Durch den Monat mit Yassin al-Haj Saleh (Teil 1): Wird offen über die Verbrechen gesprochen?
Er war Kommunist, ist Mediziner und gilt als wichtigster Schriftsteller Syriens. Yassin al-Haj Saleh sass sechzehn Jahre in Gefängnissen des Assad-Regimes – und fordert eine Anerkennung des Leids.
WOZ: Yassin al-Haj Saleh, als Linker haben Sie sechzehn Jahre in verschiedenen Gefängnissen des Regimes verbracht. Ihre Frau Samira Khalil wurde 2013 entführt, und bis heute fehlen jegliche Informationen über sie. Glauben Sie noch an Gerechtigkeit?
Yassin al-Haj Saleh: Yassin al-Haj Saleh: Ich bin weder zynisch noch pessimistisch noch nihilistisch. Ich bin überzeugt, dass Gerechtigkeit in Syrien und weltweit für unser blosses Überleben von entscheidender Bedeutung ist. Ich glaube sogar an Vergebung.
Was ich erwarte, ist lediglich, dass wir – diejenigen, die viele Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbrachten oder Angehörige verloren haben – von den Täter:innen oder ihren Vertreter:innen um Vergebung gebeten werden. Vielleicht müssen wir dafür ein öffentliches Ritual erfinden. Darüber hinaus wünsche ich mir substanzielle Gerechtigkeit: Die Täter:innen sollen entsprechend der Schwere ihrer Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.
WOZ: Bevor wir in der nächsten Ausgabe über Ihr Leben in Syrien sprechen werden, lassen Sie uns noch über die Hunderttausenden Menschen reden, die nach dem Sturz des Assad-Regimes immer noch als vermisst gelten. Hat jemand die Übersicht über all die Verschwundenen?
Yassin al-Haj Saleh: Nein, die Zahlen schwanken erheblich. Das Syrian Network for Human Rights, die verlässlichste Quelle zu diesem Thema, sprach kürzlich von 160 000 Vermissten. Präsident Ahmed al-Scharaa nannte die Zahl von 250 000. Der Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni sagte kürzlich in meiner Anwesenheit, es seien 300 000.
WOZ: Diese Zahlen beschreiben nicht nur ein Ausmass, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Erfahrung. Was bedeutet diese Dimension des Verschwindens für das soziale Gefüge des Landes?
Yassin al-Haj Saleh: Selbst die niedrigste Schätzung ist erschütternd und betrifft Millionen Syrer:innen. Während des syrischen Krieges wurden mindestens eine halbe Million Menschen getötet. Wir sind eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft – oder vielleicht sogar keine funktionierende Gesellschaft mehr.
WOZ: In Ihrem Buch «Darstellung des Schrecklichen» schreiben Sie: «Wenn wir die Gräber unserer Toten nicht kennen, dann geistern ihre Seelen in uns herum.» Wie verankert sich die Ungewissheit im eigenen Ich?
Yassin al-Haj Saleh: Die Menschen im Land haben enorme Mengen an Trauer, Verzweiflung, Wut und Hass in sich angesammelt, die eine gesunde Kommunikation nahezu unmöglich machen. Davon profitieren vor allem Nihilisten, und ich fürchte, ihre Zahl wächst.
WOZ: Im Mai vergangenen Jahres kündigte die neue syrische Regierung an, zwei nationale Kommissionen für Vermisste und Opfer des Verschwindenlassens und für eine Übergangsjustiz etablieren zu wollen. Wurde das Versprechen umgesetzt?
Yassin al-Haj Saleh: Die Regierung und die Institutionen, die ihr nahestehen, sind intransparent, ich selbst bin bislang nicht darüber informiert, dass eine Übergangsjustizkommission oder andere Gremien Akten zu den gewaltsam Verschwundenen erstellt hätten. Ich sehe auch keine Bemühungen, die Menschen in eine Debatte über Gerechtigkeit und die Zukunft des Landes einzubeziehen. Übergangsjustiz bedeutet ja nicht nur die Bestrafung mutmasslicher Täter:innen, sondern auch die Anerkennung von Leid, Entschädigungen, Gedenken und vielleicht auch Praktiken der Vergebung.
WOZ: Die meisten Verbrechen wurden vom Assad-Regime begangen, doch auch Mitglieder der neuen Regierung haben Verbrechen verübt und eigene Gefängnisse betrieben. Wird innerhalb der Zivilgesellschaft offen darüber gesprochen?
Yassin al-Haj Saleh: Im ersten Jahr der neuen Herrschaft haben viele Syrer:innen diese Fragen vergleichsweise offen thematisiert. Das Erbe der syrischen Revolution jedoch ist widersprüchlich. Ein Teil davon kann – und tut es bereits – als Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit den neuen Machthabern dienen. Ein anderer, stärker sektiererisch geprägter Teil rechtfertigt hingegen nahezu jedes Vorgehen von Scharaa und seinem Umfeld.
WOZ: Was braucht es denn neben einer demokratischen Justiz noch für die Vergangenheitsbewältigung?
Yassin al-Haj Saleh: Entscheidend sind die Ausweitung öffentlicher Räume für Debatten und kritisches Denken sowie eine wirtschaftliche Erholung des Landes. Ebenso wichtig ist die Aufdeckung der Verbrechen, dazu braucht es mutige Initiativen und zivilgesellschaftliches Engagement von Syrer:innen, die keine Angst vor dem Scheitern oder vor öffentlicher Schuldzuweisung haben.
Viele von uns neigen dazu, eine Niederlage bereits vor dem ersten Schritt zu erwarten – eine Folge davon, dass wir über zwei Generationen hinweg unterdrückt und zermalmt wurden. Wir haben das Scheitern gewissermassen verinnerlicht. Demokratie ist eine Frage der Praxis, und Praxis erfordert Mut. Hannah Arendt hatte recht, als sie den Mut als die politische Tugend schlechthin bezeichnete.
Yassin al-Haj Saleh wurde 1961 im syrischen Rakka geboren. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei sass er lange im Gefängnis. Seine politischen Schriften wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem schwedischen Tucholsky-Preis.