Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Der Rote Stern verglüht im Meer der Gleichgültigkeit

Von Stefan Howald

Es begann mit einem roten Stern: Karl Dietrich «KD» Wolff, Studentenführer aus der linksradikalen Frankfurter Szene, edierte unter diesem Signet ab 1970 Bücher über Erziehung und Klassenkampf in Deutschland und zum Rassismus in den USA – scharf vom Verfassungsschutz beobachtet.

Dann, 1974, flammte ein roter Komet in der Germanistik auf. Der als vorbildlich geltenden historisch-kritischen Ausgabe von Friedrich Hölderlins Werk stellte der Autodidakt D. E. Sattler eine neue Editionsmethode entgegen – und KD Wolff machte daraus mit der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe im satten Hoffnungsgrün ein radikales Fanal. Textvarianten wurden nicht in den Anhang verbannt, sondern in den Text integriert. Das Fliessende des Arbeitsprozesses zu zeigen, sollte auch politisch dokumentieren, wie sich der «pauvre Holtering» als Anhänger der Französischen Revolution im kalten Wind der Reaktion nicht gebeugt, sondern sich in die eigene ver-rückte Welt zurückgezogen hatte. Das zeitigte einen Kulturkampf, mit Häme und Boykottversuchen. Aber die Editionsmethode setzte sich durch und wurde zunehmend auf andere AutorInnen angewandt – Heinrich von Kleist, Karoline von Günderrode, Georg Trakl.

Noch wirkungsmächtiger waren 1977/78 die zwei Bände «Männerphantasien» des Kulturhistorikers Klaus Theweleit. Ja, unter dem Roten Stern funkelten die Schnittstellen zwischen Fachgebieten, mit psychohistorischen Studien zu den USA oder zu Goethe, mit dem Religionshistoriker Klaus Heinrich, dem dissidenten Analytiker Georg Groddeck und dem Frankfurter Dichter Peter Kurzeck.

1979 taufte Wolff den Verlag in Stroemfeld um – nach einem Wort aus einem Hölderlin-Fragment – und gründete eine Tochtergesellschaft in Basel. Das Geschäftsmodell war immer prekär, die Grossprojekte waren auf Subventionen, MäzenInnen und Überbrückungskredite angewiesen. KD Wolff war im Auftreiben von Fördergeldern unermüdlich. Schwächer war er als Kaufmann und Administrator. Er setzte sich mit Leib und Seele für seine Projekte ein, und von den AutorInnen erwartete er dasselbe.

Im Verlagsprogramm verknüpfte Stroemfeld die kritische Intelligenz mit dem akademischen Betrieb. Beides ist seit längerem unter Druck. Für die Hölderlin-Ausgabe wurden 1975 in zwei Wochen 1500 Subskriptionen gezeichnet. Stroemfelds neue Kafka-Ausgabe verzeichnet nach jahrelangen Bemühungen 400 AbnehmerInnen. Vor allem aber kaufen Bibliotheken nicht mehr. Sie sparen oder setzen auf Online. Die Universität Zürich will ihre Fachbibliotheken zusammenlegen und nur noch ein Exemplar aller Bücher vorrätig halten.

Jetzt hat Stroemfeld nach 48 Jahren Konkurs angemeldet. Die Basler Filiale bleibt vorerst bestehen; dort, wo zusammen mit dem NZZ-Verlag eine Gottfried-Keller-Ausgabe in 32 Bänden publiziert worden ist, wird womöglich die 2008 begonnene Robert-Walser-Ausgabe weitergeführt. In Frankfurt wird an der Kafka-Ausgabe weiterhin gearbeitet – Erscheinen höchst unsicher.

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