Durch die nuller Jahre mit Judith Huber: Wie aktivistisch soll die WOZ sein?

Nr. 16 –

Judith Huber arbeitete von 2000 bis 2005 im Auslandressort der WOZ. Dabei entdeckte sie ihre Leidenschaft für Reportagen und erlebte mit, wie Russland immer autoritärer wurde.

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Portraitfoto von Judith Huber
Judith Huber: «Man muss offen und neugierig sein, rausgehen und begreifen wollen, um guten Journalismus zu machen. Und allen gegenüber kritisch sein.»

WOZ: Judith, du bist 2000 ins damalige Auslandressort gekommen. Wie hast du das Ankommen auf der WOZ erlebt?

Judith Huber: Ich fand es toll. Die Kollegen waren wohlwollend und ermunternd, aber es war auch klar: Man musste liefern. Für mich als junge Journalistin ideale Zustände. Ich konnte reisen und Reportagen schreiben – und merkte, wie gern ich das mache.

WOZ: Ich kam 2001 ins Korrektorat und nahm damals nicht an Redaktionssitzungen teil. Aber die Diskussionskultur war damals recht rau, vor allem der Ton mancher Männer.

Judith Huber: Ja, es wurde laut, es gab sicher auch Verletzungen, aber ich empfand es nicht als extrem. Heftige Diskussionen waren nicht neu für mich. Ich hielt mich etwas raus. Wenn ich höre, wie es noch früher so abging … Das muss wirklich Hardcore gewesen sein. Die ganz grossen politischen Kontroversen habe ich nicht mehr miterlebt.

WOZ: Zum Beispiel den Streit um den EWR-Beitritt in den Neunzigern …

Judith Huber: … oder die Kontroverse in den Achtzigern, ob die WOZ Computer anschaffen soll. Die grösste Diskussion, die ich miterlebte, drehte sich um die Frage, ob wir eine Ausnahme von der Lohngleichheit machen sollten, um eine Person für die Inserateakquise anzustellen.

WOZ: Wie aktivistisch soll die WOZ sein?

Judith Huber: Ich halte nicht viel von aktivistischem Journalismus. Man muss offen und neugierig sein, rausgehen und begreifen wollen, um guten Journalismus zu machen. Und allen gegenüber kritisch sein. Es stört mich, wenn jemand Themen ideologisch vom Schreibtisch aus kommentiert, ohne die Verhältnisse vor Ort zu kennen. Heute muss ich selbstkritisch sagen, dass unsere Berichterstattung zur Ukraine früher zum Teil auch ideologisch war. Wir hätten mehr dort sein sollen. Viele schauten die Ukraine aus dem Blickwinkel Russlands an.

WOZ: Du auch?

Judith Huber: Auch ich kannte Russland viel besser als die Ukraine. Aber ich spürte während meiner WOZ-Jahre, dass sich da etwas ganz Ungutes anbahnte. Als 2003 der Oligarch Michail Chodorkowski verhaftet wurde, war ich in Russland. Es fühlte sich an wie eine Schockwelle. Und 2004 erlebte ich mit, wie reaktionäre Kräfte aus dem Umfeld der russisch-orthodoxen Kirche Künstler bedrohten. Dazu kamen die Gräueltaten in Tschetschenien. Ich erinnere mich an tschetschenische Menschenrechtlerinnen, die sagten: «Wenn die Russ:innen zulassen, was Russland in Tschetschenien mit den Menschen macht, wird diese Brutalität auf Russland überschwappen.» Und genau so ist es passiert.

WOZ: In Westeuropa schauten viele weg.

Judith Huber: Ja. Der Westen hat Russland mit Samthandschuhen angefasst. Aber wer es sehen wollte, erkannte, in welche Richtung es ging. Auch diese grausamen Flächenbombardierungen von Grosny – genau wie später in Syrien und der Ukraine.

WOZ: Du hast als WOZ-Redaktorin auch ein Buch über Frauen in Afghanistan geschrieben.

Judith Huber: Als ich das erste Mal dort war, war das Land in einem grauenhaften Zustand: unglaubliche Armut, überall traumatisierte Menschen. Ich trauere um all die Frauen, die nach dem Sturz der Taliban Hoffnung schöpften und heute keine Chance haben. Im Rückblick muss ich auch sagen, ich habe vieles nicht richtig verstanden – auch weil ich die Sprachen nicht konnte. In Russland war das anders; es war mir vertraut. Aber das Russland, das ich gernhatte, gibt es nicht mehr. Wenn ich heute aus der Ukraine berichte, muss ich bei Luftalarm auch in die Schutzräume. Das gibt emotionale Distanz zu Russland.

WOZ: Das tut wohl weh, diese Entfremdung?

Judith Huber: Ja, aber die Trauerarbeit ist vorbei. Ich habe einen russischen Freund in der Schweiz, für ihn ist das natürlich noch viel verrückter. Er sagt: «Mein Land gibt es nicht mehr.»

WOZ: Warum bist du 2005 zum «Echo der Zeit» gegangen?

Judith Huber: Ich wusste, dass ich eine Familie gründen und eine Weile Teilzeit arbeiten wollte. Der WOZ-Lohn war mir zu tief dafür. Und ich wollte mich auch weiterentwickeln. Ich hatte davor nie Radio gemacht, es begann mich zu faszinieren. Man kann viel mehr Gefühle transportieren mit Stimmen und Tönen. Aber mir fehlte die Zusammenarbeit mit Fotograf:innen.

WOZ: In den meisten Ländern, über die du berichtest, hat sich die Situation verschlechtert. Was macht dir Hoffnung?

Judith Huber: In den Ländern, in denen ich heute unterwegs bin, machen manche Journalist:innen unglaublich gute Arbeit – unter schwierigsten Umständen. Wie sie sich in Ungarn gegen das autoritäre Regime stemmten und sich in der Ukraine trotz Krieg gegen Korruption und Populismus wehren: Das macht mir Hoffnung. Es zeigt, wie wichtig Journalismus ist. Wie die Menschen in der Ukraine ihre Würde bewahren, ins Theater und zu Lesungen gehen, dieser Hunger nach Gemeinschaft – das ist so eindrücklich. Sie kämpfen für eine offene Gesellschaft. Wir sind uns im Westen zu wenig bewusst, was es zu verlieren gibt.

Judith Huber (56) ist Osteuropa-Korrespondentin für Radio SRF. Sie lebt in Biel.

Anlässlich ihres Relaunchs am 23. April blickt die WOZ jede Woche auf ein Jahrzehnt ihrer Geschichte zurück.