Zeitgeschichte: Revolution mit Klassikern

Nr. 48 –

Vom sozialistischen Studentenbund zu Hölderlin – der Verleger KD Wolff legt mit seiner Autobiografie ein Zeugnis einer bewegten Zeit vor.

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Mindestens drei öffentliche Karrieren kann man KD Wolff zubilligen. Da ist der 68er-Studentenführer in Freiburg und Frankfurt, dann der Herausgeber linksradikaler Bücher im Verlag Roter Stern, drittens der Verleger, der mit dem Stroemfeld-Verlag das Edieren deutschsprachiger Klassiker revolutioniert hat.

Die Kindheit beginnt für den 1943 geborenen Karl Dietrich Wolff traumatisch: Als Zweijähriger erleidet er schwere Verletzungen und muss ein halbes Jahr im Spital verbringen. Später sieht er sich mit der Nazivergangenheit seiner Eltern konfrontiert; das ist, wie bei anderen seiner Genoss:innen, ein Motiv der Politisierung. Via die Juso und einen USA-Aufenthalt wird er 1965 leitend aktiv im Freiburger SDS, dem legendenumwobenen Sozialistischen Deutschen Studentenbund, gegen die sogenannten Notstandsgesetze und den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. 1968/69 präsidiert er, zusammen mit seinem Bruder Frank, ein Jahr lang den landesweiten SDS, hält zahllose Reden, initiiert Demonstrationen und Sit-ins, verhandelt mit der Polizei und mit Politiker:innen, paktiert mit Kulturschaffenden und Gewerkschafter:innen.

In der Geschichtsschreibung über 68 ist KD Wolff bislang im Hintergrund geblieben. Die nun unter dem Titel «Bin ich nicht ein Hans im Glück?» erschienenen autobiografischen Aufzeichnungen ergänzen manches aus persönlicher Perspektive, wobei einige wichtige Figuren der Bewegung nur gestreift werden. Dafür gibt es hübsche Vignetten: wie Wolff Martin Heidegger zu einer Unterschrift gegen die Notstandsgesetze bewegt, wie er mit Ralf Dahrendorf, auf dem Dach eines Mercedes sitzend, über die FDP diskutiert. Zuweilen ist das gehobener Klatsch. Jürgen Habermas sei auf andere junge Akademiker eifersüchtig gewesen, dem renommierten Historiker Wolfgang Abendroth habe jede politische Kreativität gefehlt, der charismatische Rudi Dutschke sei arrogant und autoritär aufgetreten.

38 Strafanzeigen hat KD Wolff in dieser Zeit gekriegt, doch die meisten Gerichtsverfahren wurden vorzeitig eingestellt, zu einer Verurteilung kam es nie. Besonders hebt er hervor, wie er internationale Kontakte herstellte, etwa zu den Black Panthers, und vor dem Ausschuss des US-Senats hielt er eine aufsässige Rede, «frecher als Brecht», die ihn heute wohl ins Gefängnis bringen würde. Eindeutig ordnet sich Wolff dem autonomen Flügel der Achtundsechziger zu, gegen die sich formierenden orthodoxen, parteiförmigen Strömungen. Ein Stachel bleibt die Frauenbewegung: Angesichts der damaligen Kritik am patriarchalischen Verhalten der SDS-Prominenz nimmt er nicht immer ganz überzeugend für sich in Anspruch, ein Protofeminist gewesen zu sein.

Kampf um Hölderlin

Schon im SDS organisierte und redigierte KD Wolff politische Broschüren, was beinahe bruchlos ins Verlagsgeschäft und zur Gründung des Verlags Roter Stern übergeht. Ja: Damals kann man mit linker Literatur noch Geld verdienen. Als radikaler Verleger hält er Kontakt mit vielerlei Szenen und Organisationen, im Verlag verkehren spätere Mitglieder der Revolutionären Zellen. Obwohl er deren Politik wie die der RAF von Beginn an als tödlichen Irrweg ablehnt, gerät er in den Fokus des Staatsschutzes, mehrfach wird in Frankfurt das Haus durchsucht, wo er wohnt und zugleich der Verlag angesiedelt ist.

1975 beginnt die dritte Phase, für die KD Wolff heute vor allem bekannt ist: Zusammen mit dem Autodidakten D. E. Sattler konzipiert er gegen die herrschende Germanistikzunft eine neue Hölderlin-Ausgabe. Eine kritische Textausgabe bestand damals üblicherweise darin, eine Version angeblich letzter Hand festzumachen und Varianten in einem Anhang abzudrucken. Die neue Frankfurter Hölderlin-Ausgabe will nun mit Faksimiles und einer eigens entwickelten Umschrift mit verschiedenen Drucktypen die künstlerischen Arbeitsstufen unmittelbar dokumentieren. Darauf wirft die radikale Linke Wolff vor, den «revolutionären Kampf» zugunsten einer Flucht in die apolitische Literatur aufgegeben zu haben; die bürgerliche Germanistik reagiert mit Häme und warnt vor einer politischen Indienstnahme des Klassikers Hölderlin.

KD Wolff beschreibt in der Autobiografie eindrücklich den verlegerischen Einsatz gegen die Vorwürfe des Dilettantismus und die Anstrengungen, die nötig waren, um die finanziellen Mittel für das Grossunternehmen zu sichern. Auf wenige Jahre geplant, wurde die Ausgabe erst 2008 mit dem 20. Band abgeschlossen. Mittlerweile hat sich die auf die Textgenese konzentrierte Editionstechnik etabliert, vorangetrieben von Forschern wie Roland Reuss, Peter Staengle und Wolfram Groddeck. Der 1979 von Wolff gegründete Stroemfeld-Verlag hat entsprechende Gesamtausgaben von Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Karoline von Günderrode, Georg Trakl und Gottfried Keller veröffentlicht – eine grandiose Leistung.

In 45 Jahren Verlagstätigkeit hat Wolff insgesamt 800 Bücher publiziert, ein leuchtendes Universum. Immer wieder muss er auf Betteltour gehen, bei staatlichen Stellen, bei Mäzen:innen und bei Freund:innen. Er hält sich ans Bonmot, dass ein Verleger nur jene Bücher verlegen dürfe, von denen er selbst überzeugt sei, also nicht auf den Markt schielen dürfe. Doch ohne den geht es nicht. «Unser Verlag ist käuflich, aber nicht korrupt», meinte er auf Vorbehalte, wenn er sich mit konservativen Geldgebern von Helmut Kohl bis Hermann Josef Abs einliess.

Das grösste Renommee gewann der Verlag durch die Klassikereditionen, der erfolgreichste und wirkmächtigste Titel aber war Klaus Theweleits «Männerphantasien» (1977/78) über den Zusammenhang von maskulinem Körperkult und Faschismus. Bedeutsam ist zudem das Werk des Religionshistorikers Klaus Heinrich; dazu kommen immer wieder Beiträge zur Psychoanalyse oder der Versuch, den Schriftsteller Peter Kurzeck ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Trauriges Ende

Die allmähliche Anerkennung der neuen Editionstechnik war auch eine Gefahr, weil Wolff zu viele Editionen parallel führen wollte. 1993 muss der Verlag deshalb Konkurs anmelden. Dank eines Förderkreises gelingt ein solider Neustart. Darauf beginnt Wolff ein Lieblingsprojekt, eine neue umfassende Kafka-Ausgabe. Zusammen mit dem NZZ-Verlag wird auch eine Gesamtausgabe Gottfried Kellers gestartet, von der 2013 der 32. und letzte Band erschienen ist. Ein Schwerpunkt bleibt die Psychoanalyse, etwa mit der Gesamtausgabe von Georg Groddeck.

Doch dann wird das akademische, politische und kommerzielle Umfeld schwieriger, ab 2015 ist der Verlag zusehends überschuldet, das Rumpfteam überfordert – 2018 wird Stroemfeld liquidiert. Während die grossen Klassikerausgaben von anderen Verlagen übernommen worden sind, landen manche Bücher, herzzerreissend, im Schredder.

Der Umgang mit dem Verleger Wolff war nicht immer einfach. Das räumt er ein, wenn er von Verstimmungen zwischen ihm und etlichen seiner Autor:innen berichtet. Dennoch, oder deswegen: Die deutschsprachige Kultur hat KD Wolff unschätzbar bereichert.

Stefan Howald hat zwei seiner Bücher in KD Wolffs Stroemfeld-Verlag veröffentlicht, das erste 1997, als es dem Verlag recht gut ging, und das zweite 2015, als sich bereits ein Ende mit Schrecken abzeichnete.

Buchcover von «Bin ich nicht ein Hans im Glück? Studentenrevolte – Hölderlin – Kafka»
KD Wolff: «Bin ich nicht ein Hans im Glück? Studentenrevolte – Hölderlin – Kafka». Verlag Vittorio Klostermann. Frankfurt am Main 2025. 262 Seiten.