Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

«Alle Tschetschenen sind Geiseln dieses Kriegs»

Der Schweizer Filmer Eric Bergkraut hat mit «Coca: Die Taube aus Tschetschenien» die Arbeit der Menschenrechtsaktivistin Sainap Gaschajewa dokumentiert. Ein Gespräch mit der Protagonistin und ihrem Regisseur.

Von Geri Krebs

WOZ: Wie präsentiert sich heute die Lage in Tschetschenien, gut ein halbes Jahr nach Abschluss der Dreharbeiten des Films von Eric Bergkraut?

Sainap Gaschajewa: Es hat sich kaum etwas verändert, tendenziell kann man jedoch feststellen, dass die Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung früher meist von Soldaten der russischen Zentralarmee, den so genannten föderalen Kräften, begangen wurden. Heute dagegen sind dafür meist prorussische tschetschenische Kräfte verantwortlich.

Eric Bergkraut: Es ist die erklärte Politik des Kremls, den Konflikt zu «tschetschenisieren». Dies bedeutet, man ist daran, eine Schicht von Einheimischen aufzubauen, die jetzt das Geschäft Moskaus, die Politik der Kolonialherren, betreibt. Das Problem ist dabei, dass diese Kräfte nicht mehr kontrollierbar sind. Mit «diese Kräfte» meine ich den Clan um Ramsan Kadyrow, den Sohn des im Mai 2004 ermordeten Präsidenten Ahmed Kadyrow. Dieser hat sich verselbständigt, er ist so etwas wie der Zauberlehrling der Russen; man sagt, er verfüge über rund viertausend Mann. Es sind heute weitgehend diese Leute, die das Land terrorisieren.

Wann waren Sie zum letzten Mal in Tschetschenien?

S.G.: Das war Mitte März, ich hielt mich für einige Tage in der Hauptstadt Grosny auf. Dort bekam ich aus nächster Nähe wieder einmal mit, wie das läuft, was Moskau «Säuberung» nennt: Maskierte, schwer bewaffnete Männer stürmten ein fünfstöckiges Wohnhaus. Sie brachen in sämtliche Wohnungen ein, plünderten sie teilweise und nahmen elf junge Männer mit. Zehn von ihnen sind seither spurlos verschwunden, von einem tauchte die Leiche auf; den Angehörigen teilte man mit, sie könnten sie gegen Bezahlung von tausend Dollar abholen.

E.B.: Ich reiste nur ein einziges Mal nach Tschetschenien, im Juni 2004. Dies geschah im Rahmen einer jener Pressereisen, die ab und zu von Moskau für ausländische Medienleute organisiert werden. Das war ein gespenstisches, surreales Spektakel, das der internationalen Öffentlichkeit im Vorfeld der Wahlfarce vom August 2004 eine angebliche Normalisierung demonstrieren sollte. Einige wenige Bilder dieser Reise habe ich am Schluss auch für meinen Film verwendet. Derartige, im schwer bewaffneten Konvoi veranstaltete Reisen sind für ausländische Journalisten die einzige legale Möglichkeit, um in das geschlossene Territorium Tschetschenien zu gelangen.

Der Ansatz Ihres Filmes ist ja auch ein anderer als der einer möglichst authentischen Kriegsberichterstattung.

E.B.: Ja genau, denn im Mittelpunkt stehen bei mir die Frauen um Sainap, die mit ihrer Dokumentationsarbeit seit zehn Jahren einen möglichst authentischen Abdruck dieser grauenhaften Realität geben. Und mich haben dabei auch immer wieder analytische, hintergründige Dinge interessiert, wie etwa die Fragen: Wie verhält sich Realpolitik zu Moral? Was hat das mit uns zu tun? Und wenn anlässlich eines kürzlichen Treffens Vladimir Putins mit Gerhard Schröder Ersterer die vorzeitige Rückzahlung eines Schuldenpakets in der Höhe von fünf Milliarden Euro an Deutschland bekannt gibt, dann muss man sich nicht wundern, dass Schröder angesichts der serbelnden deutschen Wirtschaft das Thema Menschenrechte in Tschetschenien nicht auf die Prioritätenliste setzt.

Eine naive Frage: Warum darf Tschetschenien in den Augen Moskaus unter keinen Umständen unabhängig sein?

E.B.: Das ist keine naive Frage, sondern eine höchst komplexe Geschichte. Ich kann sie vielleicht am besten anhand einer Begegnung - die auch in den Film Eingang gefunden hat - illustrieren: Als ich Ahmad Kadyrow 2003 in Genf traf, sagte dieser im Gespräch mit Sainap: «Für die Russen ist der Krieg ja gut, sie kommen hierher, sie werden dekoriert, und es gibt etwas zu verdienen. Deshalb wollen sie, dass er weitergeht.» Das sagt, wohlgemerkt, jener Mann, der von Putin mittels einer Wahlfarce als Präsident von Russlands Gnaden ins Amt gehievt wurde. Und gleichzeitig ist es jener Mann, der im ersten Krieg von 1994 bis 1996 seine Landsleute aufforderte, so viele Russen wie möglich zu töten, um ins Paradies zu kommen - und wenige Jahre später wechselte er dann die Seiten. Das zeigt vielleicht ansatzweise, wie verworren das Ganze ist und weshalb es vermutlich so bald weder eine Unabhängigkeit noch ein Ende des Krieges geben wird.

S.G.: Wir Tschetschenen und Tschetscheninnen sind kein besonders kriegerisches Volk, wie das manchmal behauptet wird, aber wir wollen seit zweihundert Jahren unsere Unabhängigkeit. Und dies keineswegs als blindlings verfolgtes Ziel, vielmehr waren wir uns stets bewusst, dass wir nur in einem engen Zusammenleben mit Russland existieren können. Ich erinnere daran, dass selbst Boris Jelzin 1990, in der Endphase der Sowjetunion, in einer an die Völker des Kaukasus gerichteten Rede sagte: Nehmt euch so viel Souveränität, wie ihr könnt.

Einige Geiselnahmen tschetschenischer Kommandos, wie etwa jene in der Schule von Beslan (2004) oder im Moskauer Musicaltheater (2003), haben weltweit Empörung ausgelöst und Putin den Vorwand zu noch härterem Vorgehen in Tschetschenien gegeben. Wie stehen Sie zu diesen Terrorakten?

E.B.: Für mich ist klar, die Tschetschenen und Tschetscheninnen sind nicht nur arme Opfer, die international keine Lobby haben, es gibt unter ihnen auch Täter, die Schreckliches angerichtet haben - und ich hatte mit Sainap im Vorfeld des Films auch intensive Diskussionen darüber. Keine noch so brutalen Kriegsgräuel rechtfertigen diese Geiselnahmen.

S.G.: Ich kann mich diesem letzten Satz von Eric nur anschliessen, möchte aber trotzdem zu bedenken geben, dass seit über zehn Jahren alle Tschetscheninnen und Tschetschenen zu Geiseln geworden sind, zu Geiseln dieses fürchterlichen Krieges. Und ich meine, man hätte diese Geiselnahmen anders beenden können, nämlich indem man erst einmal auf die einzige Forderung der Geiselnehmer - Abzug der russischen Truppen - zum Schein eingegangen wäre und man dann die Geiselnehmer verhaftet hätte. Doch Putin und seine Leute wollten möglichst viele Tote, um danach mit noch grösserem Staatsterror in Tschetschenien wüten zu können.

Für den Film hatten Sie, Eric Bergkraut, mit dem von Sainap gesammelten Material Horrorbilder zur Verfügung, die in ihrer Scheusslichkeit grenzenlos sind. In einer der ersten Szenen des Films bekommt man auch einen Eindruck davon, ansonsten ersparen Sie uns Zuschauern und Zuschauerinnen aber den zu direkten Schrecken weitgehend. Wie haben Sie entschieden, was zeigbar ist und was nicht?

E.B.: Für mich war von Anfang an klar, dass die Frauen, die diese Bilder «herstellen», im Zentrum stehen sollten und nicht die Kriegsgräuel. Dabei wollte ich diese Frauen auch in ihrem sozialen Umfeld zeigen, beispielsweise Sainap, deren Mann Bienen züchtet und der als Muslim ein sehr ambivalentes Verhältnis dazu hat, dass seine ebenfalls muslimische Frau in der Welt herumreist und dabei mit vielen Männern zusammentrifft. So versuchte ich, eine Nähe zu schaffen, die bewirken soll, dass man sich diese Schreckensbilder auch anders ansieht. Ich finde allerdings schon, dass ich an manchen Stellen sehr viel zeige. Aber niemals um zu schockieren, das ist in diesem Fall wirklich nicht nötig, sondern um eine Idee davon zu geben, was die Tschetscheninnen und Tschetschenen erlebt haben, welche Arbeit die Frauen leisten und wie sie selber mit ihren Dokumenten umgehen. Ich bin der Meinung, dass die stärksten Bilder jene sind, die sich erst in unserem Kopf zusammenfügen - das gilt auch im Zusammenhang von Krieg und Terror, deshalb spielen die Auslassung und die Leere in meinem Film eine wichtige Rolle.

«Coca: Die Taube aus Tschetschenien». Regie: Eric Bergkraut. Schweiz 2005.
Ab 2.6. in Zürich (Kino Movie) und Winterthur (Kino Loge); weitere Städte folgen.

Eric Bergkraut und Sainap Gaschajewa
Der Zürcher Dokumentarfilmer Eric Bergkraut porträtiert in «Coca: Die Taube aus Tschetschenien» die tschetschenische Menschenrechtsaktivistin Sainap Gaschajewa. Die couragierte Frau, die derzeit anlässlich des Filmstarts in der Schweiz weilt, dokumentiert seit zehn Jahren zusammen mit einigen anderen Frauen mittels Foto- und Videokamera das Geschehen in ihrer Heimat. Das Ziel ihrer lebensgefährlichen Arbeit ist es, dereinst das Material einem internationalen Tribunal zu diesem vergessenen Krieg zur Verfügung stellen zu können.

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