Klimakrise: SUVs verbieten?

Nr. 10 –

Effektiver Klimaschutz bedroht das Recht auf Freiheit nicht, argumentieren fünf Philosoph:innen in ihrem soeben erschienenen Buch.

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Aktivist:innen von «Renovate Switzerland» protestieren auf der Autobahn vor dem Gotthardtunnel bei Göschenen
Wessen Freiheit wird verteidigt? Aktivist:innen von «Renovate Switzerland» protestieren im Mai 2024 vor dem Gotthardtunnel bei Göschenen. Foto: Urs Flüeler, Keystone

Die Klimafonds-Initiative, die am Sonntag zur Abstimmung kommt, hat einen schweren Stand: Laut Umfragen lehnen sie zwei Drittel der Bevölkerung ab. Woran liegt das? Wie kann es sein, dass die globalen CO₂-Emissionen in neue Rekordhöhen wachsen und damit den Planeten zunehmend rascher über seine Belastungsgrenzen hinausstossen – und wir schauen tatenlos zu? Wo doch offenkundiger nicht sein könnte, dass aktuelle Klimaschutzmassnahmen nicht genügen. Haben wir resigniert: als Individuen, als kleines Land, weil wir ja doch nichts ausrichten können, zumal sich Grossemittenten wie die USA ums Klima foutieren? Glauben wir, der Markt und innovative Technologien werdens schon richten? Stemmen wir uns im Namen der Freiheit gegen «moralistische» Verzichtsforderungen in Sachen Fliegen, Fleisch und Fast Fashion?

Genau solche Argumente, die das Nichtstun vermeintlich rechtfertigen, legen fünf Philosoph:innen und Expert:innen nun auf den Prüfstand. Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Domenic Roser und Christian Seidel tun das politisch unvoreingenommen, differenziert und gleichzeitig umschweifslos klar. Alle Seiten ernst zu nehmen, sei ihnen wichtig: «Die einen sind der Ansicht, die Menschheit müsse sich an den Klimawandel anpassen, ihn aber nicht bekämpfen; andere meinen, beides sei vonnöten und finde auch hinreichend statt; wieder andere behaupten, man müsse dringend viel mehr im Kampf gegen die steigenden Temperaturen unternehmen.» Aber droht da angesichts der eingangs skizzierten Dringlichkeit nicht auch eine «false balance»?

Oder anders gefragt: Welche Argumente liefert der schmale Band «Besser um die Zukunft streiten», um die letztgenannte Position zu stärken?

Die Hybris des Marktes

Wissenschaft schafft die Basis für politisches Handeln. Gerade im Fall der Klimaszenarien, die Aussagen dazu machen, wie wahrscheinlich eine künftige Entwicklung ist, bleibt jedoch eine Unsicherheit. Wie soll man damit umgehen? Wägt man die Handlungsfolgen der einzelnen Szenarien gegeneinander ab, leuchtet rasch ein, dass man sich trotz ihrer geringen Wahrscheinlichkeit besser an Extremszenarien orientieren sollte – weil deren Folgen extrem gravierend ausfallen würden.

Um diese abzuwenden, sollten wir uns nicht zu sehr auf technische Lösungen als «Allzweckwaffe» verlassen, so die Autor:innen. Zum einen verfügen erneuerbare Energien angesichts der Tatsache, dass noch immer 87 Prozent der weltweit produzierten Energie fossilen Ursprungs sind, über viel zu wenig Hebelwirkung. Zum andern sind grosstechnologische Massnahmen entweder selbst energieintensiv und kaum skalierbar über Pilotprojekte hinaus, wie etwa das Einfangen und Verpressen von CO₂ im Boden. Oder sie lassen sich nicht kontrollieren und bergen hohe Risiken für geopolitische Konflikte, wie das solare Geoengineering. «Ein ehrlicher Blick» führe vor Augen, dass technische Ansätze nicht mehr als «eine Ergänzung zu tiefgreifenden Lebensstiländerungen» sein könnten.

So grenzt auch die Hoffnung, man könne einfach den Markt spielen lassen, fast an Hybris. «Es klafft eine Lücke zwischen der abstrakten Einsicht, dass die Besteuerung von CO₂-Verbrauch grundsätzlich für die Allgemeinheit besser wäre, und der Sorge, dass sie an der Zapfsäule oder bei der nächsten Heizkostenabrechnung künftig empfindliche Löcher ins eigene Portemonnaie reissen würde.» Und solange sich die «externen Kosten» der Produktion – und dazu zählen die CO₂-Emissionen – nicht im Produktpreis spiegeln, wird der Markt auch nichts zum Klimaschutz beitragen. Auch der Emissionshandel ist Teil dieser Hybris. Überhaupt, so fragen sich die Autor:innen, was berechtigt uns eigentlich dazu, Emissionen zu kompensieren, wenn wir sie vermeiden könnten?

Umverteilung nützt dem Klima

Als Philosoph:innen verhandeln sie den Klimaschutz im Kern aus ethischer Perspektive, die um Freiheit und Gerechtigkeit kreist. Um Fragen wie: Welche Freiheit wird da eigentlich verteidigt? Wessen Freiheit verdient am meisten Schutz? Und wie lässt sich effektiver Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit vereinbaren?

Jenen, die unter «Lebensstilwandel» nur Verzicht und den Angriff auf den eigenen SUV sehen wollen, halten sie mit dem urliberalen John Stuart Mill entgegen, dass mitunter gar Verbote die richtige Massnahme sind: weil sie die Klimaerhitzung wirksamer bekämpfen und die Freiheit für alle gleichermassen einschränken. Logisch stringent weisen sie zudem nach, weshalb gerade die Schweiz mehr als andere Nationen gefordert ist, Emissionen dringendst zu reduzieren, zumal die Berechnungen des Weltklimarats zeigten, dass es sich finanziell gerade für wohlhabende Länder lohnt, das Ziel von «netto null» bis 2050 zu erreichen – «es lässt sie kurzfristig nur etwas langsamer noch wohlhabender werden».

Solch ironische Spitzen schimmern immer wieder auf. Grundsätzlich werden die Philosoph:innen aber, wenn sie aufzeigen, dass sich Klimaschutz auch gerecht finanzieren lässt. Etwa indem man beim Verursacherprinzip ansetzt und dabei zwischen Emissionen, die zur Deckung der Grundbedürfnisse dienen (und ja, darunter fällt auch das Recht auf eine warme Wohnung), und «Luxusemissionen» unterscheidet. Auf Letztere hätten Reiche eine «zusätzliche Klimaabgabe» zu leisten. Ausserdem gelte es, grössere Erbschaften gezielt zu besteuern: «zugunsten eines Klimafonds».

Buchcover von «Besser um die Zukunft streiten»
Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Domenic Roser, Christian Seidel: «Besser um die Zukunft streiten». Hanser Verlag. München 2026. 136 Seiten.