Durch den Monat mit Yassin al-Haj Saleh (Teil 3): Ist die Liebe wirklich vergleichbar mit Folter?
Der syrische Schriftsteller und Assad-Gegner Yassin al-Haj Saleh wollte gemeinsam mit seiner Frau in die Türkei flüchten. Doch sie wurde entführt – bis heute fehlt jede Spur von ihr.
WOZ: Yassin al-Haj Saleh, nach Ihrer Entlassung aus dem Gefängnis begegneten Sie der Liebe. 1999 trafen Sie die Verlegerin Samira al-Khalil, die ebenfalls wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer kommunistischen Partei vier Jahre in Haft gesessen hatte.
Yassin al-Haj Saleh: Yassin al-Haj Saleh: Ich war 37, sehr dünn, hatte meine Jugend im Gefängnis verbracht und war bei Alltagsproblemen rasch überfordert. Samira war eine Transformation in mein neues Leben. Sie lebte allein – ungewöhnlich für eine Frau in Syrien. Sie brachte mich zum Lachen und wurde ein zentraler Teil meiner Identität. In den mehr als zehn Jahren unseres gemeinsamen Lebens waren wir nie länger als etwa eine Woche voneinander getrennt.
WOZ: Kam nun endlich das Glück zu Ihnen?
Yassin al-Haj Saleh: Ja, aber es war nicht einfach. Nach so langer Zeit im Gefängnis musste ich das Leben draussen neu verstehen. In der Beziehung musste ich lernen, nicht mehr allein für mich verantwortlich zu sein. Obwohl ich nach dem Gefängnis mein Medizinstudium in Aleppo abgeschlossen hatte, wollte ich nicht als Arzt arbeiten. Ich wollte schreiben. Aber noch war ich als Autor unbekannt, übersetzte ein wenig, konnte aber nicht davon leben. Nach zwei Jahren heirateten wir, und ich zog zu Samira nach Damaskus. Es dauerte Jahre, bis wir finanziell abgesichert waren.
WOZ: Sie schreiben, Liebe und Folter hätten etwas gemeinsam.
Yassin al-Haj Saleh: Beides ist eine Grenzüberschreitung. Bei der Folter wird sie gewaltsam vollzogen, es wird gewaltsam in den Körper eingedrungen. In der Liebe hingegen ist die Grenzüberschreitung freiwillig.
WOZ: Wurden Sie weiterhin vom Regime überwacht?
Yassin al-Haj Saleh: Ja, natürlich. Aber ich war mittlerweile ein wenig bekannt, und das bot mir einen gewissen Schutz.
WOZ: Dann kam 2011 die Revolte gegen das Assad-Regime.
Yassin al-Haj Saleh: Mir war sofort klar: Das ist etwas Grösseres. Ich ging in den Untergrund, weil ich wusste, dass meine Texte, die einen Systemwandel forderten, nun nicht mehr geduldet würden. Zwei Jahre lebte ich versteckt in Wohnungen von Freunden in Damaskus. Mit dem Arabischen Frühling und der Revolte in unserer Heimat verbanden wir die Hoffnung, dass sich Syrien in Richtung Rechtsstaatlichkeit bewegen würde, mit Pluralismus und Demokratie.
Doch das Land versank in Gewalt. Der gnädigste Tod, den ein Syrer nach Ausbruch der Revolution haben konnte, war, wenn man an einem Stück blieb und die Familie einen in einem Grab mit einem Namen beisetzen konnte. Ich werde nie vergessen, wie ich im April 2013 in Duma in der Region Ostghuta bei einer Zivilverteidigungseinheit zwei tote Embryos sah, die ihre schwangeren Mütter während der Bombardierung durch das Regime verloren hatten.
WOZ: Sie blieben dennoch im Land.
Yassin al-Haj Saleh: 2013 ging ich nach Duma und schloss mich dem örtlichen Zivilrettungsdienst an, den sogenannten Weisshelmen. Samira folgte mir. Zu dieser Zeit festigte Dschaisch al-Islam, eine militante salafistische Gruppe, ihre Herrschaft in Duma. Zunächst fühlten wir uns von ihr nicht bedroht. Doch es entstand ein despotisches System: Menschen wurden entführt oder ermordet, wenn sie sich nicht den Islamisten unterwarfen.
Ich entschied, nach Rakka zu gehen, wo ich Bekannte hatte. Samira blieb in Duma. Sie wollte die Verbrechen des Regimes, das am 21. August 2013 in der Stadt einen Chemiewaffenangriff verübt hatte, dokumentieren. Zu gehen war die tragischste Fehlentscheidung meines Lebens.
WOZ: Weshalb?
Yassin al-Haj Saleh: Nach der Entführung meines Bruders war es zu gefährlich für mich, mich auf den Strassen meiner Heimatstadt zu bewegen. Also flüchtete ich nach zwei Monaten im Versteck in Rakka in die Türkei. Meine Frau sollte nachkommen. Aber Samira wurde am 9. Dezember gemeinsam mit den Menschenrechtsaktivist:innen Razan Zaitouneh, Wael Hamada und Nazem al-Hammadi aus ihrem Büro entführt. Seitdem fehlt von allen vieren jede Spur. Es gibt starke Indizien dafür, dass Dschaisch al-Islam die Täter sind.
Ich schliesse die schlimmsten Szenarien über ihr Schicksal und das ihrer Freund:innen nicht aus, ich leugne die Realität nicht. Aber solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, sind sie für mich am Leben. Samira lebt, solange ich lebe. Ich bin der Partner dieser verschwundenen Frau. Jeder Tag ohne Samira bricht mir das Herz.
WOZ: In einem Ihrer Briefe an Samira, publiziert von der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung, berichten Sie über Ihre Enttäuschung, dass sich nur wenige Bekannte nach ihr erkundigt haben. «Jeder stirbt für sich allein», heisst es beim Schriftsteller Hans Fallada – oder?
Yassin al-Haj Saleh: Das stimmt, ja – und ich bin immer noch enttäuscht. Unsere Bekannten aus oppositionellen Kreisen zeigten kein grosses Interesse am Verschwinden von Samira und ihren Freund:innen. Vielleicht haben die Menschen einfach nicht mehr die Energie, sich um andere zu kümmern.
Yassin al-Haj Saleh (65) wird in Syrien auch «Dr. Yassin» oder «Gewissen der Nation» genannt. Seine Flucht aus Syrien in die Türkei wurde durch den Dokumentarfilmer Ziad Homsi im Film «Our Terrible Country» festgehalten.