das Leben von Geiseln, Zivilistinnen und Soldaten retten können. Aber man muss sich auch ehrlich eingestehen, dass Ex-US-Präsident Joe Biden nicht in der Lage gewesen wäre, sowohl Israels Premier Benjamin Netanjahu als auch die arabischen Staaten zu seinem Plan zu zwingen. Wir brauchten wahrscheinlich ausgerechnet Donald Trump. Das ist keine Geschichte von guten Absichten und moralischem Kompass, sondern von Machtpolitik – mit Ausnahme der israelischen Zivilgesellschaft. Wir waren oft kurz vor der Verzweiflung. Aber rückblickend verstehen wir, dass wir durch Beharrlichkeit, Sichtbarkeit und die Macht der Strasse gewonnen haben.
Fania Oz-Salzberger
Die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger (64) hat mehrere Bücher veröffentlicht, 2024 erschien im Suhrkamp-Verlag etwa der Band «Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober». Ihr Vater ist der prominente Schriftsteller Amos Oz.
Oz-Salzberger lehrt an der Universität Haifa und setzt sich als Teil der israelischen Demokratiebewegung für eine gemeinsame Zukunft für Israelis und Palästinenser:innen ein.
WOZ: Die letzten zwei Jahre – und die Frage, wie man die Geiseln zurückbekommt, durch Kämpfe oder durch einen Deal – haben die israelische Gesellschaft gespalten. Können sich die Lager nun versöhnen?
Fania Oz-Salzberger: Fast alle Familien der Geiseln hatten längst verstanden, dass Verhandlungen und nicht militärische Gewalt ihre beste Chance sind, mit ihren Angehörigen wieder vereint zu sein. Die Zahlen sprechen für sich: Nur eine Handvoll Geiseln wurden von der Armee befreit, drei wurden versehentlich von ihr getötet, Dutzende von der Hamas. Ja, Verhandlungen mit dem Satan sind eine bittere Pille – aber es war der richtige Weg.
WOZ: Wie bringen Sie die ethische Verpflichtung, die Geiseln zu retten, mit dem Risiko in Einklang, die Hamas zu stärken? Die Bilder aus Gaza deuten darauf hin, dass sie immer noch an der Macht ist.
Fania Oz-Salzberger: Ich hoffe und glaube, dass die derzeitige Anti-Hamas-Konstellation – die EU und die USA, Saudi-Arabien und Katar, Ägypten und die Türkei – gemeinsam in der Lage sein wird, die Hamas gemäss dem Trump-Plan zu entwaffnen. Und sie so von der Macht zu verdrängen. Kurzfristig müssen wir mit sehr hässlichen Szenen in Gaza rechnen, in denen die Hamas ihre Rivalen hinrichtet.
WOZ: Könnte das von US-Präsident Donald Trump forcierte Abkommen nun ein echter Weg zum Frieden sein?
Fania Oz-Salzberger: Ja. Aber noch nicht jetzt. Wir müssen den gesamten Plan umsetzen: Israel muss sich aus Gaza zurückziehen, die Hamas muss stürzen, eine vernünftige palästinensische Regierung gebildet werden. Beide Seiten müssen sich deradikalisieren. Denn auch wenn er nicht gleich ausgestaltet ist, gibt es Fanatismus auf beiden Seiten. Geduld, Beharrlichkeit und die ständige physische Präsenz der internationalen Gemeinschaft sind für das Gelingen entscheidend.
WOZ: Welche Hindernisse sehen Sie dabei?
Fania Oz-Salzberger: Viele. Gaza ist bereits zu einer Arena innerpalästinensischer Kämpfe geworden. Trump könnte das Interesse verlieren und sich anderswo nach neuen Herausforderungen umsehen. Die Regierung Netanjahu könnte auch die nächsten Wahlen wieder gewinnen, sie verschieben oder manipulieren. Die PA, die Palästinensische Autonomiebehörde, schliesslich könnte der Herausforderung, das Westjordanland und den Gazastreifen zu einem Staat zu vereinen, nicht gewachsen sein. Und alle globalen Missstände sind auch für unsere Region destruktiv – insbesondere der Aufstieg des populistischen Autoritarismus. Ich sage immer: Trump mag uns beim Frieden helfen – aber sicherlich nicht bei der Demokratie.
WOZ: Der militärische Flügel der Hamas erklärte jüngst, das Waffenstillstandsabkommen sei ein Ergebnis seines «Widerstands», nicht etwa von Kompromissen. Gleichzeitig verkündet der Generalstabschef des israelischen Militärs, man habe «über die Hamas gesiegt». Sowohl in Israel als auch im Gazastreifen bilden sich also bereits Narrative des Sieges heraus. Wie blicken Sie auf diese Argumentationen?
Fania Oz-Salzberger: Natürlich haben beide Seiten diesen Krieg verloren. Israel hat ihn – nach seinen eigenen früheren Massstäben – bereits am 7. Oktober 2023 verloren. Der Gazastreifen steht noch viel schlechter da. Keine noch so grosse Prahlerei kann diese Tatsachen verbergen. Es wäre viel besser, wenn neue Anführer:innen auf beiden Seiten ihren Bevölkerungen die Wahrheit sagen würden: Wir müssen uns selbst wiederaufbauen, physisch, politisch und moralisch.
WOZ: Sind die israelische und die palästinensische Zivilgesellschaft noch in der Lage, die Menschlichkeit des jeweils anderen zu sehen?
Fania Oz-Salzberger: Die israelische Zivilgesellschaft beginnt allmählich, das Leid zu erkennen, das wir den Menschen in Gaza und im Westjordanland zugefügt haben. Das ist ein langsamer Prozess. Aber dank zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Standing Together oder Women Wage Peace sowie humanistischer Politiker:innen, etwa des sozialdemokratischen Abgeordneten Gilad Kariv und des Vorsitzenden seiner Partei, Jair Golan, gehen immer mehr Menschen die Augen auf. Die palästinensische Gesellschaft steht möglicherweise vor einem noch längeren Prozess.
WOZ: Was wünschen Sie sich als Israeli von den Palästinenser:innen?
Fania Oz-Salzberger: Ich kann und will den Palästinenser:innen nicht sagen, was sie tun sollen. Aber ich habe einige wunderbare palästinensische Freund:innen – darunter einige Friedensaktivist:innen, die ich nach dem 7. Oktober 2023 kennengelernt habe. Wir teilen nicht nur die liberalen Werte des Friedens und des Dialogs, sondern auch ein menschliches Verständnis von Schmerz, Trauer und Versöhnung. Ich hoffe, dass sie daraus Kraft schöpfen – und dass sich diese Ideen in ihrer Gesellschaft verbreiten. Ich hoffe auch – wie mein Vater Amos immer zu sagen pflegte –, dass mehr Menschen verstehen: Träume dürfen zwar absolut sein, aber im Wachzustand brauchen wir Realismus und Kompromissbereitschaft.
Apropos Realismus: Wie könnte ein Fahrplan für einen dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinenser:innen aussehen?
Fania Oz-Salzberger: Viele von uns kennen die Antwort: ein schrittweiser Aufbau der Zweistaatenlösung unter der Führung realistischer Politiker:innen und unter sorgfältiger Aufsicht der internationalen Gemeinschaft. Die EU müsste dabei sein, aber auch Länder wie Ägypten, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten. Mein ständiges Mantra ist: Stärkt die Gemässigten, die Kompromissbereiten!
WOZ: Wie könnte diese Fraktion in Israel gestärkt werden?
Fania Oz-Salzberger: Die internationale Gemeinschaft muss die israelische Regierung und ihre fanatischen Anhänger:innen mit Sanktionen und Boykotten treffen. Sie dürfen sich aber nicht gegen Wissenschaft, Kunst und Literatur in Israel wenden. Ich appelliere daher an sie: Bestraft die Regierung, aber nicht unsere Zivilgesellschaft, die sich für Demokratie und Frieden einsetzt.
WOZ: Auch die als moderat geltende PA erfährt derzeit viel internationale Unterstützung: Wenn immer mehr westliche Länder Palästina als Staat anerkennen, richten sie sich damit an die Autonomiebehörde. Welche Rolle kann sie aus Ihrer Sicht spielen?
Fania Oz-Salzberger: Die PA vertritt moderate Grundsätze, wie Palästinenser:innenpräsident Mahmud Abbas in seiner jüngsten Rede vor den Vereinten Nationen gezeigt hat. Auf der anderen Seite werden immer noch Terroristen in Schulen unter ihrer Kontrolle gefeiert, deren Familien erhalten Gelder von der palästinensischen Regierung. Natürlich ist auch die derzeitige Führungsriege Israels fanatisch. Aber unsere Gemässigten, etwa der eben erwähnte Demokrat Jair Golan, werden sicher in der Lage sein, mit der PA zu verhandeln.
WOZ: Sie sind eine langjährige Verfechterin der Zweistaatenlösung. Und Sie unterrichten an der Universität von Haifa, einer gemischt jüdisch-palästinensischen Stadt. Könnte sie ein Modell für das ganze Land sein?
Fania Oz-Salzberger: An der Universität gab es nach dem Angriff vom 7. Oktober und im darauffolgenden Krieg im Gazastreifen viele verbale, aber gewaltfreie Spannungen. Es kam allerdings nicht zu einer Eskalation – weil wir als Universität schnell Dialogformate und Sensibilisierungstrainings initiiert hatten. Die Stadt wie auch die Universität reagierten mit Weisheit und Gelassenheit.
WOZ: Konnten so alle Spannungen aus der Welt geschafft werden?
Fania Oz-Salzberger: Ich möchte die Situation nicht idealisieren: Vor allem viele meiner arabischen Student:innen fühlen sich immer noch unwohl dabei, ihre Meinung in dieser grundsätzlich angespannten Situation frei zu äussern. Wir arbeiten aber hart daran, den gemeinschaftlichen Geist von Haifa aufrechtzuerhalten, und stützen uns dabei auf eine langjährige Tradition der Freundschaft zwischen den Bevölkerungsgruppen. Haifa ist ein gutes Vorbild dafür, wie das Land einmal werden sollte.