Durch den Monat mit Fitzgerald Crain (Teil 1): Wie kamen Sie von New York in die Schweiz?

Nr. 49 –

Nach Jahrzehnten in der Lehrer:innenbildung hat der Basler Fitzgerald Crain ein Buch über Beziehungen in der Schule geschrieben. In seiner Jugend ein «amerikanischer Patriot», fühlt er sich heute von den USA entfremdet.

Diesen Artikel hören (6:16)
-15
+15
-15
/
+15
Portraitfoto von Fitzgerald Crain
«Mein Vater kam im Krieg um, als ich ein halbes Jahr alt war. Danach heiratete meine Mutter einen Schweizer»: Fitzgerald Crain.

WOZ: Fitzgerald Crain, Sie haben ein Buch mit dem Titel «Beziehungsraum Schule» herausgegeben und darin den Haupttext geschrieben. Warum?

Fitzgerald Crain: Corona ist schuld. Ich habe mich auch nach der Pensionierung mit Bildungspolitik beschäftigt, vor allem im linken Thinktank Denknetz. Dann kam die Pandemie, ich hatte Zeit und eine grosse Sehnsucht, mich mit den Themen zu befassen, die meine Arbeit als Hochschuldozent geprägt haben. Vor allem mit dem psychoanalytischen Verständnis von Beziehung.

WOZ: Nach so vielen Jahren?

Fitzgerald Crain: Ich hatte nie genug von der Psychoanalyse. Sie hat mich immer fasziniert – als Theorie, nicht als Therapie. Für mich ist sie die relevanteste Theorie zum Thema Beziehung. Aber psychoanalytische Theorien der Beziehung spielen heute an den pädagogischen Hochschulen fast keine Rolle mehr. Dazu habe ich etwas zu sagen. Und ich hatte Lust aufs Schreiben.

WOZ: Sie sind in New York geboren. Wie kamen Sie in die Schweiz?

Fitzgerald Crain: 1948, mit dem Schiff über den Atlantik. Mein Vater war Berufsoffizier. Er kam im Krieg um, als ich ein halbes Jahr alt war. Danach heiratete meine Mutter einen Schweizer. Darum bin ich in Basel aufgewachsen. Bis zum Vietnamkrieg war ich ein amerikanischer Patriot. Dann begann es zu kippen, und Amerika wurde mir immer weniger vertraut. Heute sind mir die USA sehr fremd geworden.

WOZ: Schule beschäftigt Sie bis heute. Gingen Sie selbst gern in die Schule?

Fitzgerald Crain: Ich langweilte mich oft, vor allem im Gymnasium. Ich arbeitete genug, um die Matur zu machen, aber ich war, abgesehen vom Sport, kein begeisterter Schüler. Die Schule war damals viel autoritärer und einseitiger. Ich ging ins humanistische Gymnasium, wir lernten viel über das alte Griechenland, aber es fand keine kritische Auseinandersetzung statt. Wir lernten die Heldensagen kennen. Ich fand sie wunderbar. Heute finde ich, es sind schrecklich patriarchale Geschichten.

WOZ: Wie haben Sie die Zeit um 1968 erlebt?

Fitzgerald Crain: Ich studierte in jener Zeit Psychologie. Nach dem Studium wurde ich Erziehungsberater in Kinder- und Schulheimen. Es war die Zeit der Heimkampagne, die die Heimerziehung radikal ablehnte.

WOZ: Teilten Sie die Kritik?

Fitzgerald Crain: Nein – mit acht Jahren lebte ich selber ein Jahr in einem Heim. Das war die vielleicht glücklichste Zeit meiner Kindheit. Ich hatte auch eine wundervolle Lehrerin. Ich habe in den siebziger Jahren einmal an der Schule für Soziale Arbeit über Heimerziehung referiert und von meiner positiven Erfahrung erzählt, aber die Studierenden waren alle total gegen die Heimerziehung. Ich kam mir vor wie der schlimmste Reaktionär.

WOZ: Wie war die Arbeit als Erziehungsberater?

Fitzgerald Crain: Ich fand sie sehr spannend. In der Heimerziehung geht es stark um offene und verdeckte Machtverhältnisse, um Sympathie und Antipathie. Und du bist damit konfrontiert, dass du nicht alles verstehst. In der Heilpädagogik arbeitet man ja oft mit Kindern, von denen man nicht weiss, was sie denken, weil sie es nicht ausdrücken können – etwa wegen einer geistigen Behinderung. Um herauszufinden, wie es sein könnte, muss man mit Möglichkeiten spielen. Die psychoanalytische Theorie ist ein Instrument dafür – neben anderen.

WOZ: Sie schreiben, je «schwieriger» ein Kind sei, desto weniger verstünden Erwachsene, dass sie auch einen Anteil an der Beziehung hätten.

Fitzgerald Crain: Ja, da gibt es eine Tendenz zur emotionalen Distanzierung. Dann spricht man über einen «Fall», nicht mehr über ein zwischenmenschliches Verhältnis. Man versucht, den eigenen Anteil auszublenden.

WOZ: Wie durchbricht man das?

Fitzgerald Crain: Indem man Situationen schafft, in denen man es reflektieren und darüber reden kann. Im Heim hatten wir regelmässig Gespräche über die Kinder und Jugendlichen. Dort konnte ich das Thema Beziehung einbringen.

WOZ: Wenn man Ihren Namen googelt, findet man einen fast vierzig Jahre alten Artikel aus der «GSoA-Zeitung».

Fitzgerald Crain: Die GSoA war mein Aha-Erlebnis in der Politik. Eine gute und lebendige Bewegung, vielfältig, mit einer klaren Zielsetzung: dass über die Abschaffung der Armee abgestimmt wird. Übrigens ist diese Abstimmung heute, am Tag unseres Gesprächs, genau 36 Jahre her.

WOZ: Warum ist Ihnen Antimilitarismus wichtig?

Fitzgerald Crain: Weil ich zur Erkenntnis gekommen bin, dass wir uns einen Atomkrieg nicht leisten können. Leider erhält das Thema heute nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit. Ich finde es erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit man von einem möglichen grossen Krieg in Europa spricht. Man blendet völlig aus, was das bedeutet. Die Idee der GSoA ist für mich immer noch gültig, auch wenn sie heute sehr schwer politisch umzusetzen ist.

WOZ: Kann es Erziehung zum Frieden geben?

Fitzgerald Crain: Natürlich kann es das.

Fitzgerald Crain (81) lebt in Basel. Er war Erziehungsberater in Kinderheimen, Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Universität Basel und Professor an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.