Durch den Monat mit Yassin al-Haj Saleh (Teil 4): Sehen Sie sich als Geflüchteter oder als Exilant?
Mit 52 Jahren musste der Schriftsteller, der noch nie im Ausland war, seine Heimat verlassen. Jetzt könnte er zurück nach Syrien – aber eine dauerhafte Rückkehr schliesst er aus.
WOZ: Yassin al-Haj Saleh, nach Ihrer Flucht aus Syrien 2013 blieben Sie vier Jahre in Istanbul. Endlich ein Ankommen im Frieden?
Yassin al-Haj Saleh: Yassin al-Haj Saleh: Die Türkei war der nächstgelegene sichere Ort. Ich fühlte mich dort zunächst wohl und gründete bald das Hamisch Syrian Cultural House mit – einen unabhängigen Raum für kritische Debatten. Ohne finanzielle Mittel stellten wir ein kleines Programm auf die Beine. Doch nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 wurde die Atmosphäre im Land zunehmend düster. Ich selbst stand nicht politisch unter Druck, aber viele meiner türkischen Freund:innen litten unter der politischen Entwicklung. Als ich eine Einladung vom Wissenschaftskolleg zu Berlin erhielt, riet mir ein Freund am Flughafen in Istanbul, nicht mehr zurückzukehren.
WOZ: Sie haben Syrien im Alter von 52 Jahren zum ersten Mal verlassen. Fühlen Sie sich als Geflüchteter oder als Exilant?
Yassin al-Haj Saleh: In der Türkei war ich ein Flüchtling, weil ich meine Heimat nicht freiwillig verlassen hatte. In Deutschland bin ich Exilant – dieses Land habe ich mir bewusst ausgesucht. Es ist die Selbstbestimmung, die den Unterschied macht.
WOZ: Kurz nach Ihrer Ankunft in Berlin schrieben Sie in einem Brief an Ihre bis heute verschollene Ehefrau Samira: «Jetzt, wo du weg bist, bin ich wieder der umherziehende Nomade.» Ist dieses Gefühl geblieben?
Yassin al-Haj Saleh: Ich habe einen türkischen Pass und eine deutsche Aufenthaltserlaubnis. Für immer nach Syrien zurückzukehren, ist keine Option für mich. Es wäre wie ein grosser Neuanfang. Und nach all den Anfängen, die ich bereits erlebt habe, mag ich keine Neuanfänge mehr. Aber zu Hause bin ich in Berlin auch nicht, es ist keine sehr einladende Stadt. Vielleicht ist es zu spät, irgendwo wirklich dazuzugehören. Ich gehöre der Frau, die ich seit 2013 nicht mehr gesehen habe, meinen Freund:innen und meiner Arbeit.
WOZ: Im Januar 2025 reisten Sie, drei Wochen nach dem Sturz des Assad-Regimes, erstmals zurück nach Syrien.
Yassin al-Haj Saleh: Der Sturz des Regimes war einer der schönsten Tage meines Lebens. Etwas Teuflisches ging zu Ende. Der Assad-Clan regierte das Land nicht – er besass es. Wir Bürger:innen waren Untertanen. Als ich zurück in Syrien war, besuchte ich vertraute Orte, auch jene, die mich an meine Frau erinnerten. Ihr Fehlen traf mich erneut mit voller Wucht. Ich sprach mit Freund:innen und ehemaligen Mitstreiter:innen, hörte von Exil, Gefängnis, Angst und langem Warten – aber auch von Überleben, Erleichterung und Hoffnung. In Duma brachten wir ein Schild an dem Haus an, aus dem Samira und ihre drei Freund:innen entführt worden waren – mit ihren Namen. Als ich Monate später zurückkehrte, war das Schild entfernt. Jemand wollte die Erinnerung auslöschen. Höchstwahrscheinlich diejenigen, die sie hatten verschwinden lassen.
WOZ: Sie fliegen in zwei Wochen erneut nach Syrien. Wie stehen die Chancen für den Aufbau eines demokratischen Systems?
Yassin al-Haj Saleh: Demokratie braucht Demokrat:innen. Doch das sind in Syrien nicht die entscheidenden Akteur:innen – nicht bei den neuen Machthabern und auch nicht in Teilen der Opposition. Viele der neuen Machthaber waren noch vor wenigen Jahren Dschihadisten, darunter Präsident Ahmed al-Scharaa, der unter verschiedenen Decknamen im Irak gegen die Amerikaner operierte und später die salafistisch-dschihadistische Gruppe Dschabhat Fatah al-Scham in Syrien anführte. Das Ziel der neuen Regierung ist zwar internationale Anerkennung, aber sicher kein inklusives Syrien, basierend auf Gleichheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
WOZ: Lässt sich dennoch sagen, dass die syrische Revolution mit dem Sturz des Regimes gesiegt hat?
Yassin al-Haj Saleh: Die Revolution wollte ein freies Syrien – gegründet auf Würde, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit, ohne Sektierertum und Folter. In diesem Sinne: Nein. Schon Monate nach dem Sturz Assads gab es Massaker an Alawiten und Racheakte. Zudem braucht Demokratie eine stabile Mittelschicht. Aber in Syrien leben fast neunzig Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze.
WOZ: In Ihrem Essay «Freiheit» schreiben Sie: «Auch im Exil sind wir nicht frei, denn uns fehlt die Option der Rückkehr.» Sie können nun zurückreisen – sind Sie frei?
Yassin al-Haj Saleh: Nein. Formal kann ich mich bewegen und nach Syrien zurückkehren. Doch die Heimat, die ich kannte, existiert nicht mehr. Syrien besteht als Staat, doch das Land ist zerstört. Kürzlich besprach die syrische Nachrichtenagentur meine Bücher sehr positiv. Eine Stunde später war der Text von der Website verschwunden. Ich weiss nicht, was im Hintergrund geschehen ist – aber es bestärkte erneut mein Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.
WOZ: Sie haben einen hohen Preis für Ihren politischen Widerstand gezahlt.
Yassin al-Haj Saleh: Nie hätte ich gedacht, dass der Preis so hoch sein würde. So tragisch die Entwicklung auch war: Sie ist Teil meines Lebens geworden.
Yassin al-Haj Saleh (65) gilt als einer der wichtigsten syrischen Intellektuellen der Gegenwart. Der Essayist und Mediziner ist Autor von neun Büchern, unter anderem auch des als Standardwerk geltenden «The Impossible Revolution: Making Sense of the Syrian Tragedy».