Durch den Monat mit Ines Tanović (Teil 3): Was hält Sie davon ab zu gehen?

Nr. 4 –

Ines Tanović erlebte den Bosnienkrieg mit und trägt heute noch Granatensplitter in ihrem Körper. Während viele ihrer Freund:innen auswandern, möchte sie bleiben – und Veränderung im Land erwirken.

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Portraitfoto von Ines Tanović
«Bosnien ist absolut nicht funktionsfähig. Doch wenn ich auf Europa und die Welt blicke, zeichnen sich auch dort keine positiven Entwicklungen ab»: Ines Tanović.

WOZ: Ines Tanović, wieso zeigt sich die bosnische Bevölkerung solidarisch mit den Migrant:innen auf der Balkanroute?

Ines Tanović: Als Bosnier:innen verstehen wir beide Seiten der Geschichte. Vor dreissig Jahren flohen wir vor dem Krieg. Wir wissen, was es bedeutet, eine Tasche zu packen und um sein Leben zu rennen. Gleichzeitig hat Bosnien in den letzten zehn Jahren fast eine Million Menschen verloren – auch wenn kein Krieg mehr herrscht. Die Menschen fliehen nicht wegen Schiessereien oder Bombenangriffen. Sie fliehen, weil die politische und wirtschaftliche Lage so schwierig ist. Bosnier:innen kann man ziemlich leicht erklären, warum Menschen davon träumen, in die EU zu gelangen.

WOZ: Wie steht es heute um die wirtschaftliche und politische Lage?

Ines Tanović: Letzten Dezember war die Unterzeichnung des Dayton-Abkommens genau dreissig Jahre her. Wenn man sich Bosnien heute ansieht, ist es ein trauriges Land. Unmittelbar nach dem Krieg war die Lage positiver und der Nationalismus weniger ausgeprägt als heute. Es herrschte Zuversicht, dass es nicht noch schlimmer kommen könne. Man versuchte, das Geschehene zu vergessen, Gerechtigkeit zu erlangen und weiterzumachen. Doch die Gerechtigkeit kam nie. Das Friedensabkommen wurde zur Verfassung unseres Staates. Und die Spaltung im Land ist heute grösser denn je.

WOZ: Wie äussert sich diese Spaltung?

Ines Tanović: Die Orte, an denen ethnische Säuberungen stattfanden, blieben ethnisch gesäubert. Eine echte Aufarbeitung der Geschehnisse gab es nie, die Bildungssysteme wurden damit zu einem der wesentlichen Faktoren dieser Spaltung. Wir leben in einem eingefrorenen Konflikt, der weiter angeheizt wird. Die nationalistische Rhetorik in unserem Land wird durch die Entwicklungen in Ungarn oder den Aufstieg der Rechten in Frankreich und Deutschland verstärkt und nährt sich von der aktuellen Lage in Europa.

WOZ: Haben Sie Hoffnung, etwas daran zu ändern?

Ines Tanović: Ich bin im Bosnienkrieg aufgewachsen, bin weggegangen und später zurückgekommen. Ich dachte mir, es gibt so viele Menschen wie mich im restlichen Europa, vielleicht kann ich hier mehr bewirken und Teil der Generation sein, die etwas verändert. Gleichzeitig sehe ich mich mit der Situation konfrontiert, dass viele meiner Freund:innen Bosnien verlassen haben oder planen zu gehen.

WOZ: Warum ziehen Ihre Freund:innen weg?

Ines Tanović: Nicht, weil es ihnen hier schlecht geht. Vielleicht haben sie gute Jobs, verdienen genug und bieten ihren Kindern ein angemessenes Leben. Doch sie haben das Leben hier satt. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder so aufwachsen wie wir. Sie wollen nicht jeden Nachmittag mit ihnen am Tisch sitzen und den Geschichtsunterricht korrigieren, weil im Schulbuch Unsinn steht und die Realität verdreht wird. Es sind nicht nur wirtschaftliche Gründe, die Menschen forttreiben. Es ist vor allem der Zweifel, ob sich hier je etwas ändert. Auch ich frage mich ständig: Soll ich bleiben oder gehen?

WOZ: Was hält Sie davon ab zu gehen?

Ines Tanović: Ich sehe nicht, dass in Westeuropa heute irgendetwas besser ist. Ich habe nicht das Gefühl, an einen Ort ziehen zu können, an dem ich nicht mit denselben Problemen konfrontiert wäre wie hier in Bosnien. Manchmal ist es zwar leichter, sich mit einem fremden Nationalismus auseinanderzusetzen als mit dem eigenen, aber es bleibt eine schwierige Frage. Bosnien ist absolut nicht funktionsfähig. Nichts bewegt sich – und schon gar nicht schnell oder so, wie wir Bürger:innen es nach all den Jahren verdient hätten. Doch wenn ich auf Europa und die Welt blicke, zeichnen sich auch dort keine positiven Entwicklungen ab.

WOZ: Können Sie mit der Arbeit im solidarischen Gemeinschaftszentrum Kompas 071 jungen Menschen in Bosnien eine Perspektive geben?

Ines Tanović: Ich habe immer darauf bestanden, dass Kompas 071 ein überwiegend bosnisches Team hat. Allerdings ist Freiwilligenarbeit in Bosnien eine sehr schwierige Aufgabe. Wir bilden junge Menschen aus, eröffnen ihnen neue Perspektiven im Leben, doch verlassen sie uns nach einiger Zeit. Nicht weil sie wegwollen, sondern weil wir sie finanziell nicht unterstützen können oder nur so wenig, dass es für sie unmöglich wird, sieben, acht Stunden am Tag ehrenamtlich zu arbeiten.

WOZ: Ein Problem, das weitverbreitet ist.

Ines Tanović: Ich sehe Leute, die sich hier zu Ärztinnen, Physiotherapeuten oder Krankenschwestern ausbilden lassen. Sie lernen Deutsch, um in Deutschland das Dreifache oder sogar mehr zu verdienen. Wir haben es hier mit einer verheerenden Abwanderung von Fachkräften zu tun, gegen die unsere Regierung nichts unternimmt. Dabei könnte sie jungen Menschen Chancen im Land bieten oder Organisationen, in denen viele junge Menschen arbeiten, mit Subventionen unterstützen. Doch das sehen unsere korrupten Politiker:innen nicht als Priorität.

Nächste Woche erzählt Ines Tanović (41), wie sie im dokumentarischen Theater «Radio Live» mit jungen Frauen aus Syrien und der Ukraine Geschichten erzählt, die über Generationen und Kriege hinwegreichen.