Performance: Stoffliche Stefan
Die Texte Verena Stefans werden in dieser Lesung buchstäblich zum Stoff: Während die Schauspielerin Kathrin Veith mal ganze Passagen, mal einzelne Zeilen aus den Werken der feministischen Schweizer Autorin vorliest, übersetzt die Künstlerin Dinah Wernli das Gesagte mit flüssigen Farben auf ein zunächst sorgfältig zusammengelegtes weisses Tuch. In ausladenden Bewegungen giesst sie Farbbahnen über den Stoff und lässt diese sich im Gewebe ausbreiten. Von einer Kamera eingefangen und auf eine Leinwand projiziert, lassen sich Wernlis Hände bei der Arbeit beobachten. Wir schauen ihr zu, wie sie gemächlich neue Stoffschichten auffaltet, bereits farbiges Gewebe an noch weisses presst. Später macht sie sich mit Pinseln ans Werk und knetet den inzwischen ausgebreiteten, rötlich-braunen Stoff mit ihren Händen zu den Worten Verena Stefans.
Ihre Verwandlung des weissen Tuchs zum bunt gefärbten Kunstwerk erinnert an Stefans Herangehensweise an Sprache als formbares Medium. Aber die einzelnen Farben, die in ihrer Summe den Stoff in einen anderen verwandeln, werden auch zur Metapher für die Entstehung von (feministischen) Bewegungen. Je nachdem, wie Wernli den Stoff schichtet und formt, nimmt das Tuch gar eine Körperlichkeit an.
Veith und Wernli nehmen sich Zeit, reagieren aufeinander, lächeln sich zu. Das Zusammenspiel von künstlerischer Intervention und literarischen Passagen fesselt. Immer wieder blättert Veith in den vielen Büchern auf der Bühne. Teilweise wählt sie spontan aus, was sie vorliest – ein sehr persönlicher Zugang an die literarischen Arbeiten der 2017 verstorbenen Autorin. Und gleichzeitig wird deutlich, wie relevant Stefans Werk auch fünfzig Jahre nach Erscheinen ihres Debüts, «Häutungen», das zum Kultbuch der Frauenbewegung avancierte, bleibt (siehe WOZ Nr. 42/25). Die kurzweilige Performance über Stefans Poesie und Feminismus zeigt, dass ihr Aufruf auch heute noch gilt: «brüten wir die welt neu aus».