Austerität: Wo sich Faschismus und Liberalismus treffen
Regressive Steuern, hohe Zinsen, Deregulierung: Austerität ist kein Versehen, sondern ein Instrument zur Disziplinierung – und zur Stabilisierung eines wankenden Kapitalismus, erklärt die italienische Ökonomin Clara Mattei.
Anfang 2023 rechnete die Entwicklungsorganisation Oxfam vor: Für jeden US-Dollar, den die bezüglich Vermögen unteren neunzig Prozent der Menschen seit 2020 weltweit dazuverdient hatten, nahm ein:e Milliardär:in im selben Zeitraum 1,7 Millionen ein. 2024 gab es 2769 Milliardär:innen auf der Welt, die ihre Vermögen allein in jenem Jahr um zwei Billionen US-Dollar vermehrten – 5,7 Milliarden pro Tag. Gleichzeitig lebt gemäss jüngsten Weltbank-Zahlen annähernd die Hälfte der Weltbevölkerung von weniger als 6,85 Dollar am Tag. So besitzen die zwölf reichsten Milliardär:innen heute mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Menschheit – vier Milliarden Menschen. Und über zwei Milliarden sind von Ernährungsunsicherheit betroffen.
Diese Zahlen sind so obszön, sie sind kaum fassbar. Die Logik des Profits kollidiert mit der Logik der Bedürfnisse – ein Konflikt, der sich in Hunger, Tod und sozialer Marginalisierung ausdrückt. Während die Logik der Profite floriert, leben wir in einem Moment extremer menschlicher und ökologischer Krisen. Diese Krisen verlangen nach klaren begrifflichen Werkzeugen, um sie zu verstehen – und zu handeln. Intelligent zu handeln, mit einem klaren Verständnis für die Kräfte, die dieses Ausmass an Ungleichheit und sozialer Verwüstung hervorbringen.
Meine Arbeit konzentriert sich auf die Geschichte und die Wirkmacht der Austerität. Anders als weite Teile der keynesianischen Analyse, die Austerität als irrational oder fehlgeleitet abtun, argumentiere ich auf Grundlage historischer Analysen, dass Austerität strukturell funktional für den Kapitalismus ist. Kapitalismus ohne Austerität gibt es nicht – und umgekehrt ebenso wenig.
Eine unsichtbare, bindende Kraft
Extreme Ungleichheit ist weder ein Naturgesetz, noch hat sie etwas mit Leistung zu tun. Sie ist das Ergebnis gezielter, oft gewaltsamer politischer Interventionen durch den Staat. Mit dem kapitalistischen Staat meine ich dabei nicht nur die Exekutive, sondern auch die Legislative, die Judikative, Zentralbanken, Finanzministerien und die Gesamtheit politischer Entscheidungsinstitutionen in unseren modernen Volkswirtschaften. Der Staat erhält Ungleichheit aktiv aufrecht, um das Machtgefälle zwischen den Klassen zu sichern.
Austerität wird nicht eingeführt, um Wachstum zu fördern oder Haushalte zu sanieren. Ihre eigentliche Wirkung ist eine andere: Sie zwingt die Mehrheit der Menschen, ihre Arbeitskraft zu niedrigen Löhnen zu verkaufen. Dieser Zustand ist politisch konstruiert und ein zentrales strukturelles Merkmal des Kapitalismus.
Im Gegensatz zum Feudalismus, in dem Ausbeutung sichtbar und persönlich war, funktioniert der moderne Kapitalismus über eine unsichtbare, unpersönliche, aber bindende Kraft: die Marktabhängigkeit. Wer morgens nicht aufsteht und zu seinem miserablen Job geht, hat nichts zu essen, kein Dach über dem Kopf und keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung. Marktabhängigkeit sichert die Ohnmacht und die schwache Verhandlungsmacht der Massen. Genau dazu ist die Austerität da.
In gängigen Definitionen wird Austerität als Politik gekürzter Staatsausgaben und erhöhter Steuern beschrieben. Doch diese Beschreibung ist inhaltlich leer und irreführend. Der Staat zieht sich nicht zurück und lässt den angeblich freien Markt spielen, er verteilt um: weg von arbeitenden Menschen hin zu jenen, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben. Entscheidend ist nicht, wie viel der Staat ausgibt, sondern für wen. Weltweit werden soziale Dienste abgebaut, während die öffentlichen Mittel woanders hinfliessen.
US-Präsident Donald Trumps im Juli 2025 unterzeichnete «Big Beautiful Bill» kürzt über zehn Jahre hinweg 500 Milliarden US-Dollar bei Medicaid, einem Gesundheitsprogramm für Geringverdienende, und 200 Milliarden bei der Lebensmittelhilfe. Millionen Menschen werden hungern, während diese Gelder in Überwachungs- und Grenzschutztechnologien fliessen und zur Finanzierung endloser Kriege und Massaker an unschuldigen Menschen im Globalen Süden verwendet werden, von Palästina bis in den Sudan. Das ist Austerität.
Und sie wirkt. Höhere Marktabhängigkeit zwingt Arbeiter:innen, schlechtere Bedingungen zu akzeptieren, während die Gewinnerwartungen der Eliten durch Risikoabsicherung und Anreize für private Investor:innen abgesichert werden. Die zwei Pfeiler des Kapitalismus, Lohnarbeit und private Kontrolle über Investitionen, werden so stabilisiert, um einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern.
Das gilt auch für Steuern. Austerität heisst nicht höhere Steuern für alle, sondern regressive Besteuerung. Arbeit wird stärker belastet, Unternehmenssteuern und Spitzensteuersätze auf Einkommen immer weiter gesenkt. Erbschaftssteuern verschwinden, Kapitaleinkommen entzieht sich weitgehend der Besteuerung. Allein 2027 werden US-Einkommensmillionär:innen Steuererleichterungen von 114 Milliarden US-Dollar erhalten. Austerität ist nicht günstig. Sie ist ein hochgradig kostspieliges politisches Projekt, das jedoch eine zentrale Rolle in der kapitalistischen Ökonomie spielt.
Es ist zentral, das zu verstehen. Denn zu oft übernimmt die internationale Linke Begriffe und Definitionen, die den Profiteur:innen dieses Systems dienen. Neoliberalismus ist kein Betriebsunfall des Kapitalismus, sondern seine Beschleunigung. Kapital ist kein Geld, sondern ein soziales Verhältnis, das auf Ausbeutung basiert. Und diese Ordnung ist fragiler, als uns glauben gemacht wird. Der immense Aufwand, der nötig ist, um Austerität durchzusetzen, zeigt, dass alternative soziale Verhältnisse möglich sind.
Der Rest zahlt den Preis
Historisch entsteht Austerität dann, wenn die kapitalistische Ordnung herausgefordert wird. Und wenn infrage gestellt wird, dass Lohnarbeit und private Kontrolle über Investitionen als natürlich gelten. Dies geschah nach dem Ersten Weltkrieg, als Arbeiter:innen in ganz Europa mit Selbstverwaltung experimentierten, unter anderem in Grossbritannien und Italien. Diese Bewegungen zwangen die Staaten zu Wohlfahrtsmassnahmen, und selbst Industrielle wie Giovanni Agnelli von Fiat waren bereit, Kooperativen zu akzeptieren, um ihre Fabriken zu sichern. Die darauffolgenden Austeritätsprogramme beseitigten jedoch diese Alternativen und stabilisierten die bestehende Ordnung.
Fiskalischer Zwang – also die oben beschriebene regressive Besteuerung und Kürzung sozialer Ausgaben, die dann oft gleichzeitig in die Militarisierung der Wirtschaft umgeleitet werden – ist das erste Element dessen, was ich die Dreifaltigkeit der Austerität nenne. Doch Austerität betrifft nicht nur Steuern. Sie wirkt ebenso über monetäre Austerität: also über höhere Zinsen. Hohe Zinsen belohnen zunächst Finanzinstitutionen, die am Verleihen mehr verdienen. Der Rest der Gesellschaft zahlt den Preis: zuerst die Konsument:innen durch steigende Kreditkarten- und Darlehenskosten und entscheidender noch die Arbeiter:innen – in einem engeren Arbeitsmarkt, in dem immer mehr Menschen um immer weniger Jobs konkurrieren.
Monetäre Austerität wird typischerweise mit dem dritten Element der Dreifaltigkeit kombiniert: industrielle Austerität – Privatisierungen, Deregulierung des Arbeitsmarkts und eine Politik, die darauf abzielt, die Verhandlungsmacht der Arbeiter:innen zu schwächen. Diese Dreifaltigkeit wirkt jedoch nicht isoliert. Sie wird getragen von einem intellektuellen Rahmen, der die Umverteilung von den vielen zu den wenigen rechtfertigt. Dieses Rahmenwerk ist historisch wie gegenwärtig die neoklassische Ökonomie.
Im Dienst des Faschismus
In den 1920er Jahren setzte sich diese Denkschule als «reine Ökonomie» durch. Sie brach mit der Tradition der politischen Ökonomie von Ricardo bis Marx, die Arbeit ins Zentrum der Wertschöpfung stellte und die Ungleichheit mit an die inneren Funktionsweisen des Kapitalismus knüpfte. Die «reine Ökonomie» kehrte das um: Sie präsentierte die Wirtschaft als neutrale, technische Disziplin, losgelöst von sozialen und politischen Verhältnissen und scheinbar über Klassenkonflikten stehend, vergleichbar mit den Naturwissenschaften.
Dabei blendete sie soziale Verhältnisse konsequent aus und verlagerte den Fokus von den Arbeiter:innen auf einen neuen, beinahe mythologischen Helden: den Unternehmer. Wert entsteht in der neoklassischen Ökonomie nicht mehr aus ausgebeuteter Arbeit, sondern aus der vermeintlichen Tugend einiger weniger, die verzichten, sparen, investieren und angeblich alle anderen mit nach oben ziehen. Bis heute wirkt dieses Denken der «reinen Ökonomie» als machtvolles Instrument, um jene zu entmachten, die nach Alternativen zur bestehenden Ordnung suchen. Und es war schon früh hochwirksam.
Der Aufstieg des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini beruhte nicht allein auf Gewalt, sondern auch auf der aktiven Unterstützung von Ökonomen und akademischen Experten, die seiner Regierung beitraten, die vollständige Austeritätsdreifaltigkeit umsetzten und die intellektuellen Rechtfertigungen lieferten, die seine Diktatur über zwei Jahrzehnte stabilisierten.
Arbeiter:innen, so ihr Argument, müssten diszipliniert werden, weil sie «wie Schweine leben und ihr Geld in der Kneipe verschwenden». Diese klassistische Haltung spiegelte die Angst wirtschaftlicher Eliten, sozialer Wandel könne ihre Privilegien gefährden und den Kapitalismus destabilisieren. Ökonomische Theorie wurde so zum Herrschaftsinstrument: Akzeptiert das System, bleibt still, unterwerft euch der angeblich «objektiven» ökonomischen Wahrheit. Die Ökonomie trat an die Stelle der Religion – ihre Autorität wuchs in der Folge enorm und besteht bis heute fort.
Historische Forschung zerlegt einen weiteren hartnäckigen Mythos: dass Liberalismus und Faschismus grundsätzlich Gegensätze seien. Mussolini kam nicht durch einen Putsch an die Macht. 1922 wurde er vom König und vom Parlament Italiens in die Regierung geholt, aus Angst vor einer radikalen Wende zugunsten der Arbeiter:innen. Liberale unterstützten ihn – nicht nur in Italien, sondern auch in Grossbritannien und den USA. Wenn die kapitalistische Ordnung ernsthaft bedroht ist, verbünden sich Liberalismus und Faschismus gern: über die Durchsetzung von Austerität.
Besonders deutlich wird diese Logik in einem Brief von 1926: Montagu Norman, der damalige Gouverneur der Bank of England, schrieb dem US-amerikanischen Bankier und Financier J. P. Morgan jr., Mussolini sei trotz Repression und Abschaffung der Meinungsfreiheit «der richtige Mann in einem kritischen Moment». Er habe verhindert, dass «das Pendel zu weit in die falsche Richtung ausschlägt». Die Rechnung war klar: Um Ersparnisse und internationale Investitionen zu sichern, mussten jene diszipliniert werden, die die kapitalistische Ordnung infrage stellten.
Mein 2022 erschienenes Buch «The Capital Order» ist meinem Grossonkel Gianfranco Mattei gewidmet. Er war Chemiker und stellte Bomben für den Widerstand gegen die Nazis her. 1944 wurde er in Rom gefasst und gefoltert. Er entschied sich für den Tod, anstatt seine Genoss:innen zu verraten. Er hätte nicht akzeptiert, für das zu sterben, was wir heute erleben. In seinem Namen müssen wir die historische Kontinuität zwischen Liberalismus und Faschismus erkennen – ebenso wie die obszönen Ausmasse von Austerität, Ungleichheit und Genozid, mit denen wir konfrontiert sind. Es ist ein Aufruf zum Handeln: Wissen ist nur nützlich, wenn es auch ermächtigt – und soziale Transformation anstrebt.
Clara Mattei ist eine italienisch-amerikanische Ökonomin. Sie ist Gründungspräsidentin des Forum for Real Economic Emancipation (freefreeforum.org) und Professorin an der University of Tulsa. Zu ihren Büchern zählen «Escape from Capitalism» (Penguin Books, 2026) sowie «Die Ordnung des Kapitals» (Brumaire Verlag, 2025), das 2026 ausgezeichnet wurde.
Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den Mattei am 10. Dezember im Rahmen der WOZ-Veranstaltungsreihe «Links abbiegen» in der Zentralwäscherei Zürich gehalten hat.
Aus dem Englischen von Enrico Kampmann.