Sachbuch: Was dachte Marx vom Menschen?
Welche Rolle spielt die Philosophie im Denken von Karl Marx? Schon lange wird diese Frage diskutiert, da die Konturen einer marxistischen Philosophie weitgehend auf Friedrich Engels und den «Weltanschauungsmarxismus» zurückgehen. Auch in neueren Veröffentlichungen zu Marx stehen immer wieder philosophische Fragestellungen im Fokus. Auf Deutsch war es zuletzt Urs Lindner, der 2013 mit «Marx und die Philosophie» eine systematische Studie vorlegte, auf die sich auch Norbert Walz immer wieder bezieht.
Walz geht es um den ganzen Marx, nicht um einzelne Aspekte. Im ersten Teil seiner Studie durchläuft er entsprechend dessen Werk in seiner Gesamtheit und zeichnet Marx’ philosophische Entwicklung und das Ringen um eine eigene Position nach – Begriffe wie «Entfremdung», «Natur», «Wert», «Geschichte», «Logik», «Wesen» oder «Erscheinung» werden textnah und in Auseinandersetzung mit einschlägiger Sekundärliteratur dargestellt. Im zweiten Teil skizziert Walz erst die Geschichte der Philosophie als Metaphysik, um dann die Umrisse einer «Metatheorie von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie» zu entwerfen. Walz zufolge habe Marx seine Position zur Philosophie nicht ausreichend geklärt, weshalb man immer wieder auf unklare philosophische Bezüge stosse. Dabei will Walz den Status des Individuums und damit den Ermöglichungsprozess der Individualisierung – von Marx selbst nie ausgearbeitet – als Kern des marxschen Denkens herausarbeiten, also die Bedeutung der subjektiven Seite gegenüber der objektiven Analyse stärken.
Die anregende Studie wirft einen frischen Blick auf das Ringen von Marx mit der Philosophie, führt systematische Zusammenhänge und Schwächen vor Augen und betont die Bedeutung der «neuen Marx-Lektüre». Allerdings bleibt der Versuch, eine «Postphilosophie» zu begründen, abstrakt – auch weil Walz die gegenwärtige Vielfachkrise in all ihren Dimensionen vollkommen ignoriert.