Auf allen Kanälen: Utopie ade

Nr. 5 –

Mit der Serie «Starfleet Academy» wird nun auch «Star Trek» zur Dystopie. Die Trolle toben trotzdem – aber wegen anderem.

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stilisiertes Logo der Startrek-Serie

Mitte Januar ist beim Streamingdienst Paramount plus eine neue Serie im immer weiter ausufernden «Star Trek»-Universum gestartet. Das sollte Fans eigentlich freuen, doch «Star Trek: Starfleet Academy» wird von Internettrollen mit Gülle übergossen, auf Seiten wie Rotten Tomatoes, IMDb oder Metacritic posten User:innen reihenweise Negativbewertungen – ein Fall von «review bombing».

Selbst die US-Regierung hat sich eingeschaltet. Stephen Miller, Vizestabschef des Weissen Hauses, postete auf der Plattform X einen kurzen Ausschnitt aus der Serie, in dem drei Frauen ein kurzes Gespräch führen. Tragisch, was mit «Star Trek» passiert sei, schrieb der rechte Ideologe dazu. In den Kommentaren gibt es jede Menge sexistische Sprüche. Ihr Fazit: «Noch ein Franchise, das von wahnhaften linken Kulturrevolutionären auf dem Altar der Wokeness geopfert wurde.»

Nach dem Kollaps

Worum geht es aber in dieser vermeintlich «woken Utopie»? «Starfleet Academy» spielt Jahrhunderte nach der ersten «Star Trek»-Serie. Die Sternenföderation erholt sich langsam von einem galaktischen Zivilisationskollaps. Helfen soll dabei eine neue Ausbildungsstätte für angehende Offizier:innen, angeführt von Captain Nahla Ake, gespielt von der grossartigen Holly Hunter. In der Sci-Fi-Highschool lernt man Weltraumgeografie, Subraumphysik und was man sonst noch so für den Dienst auf einem Raumschiff benötigt. Die Schüler:innen kommen aus verschiedenen Ecken der Galaxis, ein Klingone ist darunter, ebenso die toughe Tochter eines Sternenadmirals sowie das Hologramm einer nerdigen Siebzehnjährigen.

Hauptfigur ist Caleb (Sandro Rosta), ein abgebrühter Kleinkrimineller, der eigentlich gar nicht aus freien Stücken auf die Schule geht. Die britische Komikerin Gina Yashere spielt eine grantige Kampfsportlehrerin, und Robert Picardo kehrt als sarkastischer Arzt aus «Star Trek: Voyager» als Hologramm wieder. Widersacher ist ein Weltraumgauner, mit teuflischem Witz von Indiedarling Paul Giamatti («The Holdovers») gespielt.

Tatsächlich sind die Figuren der Serie sehr divers, manche sitzen im Rollstuhl oder sprechen in Gebärdensprache, was die Trolle ebenfalls zur Weissglut treibt. Komplett daneben soll zudem sein, dass manche Frauen in der Serie nicht dünn sind oder das Haar kurz tragen. Auch inhaltlich finden die Trolle alles falsch, etwa dass die Protagonist:innen über Gefühle reden.

Dabei ist vom überkontrollierten Vulkanier Spock bis zur vom Cyborgkollektiv der Borg entlassenen Seven of Nine die Auseinandersetzung mit Gefühlen und das Erlernen sozialer Kompetenzen ein wiederkehrender Topos im Franchise. Der Vorwurf, «Starfleet Academy» sei plötzlich «woke» geworden, ist insofern schief, als «Star Trek» schon immer progressiv war. Es ging nie nur um technologische Utopien, sondern auch um gesellschaftliche: Nicht von ungefähr gab es den ersten Kuss zwischen einer Schwarzen Frau und einem weissen Mann im US-Fernsehen 1968 auf der Enterprise. In der Gesellschaft, die «Star Trek» zeigt, können Bedürfnisse dank technologischem Fortschritt leicht befriedigt werden, Geld wurde abgeschafft, und man kann aus reiner Freude an der Wissenschaft das Universum erkunden.

Straflager in der Föderation?

Im Prinzip also fast eine kommunistische Utopie. Bei «Starfleet Academy» ist aber gerade dieses Utopische verschwunden: Der Ganove Caleb etwa ist aus Armut zum Kriminellen geworden, seine Mutter wird wegen Diebstahl von der Föderation zu Lagerhaft verurteilt. Armut? Straflager? Die neue Serie zeichnet mit solchen Motiven eher eine dystopische Zukunftsvision.

Vielleicht spiegelt «Starfleet Academy» damit die gesellschaftlichen Entwicklungen im Zeitalter des «progressiven Neoliberalismus» wider, den die Theoretikerin Nancy Fraser in den vergangenen Jahrzehnten am Werk sieht: Zwar wurden die Rechte gesellschaftlicher Minderheiten endlich gestärkt, aber gleichzeitig verschwanden materielle Sicherheiten. «Star Trek» versprach uns einst eine Zukunft, in der wir beides haben würden: materielle Sicherheit und Vielfalt. So eine Zukunft kann man sich bei Paramount offenbar nicht mehr vorstellen.

«Star Trek: Starfleet Academy», Staffel 1. Idee: Gaia Violo. USA 2025. Paramount plus.