50 Jahre «Häutungen»: Codewort: Wörtelein

Nr. 42 –

Verena Stefan schrieb 1975 den autobiografischen feministischen Roman «Häutungen». Ihre Freundin und ­ Wegbegleiterin Esther Spinner erinnert sich in Briefen an die 2017 verstorbene Autorin und Inspiratorin.

Illustration von Dinah Wernli: ein nackter Oberkörper
Illustration von Dinah Wernli: eine Person welche zur Seite schaut
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3. Februar 2025

Liebe Vera

Ich schreibe dir und weiss doch, oder nehme zumindest an, dass du den Brief nie lesen wirst. Vielleicht ist gar dein Interesse am Lesen, an Literatur völlig erloschen. Vielleicht ist es so, dass Teile von dir, kleinste Partikel, weiterleben in einer Blume, einem Baum, dass diese kleinen Teile weiterwandern, wenn die Pflanze, in der du lebst, die Pflanze, die du bist, zu blühen beginnt, ihre Samen von Wind und Bienen weitergetragen werden, dass du, Vera, über die Welt reist, vielleicht von Kanada in die Schweiz, hier bei mir wohnhaft wirst, vor meiner Wohnung dich niederlässt und blühst. Als Pflanze, als Blatt, als Teil eines Baumes brauchst du keine Literatur, wortlos widmest du dich dem Leben. Was ich kaum glauben kann.

Schon lange schickst du keine Mails mehr. Kein Wörtelein fliegt von dir zu mir. Keines. Dabei war das «Wörtelein» unser Codewort, es forderte die Lesende auf, sofort zu antworten, sofort die erlösenden Worte auf die Reise zu schicken: «Mir geht es gut. Alles in Ordnung.» Auch wenn bei dir schon lange nichts mehr in Ordnung war, wartete ich auf diese Wörtelein, die mir versicherten, dass du da warst, erreichbar per Mail, allenfalls gar per Telefon, dass ich dich vermutlich wiedersehen, nochmals umarmen würde und nochmals. Das alles sagten mir die Wörtelein, «Mir geht es gut», schriebst du, und ich las gierig die Worte auf dem Bildschirm. «Alles ist gut» verhiess Zukunft, barg Möglichkeiten, ebenso wie «Alles in Ordnung».

[…]

Dein letztes Buch, «Ein Riss im Stoff des Lebens», übersetzt aus dem Englischen, steht so in meinem Büchergestell, dass ich jedes Mal beim Vorbeigehen einen Teil des Einbands und damit deines Gesichts sehe. Du bist da, täglich, blinzelst mir zu. Ich habe das Buch gelesen, bemerke aber erst jetzt, dass der Untertitel «Memoir» lautet. Mein letzten Herbst erschienenes Buch nenne ich ebenfalls «Memoir». Ich beschreibe darin die Beziehung zu Hunden, du beschreibst deine Verbindung mit dem Garten. Ich schlage das Buch auf, und da ist er, der Garten, da bist du in deinem Garten. «Der Garten ist ein Körper, er atmet ein, er atmet aus.» Seit meinem Umzug habe ich keinen Garten mehr, aber sieben Töpfe auf dem Balkon, Töpfe, die ich jeden Morgen grüsse, abends zudecke mit der Plastikplane, da die Nächte noch kühl sind. Die Christrosen sind verblüht, der Hibiskus zeigt kleine grüne Spitzen, der Polsterphlox blüht pinkfarben. Mitten aus dem Duftsalbei spriesst eine rot-gelbe Tulpe. Mein kleiner atmender Garten.

10. März 2025

Liebe Vera

Ende Februar sass ich bei der Podologin. Sie schabte an meinen Füssen, schnitt Nägel und Hornhaut weg, ganz in Weiss gekleidet mit einem lindengrünen, frühlingshaften Papier über ihren Knien, das sie mit Wäscheklammern an ihrer Bluse festgemacht hatte. «Wie gehen Sie mit der Weltlage um?», fragte ich. Sie schwieg, widmete sich einem eingewachsenen Nagel. Dann: «Ich habe einen Garten.»

Ihre Antwort führte mich sofort zu dir, Vera, zu deinen Gärten, zu deinem letzten Garten ausserhalb von Montreal, ich weiss nicht, wie der Ort heisst. Seen hat es dort und Wald, viel Wald, in dem das Haus steht, von dem ich Fotos gesehen habe. Du sitzt am Boden in deinem Garten, gräbst dich durch die Erde, an den Schnecken, den Würmern, den Ameisen vorbei. Ich weiss nicht, was du eingräbst, was du ausgräbst, ich sehe dich sitzen, geschwächt von der Chemotherapie, geschwächt vom Krebs, sitzend auf dem feuchten Frühlingsboden, da du dich nicht mehr bücken magst, nicht mehr gehen magst, aber Sitzen geht, die Hände in der dunklen Erde. So hast du es erzählt, so hast du es beschrieben.

7. April 2025

Liebe Vera

Ein Mail erreicht mich, in dem davon gesprochen wird, dass dieses Jahr das fünfzigste ist seit dem Erscheinen von «Häutungen». Vor über fünfzig Jahren setztest du dich hin in Berlin in einem Zimmer, das ich nie gesehen habe. Da sassest du und begannst zu schreiben, schriebst einen feministischen Text, der dich nicht nur berühmt machte, sondern dir auch Kummer brachte.

Neben viel Zustimmung fielen einige Kritiken so heftig aus, dass dir jahrelang bestimmte Feministinnen auf der Schulter sassen, wenn du schreiben wolltest. Sie begutachteten jedes deiner Wörter, strichen, was ihnen nicht passte. Zehn lange Jahre, erzähltest du mir später. Nun aber soll dein damaliges Buch nochmals gefeiert werden.


Als du dich Anfang der siebziger Jahre hinsetztest und zu schreiben begannst, dachte ich erst über die Möglichkeit des Schreibens nach. Dein erstes Buch wurde ein Erfolg: laut Lesbenwiki 250 000 verkaufte Exemplare, gemäss anderen Quellen noch mehr. Dazu viele Übersetzungen, selbst auf Koreanisch erschien dein Buch. Der erste Frauenverlag, die Frauenoffensive, die sich eben erst von Trikont gelöst hatte, wurde dank «Häutungen» finanziell unabhängig. Damals aber war kein Geld da, und entsprechend sah das Buch aus: billiges Papier, schlechter Druck, blasses Umschlagbild. Ganz anders der Inhalt. Noch nie hatte eine Autorin das Geschlechterverhältnis so konkret beschrieben. Zwar war 1949 «Le deuxième sexe» von Simone de Beauvoir erschienen, trotzdem war «Häutungen» erfrischend neu und löste Stürme der Zustimmung und der Ablehnung aus. Mittendrin du, die Autorin, die ihr erstes Buch geschrieben hatte, ohne eine Vorstellung, was da auf sie zukommen könnte. Es erstaunt mich nicht, dass du dich zurückziehen musstest. «Nach der Häutung folgte die Identitätskrise», schriebst du im Vorwort der Auflage von 1994. Dein vertrautes Leben gab es nicht mehr. «Egal, wo ich mich bewege, Verena Stefan folgt mir auf dem Fuss.»

Nie haben wir über unsere Schreibwege geredet. Wie kamst du, wie kam ich zum Schreiben?

In einem Interview in der «taz» von 2008 erzählst du von deiner damaligen Frauengruppe Brot und Rosen, die für das «Kursbuch» einen Text schreiben sollte zum Thema «Wie ist die Emanzipation der Frau mit der Beziehung zu einem Mann zu vereinbaren?». Das Projekt verlief sich, erzählst du, aber: «Ich hatte angefangen zu schreiben und konnte nicht mehr aufhören.» Als Grundlage dienten dir die Notizbücher, die du seit zehn Jahren fülltest und aufbewahrtest. «Ich wollte immer schon schreiben. Schon als Kind. Meine Mutter hat schon geschrieben, wenn auch ohne zu veröffentlichen. Das Buch musste raus, es ist aus mir herausgestürzt.» Es gab also keinen «Das will ich auch»-Moment. Es gab: Ich wollte immer schon schreiben. Darin erkenne ich mich. Ich glaube, wir schrieben auf eine ähnliche Art: mit Hingabe, Sorgfalt und grosser Konzentration.

So jedenfalls schien es mir, als wir in meiner kleinen sardischen Stube schrieben, dem einzigen heizbaren Raum in der Wohnung, beide an einem improvisierten Schreibtisch, der bequeme Sessel von meiner kleinen Hündin besetzt.

Was finde ich heute in «Häutungen»? Was entdeckte ich damals? Sicher fand ich mich wieder in den Beschreibungen einer angestrengten Sexualität, die zwar ab und zu durchaus Freude machte, jedoch allzu sehr vom genitalen Ernst überdeckt wurde. Und ich fand mich wieder im Konflikt zwischen Frauenbewegung und Beziehung. Der Wechsel vom anregenden Abend mit Frauen in die Wohnung, die ich mit einem Mann teilte, der nicht begreifen konnte, was mich beschäftigte, war anstrengend.

Heute finde ich Hinweise aufs Schreiben. Im oben genannten Vorwort sprichst du von deinem damals neusten Buch: «‹Es ist reich gewesen› handelt vom Körper der Mutter und ihrer körperlichen Welt […]. Es handelt auch von der Schrift und ihrem Körper, davon, wie sich die Welt der Gedanken im Schreibprozess verkörpert.» Schreiben ist die einzige Möglichkeit, die Gedanken sichtbar zu machen, sagte ich jeweils den Teilnehmerinnen meiner Schreibkurse. Habe ich diese Vorstellung von dir aufgenommen, sie jahrelang mitgetragen, bis sie sich als meine eigene Entdeckung hervordrängte? Beim Wiederlesen entdecke ich dich in «Häutungen» als Denkerin, einer Tätigkeit, die Frauen immer wieder abgesprochen wurde und zum Teil noch wird. Ich lese: «Ich wollte anders denkend […] vorwärts preschen», «ein anderes Leben, eine andere Sprache», «vorwärts denken […] weiter denken […]». Ich entdecke eine Freundin, die weiter denkt als andere, die auf Veränderungen hofft, eine, die beschreibt, was sie will. Und eine, die Ich sagt, die sich nicht versteckt. Das war und ist noch immer das Inspirierende an «Häutungen». Wie oft lassen Frauen sich bremsen, zurückbinden, wie oft verstecken sie sich? Und wie oft stehen sie hin und sagen: «Ich will»? Dafür braucht es immer noch Mut. Denselben Mut braucht es beim Schreiben. Sich zeigen in Wörtern und Sätzen als Ich. Im schon genannten Vorwort beschreibst du den Besuch einer Mohawk, einer Heilerin und Malerin. Sie habe zu dir gesagt: «Du kannst entscheiden, was dir wichtiger ist – dem Publikum zu gefallen oder zu schreiben, was dein Herz berührt.» Diese Aussage hat dein Herz berührt und dir geholfen, die störenden, allzu kritischen Stimmen beim Schreiben wegzuschieben.


7. April 2025

Liebe Vera

Heute scrollte ich durch tell-review.de, die Website mit Buchbesprechungen, Kritiken, Buchhinweisen. Imre Kertész, lese ich da, starb 2016, ein Jahr vor dir. Du hast das wahrscheinlich gewusst, du mochtest ihn sehr, hast auch mich auf seine Texte aufmerksam gemacht. Ein Zitat von ihm steht über dem Artikel: «Wer bin ich, wenn ich nicht mehr bin?» Eine Frage, die ich so nicht hätte stellen können und die mich doch schon lange begleitet. Wer bist du, Vera, jetzt, wo du nicht mehr bei uns bist? Schon jahrelang müssen wir leben ohne dich, finden dich höchstens im Garten, die Hände voller Erde, während wir pflanzen und hacken und die Regenwürmer verschonen. Und wir finden dich in deinen Büchern, in deiner Sprache. Doch Antworten kommen von dir keine mehr.

Esther Spinner (77) ist Autorin und lebt in Zürich. Ihr letztes Buch, «Mit Hund und Wort», erschien 2024 im Verlag Edition 8.

Am Sonntag, 26. Oktober 2025, spricht Esther Spinner am Literarischen Herbst in Gstaad mit Christa Baumberger über Verena Stefan.

Illustration von Dinah Wernli: eine Person welche zur Seite schaut
Illustration von Dinah Wernli: ein nackter Oberkörper