Verena Stefans Schreiben: Das Sprachmaterial zersplittern
«Häutungen» gilt als Kultbuch der Frauenbewegung. Auch fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen besticht der Text durch seine unverwechselbare Poetik.
Zu Beginn von «Häutungen» wird Verena Stefans Protagonistin Veruschka auf offener Strasse von einem Mann belästigt und beschimpft. Als endlich die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt, kann von einem Gang an den Schreibtisch keine Rede sein: «Einmal zurück schlagen können, nicht ständig empörung um empörung in mir aufschichten! Was soll ich jetzt an der schreibmaschine?» Veruschka wischt die Buchstaben in der Folge vom Tisch und beginnt, einzelne Lettern auf dem Fussboden zu verschieben und neu aneinanderzureihen: «WANN KOMMT DER TAG AN DEM FRAUEN», anagrammiert sie ebenda. Das zersplitterte Sprachmaterial erinnert sie an die «einzelteilchen des aufstand[s] der frauen». Auch dieser ist nicht nur Sache eines Tages, sondern setzt viele einzelne, kleinere bis grössere Umbrüche voraus.
Textproduktion und Selbstwerdung
Diese Buchstabierszene ist nicht zufällig am Beginn des Textes platziert. Denn die Poetik von «Häutungen» gründet in der Verschränkung von Emanzipation und Textproduktion – einem Verfahren, das darin besteht, abgegriffene Sprache abzustreifen und zugleich an neuen Begrifflichkeiten für den weiblichen Körper, die Sexualität der Protagonistin und deren Emanzipationsprozess zu arbeiten. «Jedes wort», so eine von Stefan im Vorwort der 1994 erschienenen Ausgabe von «Häutungen» dargelegte Prämisse, «muss gedreht und gewendet werden, bevor es benutzt werden kann – oder weggelegt wird.» Die Buchstabierszene zu Beginn des Textes führt diese Forderung exemplarisch vor: Sie bringt jene Verfremdungseffekte zur Anschauung, die bei Stefan mit der konstanten Kleinschreibung, der Auftrennung von Komposita und zahlreichen Neologismen ihren Anfang nehmen und die sich bis in die formale Ebene des Textes – eine Montage aus erzählerischer Prosa, Lyrik, Traumprotokollen und Aufzeichnungen – hinein fortsetzen.
Verena Stefans Werk heute
Am 22. November 2025 gibt es im Berner Progr eine Veranstaltung zu Verena Stefan: zwei Podien – eines in Anwesenheit von Vera Thomann –, eine Lesung und eine Dokumentarfilmvorführung. Zudem feiert das sprachliche Arrangement «brüten wir die welt neu aus» Premiere, das sich aus dem Werk von Verena Stefan nährt. Das Konzept des Projekts stammt von den Autorinnen Mariann Bühler und Tabea Steiner; visuelle und weitere Gestaltungselemente verantwortet Dinah Wernli, die auch die Illustrationen auf diesen Seiten gemacht hat. www.verenastefan.ch
Das Anagrammieren fungiert bei Stefan derart als emanzipatorische Schreibpraxis, die ihre Vor- und Mitdenkerinnen in Unica Zürn, Anna Altschuk oder Inger Christensen findet. Zugleich unterbreitet die Berner Autorin der Leserin ein didaktisches Design: Die Neustrukturierung von Körper, Leben und Schrift, die Stefan de- und rekomponiert, erscheint als fortlaufender Prozess der «Häutungen» – als ein noch zu vollziehender, erst im Entstehen begriffener Akt. Es ist dies eine Technik, die die starke Leserinneneinbindung der «Häutungen» erklärt: Als Rezipientin wird die Entwicklung und Selbstwerdung der Protagonistin Veruschka/Cloe (im metaphorischen Sinn das Durcharbeiten der Hautschichten) nachvollzogen, aber auch auf eine Prospektivität hin geöffnet. Das fehlende Verb in der ursprünglichen Buchstabierszene – «WANN KOMMT DER TAG AN DEM FRAUEN» – weist darauf hin: Die Emanzipation der Frauen zeigt sich gerade im noch nicht Geschriebenen.
Abstreifen, Durcharbeiten
Derart markiert Stefan einerseits die materiale und semantische Arbeit an der Sprache, die der Textproduktion zwingend vorausgehen muss. Andererseits instruiert sie über die Funktionsprinzipien eines emanzipatorischen Schreibens, das bereits existierende Narrative von Körperlichkeit, Sexualität und Autorinnenschaft konsequent umgestaltet. Es ist diese formale wie politische Konsequenz, die den 1975 im Verlag Frauenoffensive veröffentlichten Text zu einem der wichtigsten feministischen Werke seiner Zeit macht: Originäres, das heisst neutrales Sprachmaterial steht für das schreibende Subjekt bei Stefan nicht zur Verfügung – vielmehr müssen alle körperlichen und sprachlichen Vorannahmen gleichzeitig zurückgewiesen, verschoben und sich vom schreibenden Subjekt neu angeeignet werden.
Der Kraftakt, der dem Abstreifen und Durcharbeiten der metaphorischen und wortwörtlichen Hautschichten zugrunde liegt, manifestiert sich insbesondere im Schmerz, dem der Körper bei Stefan fortwährend ausgesetzt ist – durch die Menstruation, «abnabelungsschmerzen» und Unsagbares, aber vor allem durch männliche Gewalt, sexistische Zu- und Übergriffe, durch Partner («hilflos flattert er mit seinen gestutzten gefühlen»), Fremde auf offener Strasse oder Ärzte in gynäkologischen Untersuchungen («das bisschen schmerz werden wir ja wohl aushalten!»). Simultan suchen die «Autobiographischen Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen», so der Untertitel des Buches, die Sprachlosigkeit in Hinblick auf den weiblichen Körper und queeres Begehren mit einer Sprache aus «hautworte[n]» einzukleiden.
«Häutungen» vermittelt so Wissen über Genderrollen, Sexualpraktiken, Heteronormativität und Begehrensstrukturen, aber auch über die dazugehörige Spracharbeit und die literarischen Genres, die sich das schreibende Subjekt für sein sprachschöpferisches Verfahren neu erschliessen muss (zum Beispiel den Bericht, die Aufzeichnungen und die Autobiografie).
Offengelassene Spannungsfelder
Wurden Werke wie das von Stefan lange Zeit als schlicht autobiografisches Schreiben – als «Frauenliteratur» – abgewertet, verfügt die Literaturwissenschaft unter Schlagworten wie «Autotheorie» oder «Autofiktion» heute über genauere Frameworks, in denen sich die poetische Inbezugsetzung von Körperlichkeit, Dokumentarismen und Spracharbeit analysieren lässt.
Durch jene Linse lässt sich insbesondere an Stefans breiterem Œuvre ansetzen und weiterdenken. Denn das distinkte poetische Verfahren, das in «Häutungen» vorliegt, prägt auch Stefans nachfolgende und qualitativ ebenso starke Werke. Auch hier verbinden sich stets das Körperliche und das Sprachliche, das Autobiografische und das Fiktionale: In «Es ist reich gewesen. Bericht vom Sterben meiner Mutter» (1993) werden die Biografie der Mutter, deren Schreibtätigkeit und Beziehung zur Erzählinstanz etwa anhand von anagrammierten Wortreihen einer einzigen Sentenz – «es isch rich gsi» – nachvollzogen und strukturiert. In «Rauh, wild & frei. Mädchengestalten in der Literatur» (1997) geht Stefan akribisch den Typologien nach, die die Literaturgeschichte für Mädchenfiguren bereitstellt. Und in «Fremdschläfer» (2007) überlagert sie den klinischen Blick auf den krankenden Körper mit Immigrationsgeschichten im mehrsprachigen Montreal, sodass eine multidimensionale Verfremdungserfahrung zur Sprache gelangt.
Dabei vollzieht Stefan nie dieselbe methodologische Inbezugsetzung von Dokumentarismen und Fiktionalisierung, vielmehr justiert sie die Schaltstellen ihres eigenen Verfahrens immer wieder neu. Gemein bleibt ihren Texten jedoch, dass der Leserin eine Hierarchisierung zwischen Metapher und Wortwörtlichkeit, Subjektivierung und kollektiver Erfahrung, Körper und Buchstabe verwehrt bleibt – Spannungsfelder, die Stefan nicht auflöst, sondern offenhält. Über ihren Erstling hinaus hat Verena Stefan so im Verlauf ihres Schreibens eine sich beständig differenzierende Poetik entwickelt, die gezielt und immer wieder anders die individuelle mit der strukturellen, die inner- mit der ausserliterarischen Ebene verknüpft.
Vera Thomann (33) ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Wien und forscht zum Werk von Verena Stefan.