Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

«Hier gibts keine Homosexuellen»

In der nordkaukasischen Republik werden Homosexuelle gejagt, inhaftiert und gefoltert. Ihre Verfolgung bildet den traurigen Höhepunkt jahrelanger Unterdrückung von Minderheiten.

Von Anna Jikhareva

Was «Zeuge Nummer zwei» in einem tschetschenischen Geheimgefängnis erlebt hat, lässt einen erschaudern. «Sie befestigten Kabel von Elektroschockern an unseren Händen und drehten den Regler auf, sodass Strom floss. Wenn dein Körper zu zittern beginnt, setzt irgendwann dein Kopf aus», schildert der Mann gegenüber der «Nowaja Gaseta», Russlands wichtigster Oppositionszeitung, seine Qualen.

«Zeuge Nummer zwei» ist homosexuell. Das Hauptanliegen der Peiniger: an seine Kontakte heranzukommen. «Wenn du auf Verdacht festgenommen wirst, denken sie, dass automatisch dein ganzer Bekanntenkreis schwul ist. Jeder Mann, der anruft oder schreibt, ist der nächste Fang. Meistens riefen sie diese Leute zurück und lockten sie unter irgendeinem Vorwand zu einem Treffen.» Irgendwann, nach tagelanger Folter, kommt er frei.

Schikanen und «Ehrenmorde»

Was «Zeuge Nummer zwei» beschreibt, ist kein Einzelfall. Anfang April recherchierte die «Nowaja Gaseta», dass in der autonomen nordkaukasischen Republik Männer wegen ihrer «nichttraditionellen sexuellen Orientierung oder des Verdachts darauf» entführt, inhaftiert und gefoltert werden. Andere russische Medien und Menschenrechtsgruppen bestätigten die Informationen. Über hundert Männer sollen den tschetschenischen Behörden in den vergangenen Wochen zum Opfer gefallen sein, mindestens drei haben die Schikanen nicht überlebt.

Gespräche über Homosexualität sind in Tschetschenien tabuisiert, genaue Zahlen lassen sich daher schwer ermitteln. «Schwulenfeindlichkeit ist in Tschetschenien weitverbreitet und wird von der Regierung angefacht. Homosexuelle werden nicht nur Opfer der Behörden, sondern auch von ‹Ehrenmorden› durch die eigenen Verwandten», schreibt Human Rights Watch.

Aufklärung unwahrscheinlich

Die Hetzjagd ist laut «Nowaja Gaseta» eine Reaktion auf die Ankündigung einer Moskauer LGBT-Gruppe, im mehrheitlich muslimischen Nordkaukasus Gay-Pride-Paraden zu veranstalten. Man habe die Absagen der Behörden für eine Klage in Strassburg verwenden wollen, sagt ein Aktivist. Die Organisation Russisches LGBT-Netz hat eine Hotline eingerichtet, bei der sich inzwischen Dutzende Männer gemeldet haben. In Moskau eröffnete sie eine Notunterkunft für Geflüchtete. Zurzeit versuchen die AktivistInnen, möglichst viele Betroffene aus Tschetschenien zu evakuieren. «Unser grösstes Problem ist, dass die Männer grosse Angst haben und niemandem vertrauen. Man hat ihnen eingeschärft, dass sie Menschen der niedrigsten Sorte sind», sagt ein Mitarbeiter.

Für die MenschenrechtlerInnen ist die Jagd auf Homosexuelle ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sie prüfen eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof. Die tschetschenischen Behörden wollen von den Vorwürfen nichts wissen. «Bei uns gibt es keine Homosexuellen. Man kann nicht jemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt», kommentierte der Sprecher von Präsident Ramsan Kadyrow die Recherchen der «Nowaja Gaseta».

Die Staatsanwaltschaft in Moskau hat angekündigt, die Vorwürfe zu prüfen. Dass die Verbrechen aufgeklärt werden, ist allerdings wenig wahrscheinlich. In Russland gelten seit 2013 Gesetze, die Homosexuelle stigmatisieren. Präsident Wladimir Putin stützt Kadyrows Regime seit Jahren; er toleriert die Menschenrechtsverletzungen und lässt Millionenbeträge nach Grosny fliessen – im Gegenzug für die «Befriedung» der einstigen Unruherepublik. Die Schikanen der tschetschenischen Behörden sind das Ergebnis des politischen Klimas – und trauriger Höhepunkt jahrelanger Repressionen gegen Minderheiten und der Gängelung von Andersdenkenden.

JournalistInnen fürchten um ihr Leben

Gegen die Verfolgung von Homosexuellen regt sich inzwischen internationaler Protest. Das UNHCR hat die russischen Behörden aufgefordert, der Verfolgung ein Ende zu setzen. Weltweit fanden zuletzt Solidaritätskundgebungen statt, darunter auch in Bern. Auf dem Waisenhausplatz forderten am vergangenen Donnerstag rund 200 Demonstrierende den Bundesrat auf, homosexuellen Tschetschenen Asyl zu gewähren.

Elena Milaschina, die seit Jahren über Tschetschenien berichtet und die Verbrechen gegen Homosexuelle publik gemacht hat, muss nun um ihr Leben fürchten. Tschetschenische Religionsführer haben zum Mord an den MitarbeiterInnen der «Nowaja Gaseta» aufgerufen.

Welche Konsequenzen die Berichterstattung über Tschetschenien haben kann, hat das Medium mehrfach zu spüren bekommen. Sechs JournalistInnen mussten ihre Arbeit mit dem Leben bezahlen, darunter auch die Starreporterin der Zeitung. Anna Politkowskaja, die während der beiden Tschetschenienkriege grausame Verbrechen aufgedeckt hatte, wurde 2006 vor ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen, der Mord wurde nie aufgeklärt. Elena Milaschina hat Russland nach den Morddrohungen vorübergehend verlassen.

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