Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

«Da begreifst du: Mein Gott, es gibt nichts, was uns retten wird»

Vor einem Vierteljahrhundert fand im ostbosnischen Srebrenica das grösste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Über 8000 bosniakische Muslime wurden ermordet, Emir Suljagic hat als einer von wenigen überlebt. Heute leitet er die Gedenkstätte von Srebrenica – und fordert Europa auf, sich mit seiner Islamophobie zu konfrontieren.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn und Sarah Schmalz (Interview)

WOZ: Herr Suljagic, wenn der Name Srebrenica heute ein Symbol ist: Wofür steht es?
Emir Suljagic: Für die meisten ist es vor allem ein Symbol für das, was hier im Juli 1995 passiert ist. Aber das Massaker von Srebrenica geschah nicht in einem Vakuum. Die Stadt war zuvor dreieinhalb Jahre unter einer brutalen Belagerung. Sie kostete wohl ebenso viele Menschen das Leben – die genaue Opferzahl kennt niemand, weil es jenseits der Weltöffentlichkeit passierte. Wenn der Fokus allein auf dem Massaker von Srebrenica liegt, ist es für Zeitgenossen einfacher zu sagen: Ich wusste von nichts, Srebrenica war nur ein Dorf in Ostbosnien, mit dem ich nichts zu tun hatte.

Warum ist das so problematisch?
Es geht mir um die Art des Erinnerns. Was dieses so schwierig macht: Es gibt keinen Präzedenzfall in Europa, an dem man sich orientieren könnte. Nehmen wir das Ende des Zweiten Weltkriegs. Der europäische Weg, mit dem Trauma umzugehen, war, zu vergessen. 1945 besetzten die Alliierten Deutschland, verhafteten jene Naziführer, die sie kriegen konnten, stellten sie vor Gericht und hängten sie. Dann ging das Leben weiter. Sowohl in der DDR als auch in der BRD waren ehemalige Nazisympathisanten und hochrangige NSDAP-Mitglieder weiterhin Teil des Regierungsapparats und der Behörden. Es gibt nichts, was sich mit Auschwitz vergleichen lässt, aber die Parallele zu Srebrenica ist, dass die Leute auch damals sagen konnten: Das hatte nichts mit uns zu tun, das passierte in einem Dorf in Polen. Srebrenica soll deshalb vor allem auch daran erinnern, was zum Massaker geführt hat.

Sie wollen die Gedenkstätte also zu einem Ort machen, der über Srebrenica hinausweist?
In erster Linie will ich über den Juli 1995 hinausgehen. Ich will, dass an jedes einzelne Opfer erinnert wird. Wir werden jedes einzelne Opfer identifizieren und die Todesursache klären. Srebrenica soll zum Gravitationszentrum dieses Genozids werden. Ich weiss nicht, ob das gelingt – oder ob ich kläglich scheitern werde. Aber das ist das Ziel.

Emir Suljagic

Über die Untätigkeit der Welt im Bosnienkrieg haben Sie vor kurzem gesagt, diese habe damit zu tun gehabt, dass die bosnischen Musliminnen und Muslime nicht als Teil Europas wahrgenommen würden. Woran machen Sie das fest?
Ich bin nicht der Einzige, der das sagt. Und die Tatsache, dass sich die gewalttätig-extremistische Rechte gerne auf das bezieht, was den bosnischen Muslimen passiert ist, gibt mir recht. Anders Breivik, der in Norwegen 77 Menschen tötete, feierte den serbischen Kommandanten Ratko Mladic als Helden. Und der Attentäter von Christchurch bewunderte Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Dieser wiederum hat den Völkermord an den muslimischen Bosniaken als Fortführung eines historischen Kampfs gegen das osmanische Joch verstanden. Das zeigen Dokumente aus dem Krieg. Aufschlussreich ist auch das Buch «The Clinton Tapes» von 2009, das vierzig Interviews mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton enthält. In einem zitiert Clinton den französischen Präsidenten François Mitterrand, der gesagt haben soll, Bosnien gehöre ohnehin nicht zu Europa. Und Mitarbeiter des britischen Aussenministeriums hätten angemerkt, der Bosnienkrieg sei «eine schmerzvolle, aber realistische Wiederherstellung des christlichen Europa».

Auch dass man letztes Jahr ausgerechnet Peter Handke mit dem Nobelpreis auszeichnete, gibt mir recht. Wie zum Teufel will das Komitee dies rechtfertigen? Meiner Meinung nach ist Handke psychisch krank, er gehört in Behandlung. Aber das spielt keine Rolle, in erster Linie ist er ein eifriger Genozidleugner.

Bosnien war immer eine Art Grenzregion Europas. In Westeuropa herrscht ein exotisierender Blick vor, die Wahrnehmung, dass sich die Menschen dort aufgrund ihrer Ethnie und Konfession halt schon immer bekämpft hätten …
Lassen Sie mich unterbrechen und mit aller Deutlichkeit sagen: Nichts, was in Bosnien passierte, war einfach die Folge von Kämpfen, wie es sie immer schon gegeben hatte. Das war kein «Vorzeitlicher Hass»-Bullshit, sondern Resultat politischer Entscheidungen. Das alles brauchte Planung. Denken Sie nur schon an das Benzin, das man benötigt, um 8000 Leichen mit Bulldozern zu vergraben. Das brauchte verdammt viel Logistik.

Im Jugoslawien unter Tito hatten die ethnonationalistischen Tendenzen, die sich in den Kriegen der neunziger Jahre Bahn brachen, kontrollierbar geschienen. Haben Sie das auch so erlebt – oder war der wachsende Hass in Ihrer Kindheit bereits spürbar?
Für niemanden war das Auseinanderbrechen Jugoslawiens ein grösseres Desaster als für die Muslime. Jugoslawien hat für die Muslime fünfzig Jahre des Friedens bedeutet, die muslimischen Frauen waren gleichberechtigt, die Kinder hatten gute Bildungschancen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Hass habe ich in den ersten vierzehn Jahren meines Lebens nicht erlebt. Bis ein Klassenkamerad meine Mutter als «Türkin» beschimpfte. Ich habe ihn verdroschen, aber nicht begriffen, was das sollte. Die Türken in den Schulbüchern waren diese asiatisch aussehenden Invasoren, ich hingegen war doch Slawe und – zumindest ziemlich – weiss. Erst später habe ich verstanden: Diese soziale Konstruktion des Feindes hat den Genozid vorbereitet. Man hat die bosnischen Muslime zu diesen imaginierten Türken gemacht, die man loswerden will.

Gab es dann während des Kriegs einen Moment, in dem Sie realisierten: «Egal was wir tun, wir haben unser Schicksal nicht mehr in den eigenen Händen»?
Dieser Moment kam ziemlich früh. Die eine Hälfte meiner erweiterten Familie wurde schon im Mai 1992 aufgereiht und erschossen. Verstanden hatte ich es aber schon zuvor, als erst Häuser brannten, dann ganze Dörfer. Da begreifst du: Mein Gott, es gibt nichts, was uns retten wird. Das Problem ist nicht irgendetwas, was ich tue, sondern die Haut, in der ich stecke. Und daran kann ich nichts ändern.

Warum ist es Ihnen so wichtig, über das Massaker von Srebrenica als Genozid zu sprechen? Was macht die Terminologie so zentral?
Mir war von Anfang an, wirklich von Anfang an, klar, dass die Idee hinter all dem die totale Auslöschung der bosniakischen Bevölkerung in ganzen Landesteilen war.

In Ihrem Buch beschreiben Sie das Totalversagen der Uno-Blauhelme, die das verhindern sollten. Wie konnte das passieren?
Ich habe eine bessere Frage: Wie konnte es passieren, dass die Person, die als Leiter für Friedenssicherungseinsätze der Uno zuvor schon für Ruanda und dann auch für Bosnien zuständig war, später Uno-Generalsekretär wurde? Ich spreche von Kofi Annan. Ruanda geschah vor seinen Augen, Srebrenica geschah vor seinen Augen. Und er wurde dafür mit dem Posten des Generalsekretärs belohnt.

Innerhalb der internationalen Linken war die spätere Nato-Intervention dann aber heftig umstritten. Auch in unserer Zeitung wurde sie scharf verurteilt. Eine fatale Fehleinschätzung?
Ich möchte es so formulieren: Hätte die Nato schon im August 1995 in Bosnien eingegriffen oder bereits im Mai 1992, dann hätte man eine Million Menschenleben gerettet. Sie können den Nato-Einsatz 1999 eine unilaterale Intervention nennen, Sie können argumentieren, dass der Uno-Sicherheitsrat das nicht genehmigte. Aber unter dem Strich wurden im Kosovo Leben gerettet. Und ich glaube nicht, dass Serbien unter Slobodan Milosevic dieselbe Rücksicht verdiente, die Uno-Mitgliedstaaten zusteht. Das Land verhielt sich wie ein Aussenseiter. Es hat während eines Jahrzehnts in Kroatien, Bosnien und schliesslich auch im Kosovo unsägliche Gräuel verübt.

Das sieht man in den Balkanstaaten freilich sehr unterschiedlich, manche Kriegsverbrecher werden noch immer als Helden gefeiert. Und auch die Terminologie, mit der an die Geschehnisse erinnert wird, ist heftig umstritten. Wie gehen Sie in der Gedenkstätte damit um?
Wir haben unser eigenes Vokabular, und darauf beharren wir. Was in Srebrenica passiert ist, war ein Genozid. Diese Zahl von 8372 Menschen, die hier im Juli 1995 getötet wurden, basiert auf eindeutigen DNA-Beweisen. Wer Srebrenica leugnet, leugnet die moderne Wissenschaft. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu früher, als sich Kriegsverbrechen leichter unter den Teppich kehren liessen. Während des Zweiten Weltkriegs etwa haben die serbischen Royalisten, besser bekannt als Tschetniks, etwa 100 000 Muslime massakriert. Das passte nicht zum jugoslawischen Gründungsmythos der Brüderlichkeit und der Einheit, also machten Tito und seine Leute das lieber vergessen.

Wird Srebrenica heute in den Schulbüchern der beiden bosnischen Teilgebiete, also in der Republika Srpska und in der Föderation von Bosnien und Herzegowina, unterschiedlich behandelt?
Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Srebrenica Teil unserer Schulbücher ist. Es steht nicht im Lehrplan.

Aber besuchen auch Schulklassen die Gedenkstätte?
Wir haben etwa 150 000 bis 200 000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Viele davon sind Gymnasiasten oder Studenten.

Gibt es also Fortschritte bei der Aufarbeitung?
Wenn man bedenkt, dass Radovan Karadzic vor weniger als zehn Jahren noch ein freier Mann war, könnte man argumentieren, dass es Fortschritte gibt …

Und begreifen sich Ihre jungen Landsleute heute eher als Bosnierinnen und Bosnier statt als Bosniaken, Kroatinnen oder Serben?
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Sie sind mehr in ihrer ethnischen Identität verhaftet, als das der Fall war, als ich aufwuchs. Ich habe mich klar als Jugoslawe definiert, bis der Krieg ausbrach. Die neue Generation hat keine solche supranationale Identität.

Das klingt sehr düster.
Ich kann leider nichts anderes sagen.

Sie hatten auch eine politische Laufbahn: Von März bis Dezember 2019 waren Sie für die sozialdemokratische Partei Demokratska fronta HB sogar stellvertretender Verteidigungsminister von Bosnien und Herzegowina. Hatten Sie das Gefühl, Teil eines funktionierenden Staates zu sein, oder war das eine desillusionierende Erfahrung?
Ich will meine Leistung nicht überhöhen, aber zumindest habe ich es damals mit einer Gruppe um mich herum geschafft, die Nato-Beitrittsverhandlungen zu deblockieren. Das hat das Land immerhin einen kleinen Schritt vorwärtsgebracht. Es ist also nicht unmöglich, in Bosnien seinen Job zu machen.

Lange wurde Bosnien auch eine EU-Mitgliedschaft in Aussicht gestellt, aber der Prozess kommt nicht voran. Woran liegt das?
Das liegt derzeit ausserhalb meines Tätigkeitsfelds, darum kann ich das nicht detailliert beurteilen. Doch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren war ich – euphemistisch gesagt – nicht der grösste Fan der EU. Ich war nicht wirklich ein EU-Skeptiker, aber auch kein EU-Enthusiast.

Seit dem EU-Beitritt Kroatiens 2013 hat Bosnien eine Grenze zur EU. Ist die EU damit näher gerückt oder, gerade weil die Grenze jetzt unmittelbar und militarisiert dasteht, weiter weg?
Wir sind in einer speziellen Position: Wir sind Bürger eines Nicht-EU-Landes, können aber ohne Visum und Einschränkungen in die EU einreisen. Viele Bosnier sind auf dem EU-Arbeitsmarkt gefragt, etwa in Deutschland und Österreich. Ich glaube aber nicht, dass wir bald eine EU-Mitgliedschaft erhalten. Wir werden das bleiben, was manche die «dysfunktionale Peripherie» der EU nennen.

Dazu gehört, dass derzeit viele Flüchtende in Bosnien stranden, weil sie an der EU-Grenze abgeblockt werden. Viele der Betroffenen sind Kriegen entflohen, viele sind Musliminnen und Muslime …
… und fast alle kommen via einen EU-Mitgliedstaat hier an: Griechenland. Und mit Kroatien hindert sie ein weiterer EU-Mitgliedstaat daran weiterzureisen. Das ist eine sehr bizarre Position für ein Land wie Bosnien. Es ist ja nicht so, dass wir in der Lage wären, uns um so viele Menschen zu kümmern. Es gibt humanitäre Bedenken, und es gibt Sicherheitsbedenken. Am Ende wird das zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Wie meinen Sie das?
Es gibt viele EU-Offizielle und europäische Staatsoberhäupter, die absonderliche Behauptungen über Bosnien machen, das Brutstätte für dieses und jenes sein soll, für Instabilität und Terrorismus. Gleichzeitig gibt es EU-Länder wie Griechenland, die Geflüchtete in Bosnien abladen. Sie reden also von etwas, was nicht wahr ist, während sie durch ihr Handeln eine Situation kreieren, die ihre Vorstellung zu bestätigen droht.

Seit dem Massaker von Srebrenica, dem grössten Menschenrechtsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, ist in Europa ein Anstieg von Islamophobie und antimuslimischem Rassismus zu beobachten. Wenn jetzt 25 Jahren Srebrenica gedacht wird: Woran soll sich Europa erinnern? Und was soll es dabei empfinden?
Ich möchte, dass Srebrenica als Teil der europäischen Geschichte behandelt wird. Und dass Europa bedenkt, dass Srebrenica eine starke internationale Dimension hatte. Vergessen wir nicht: Hunderte Russen kamen her, um zu morden und zu plündern. Auch Dutzende griechische Bürger haben sich an der völkermörderischen Operation beteiligt. Und das Schlimme ist: Ich glaube, dass auch heute niemand handeln würde, wenn es wieder passierte. Wir wären einmal mehr auf uns alleine gestellt.

Welche Debatte sollte denn geführt werden, damit sich das ändert?
Die EU sollte aufhören, Bosnien als Spezialfall zu behandeln. Letztlich fällt die Abgrenzung immer auf einen einzigen Punkt zurück: dass Bosnien eine muslimische Bevölkerungsmehrheit hat. Wenn also die EU anfinge, Muslime als normale Bürger zu behandeln und nicht als ethnische Minderheit, dann wäre das ein grosser Schritt vorwärts.

In Bosnien wurde im Rahmen des Dayton-Abkommens vom Dezember 1995 ein Prozess der Staatsbildung begonnen, der ein fein austariertes System der ethnischen Repräsentation vorsah.
Genau das meine ich: Die Idee, ein Gleichgewicht zwischen staatsbürgerlichem und ethnischem Staatsbürgertum – oder wie auch immer man es nennen will – herzustellen, ist komplett lächerlich. Diese zwei Prinzipien sind absolut inkompatibel, es gibt keine Kombination aus beidem.

Was bedeutet es eigentlich für jene Bosnierinnen und Bosnier, die weder Serben noch Bosniakinnen oder Kroaten sind?
Wenn du zum Beispiel Roma oder Jude bist, kannst du dich buchstäblich nicht für ein politisches Amt zur Wahl stellen.

Klingt, als wünschten Sie sich für Bosnien einen staatspolitischen Neustart.
Auf jeden Fall. Was ich erleben möchte, ist eine normale Demokratie, in der es keine Rolle spielt, welcher ethnischen Gruppe du angehörst. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich frustriert klinge. Aber für den grössten Teil meines Lebens wurde ich in erster Linie als Muslim wahrgenommen. So ist das einfach.

Gibt es denn Anzeichen für einen Wandel?
Wandel passiert nicht über Nacht. Man muss daran arbeiten. Ich bin nicht unbedingt ein Pessimist, und eigentlich bin ich sogar ein bisschen hoffnungsvoll. Zum ersten Mal seit sehr langem.

Was stimmt Sie hoffnungsvoll?
Zum einen glaube ich, dass in absehbarer Zukunft ein Gewaltausbruch in Bosnien nicht möglich ist. Auch das ist eine Definition von Erfolg, man kann davon halten, was man will. Zum anderen hat Bosnien einen signifikanten Schritt in Richtung Nato-Mitgliedschaft gemacht. Die Nato ist auch für Länder erreichbar, die nie in der EU aufgenommen würden. Für die Türkei zum Beispiel. Und was uns die Nato bieten kann, ist wohl mindestens so wichtig wie das, was uns die EU bieten könnte – und das ist physische Sicherheit.

Aus unserer Perspektive scheint die Nato im heutigen Zustand keine allzu stabile Option zu sein.
Sie haben einen Schweizer Pass, ich habe einen bosnischen. Das macht einen verdammt grossen Unterschied. Es ist, wie es ist – und man muss mit dem arbeiten, was man hat. Ein Nato-Beitritt ist in absehbarer Zeit jedenfalls weit realistischer als eine EU-Mitgliedschaft.

Wie ist es für Sie eigentlich, heute durch Srebrenica zu gehen, das während Jahren Ihr Gefängnis war?
Ich bin ein freier Mann, es ist ein freies Land. Ich habe keine Angst vor irgendwem oder irgendwas. Aber ich verbringe nicht viel Zeit in der Stadt, sondern bin meistens in meinem Büro oder zu Hause. Ich wohne in einem Nachbardorf und habe einen grossartigen Garten, eine Obstplantage und ein Treibhaus. Ich bin einfach nicht so ein geselliger Typ.

Aber um in dieser Region ein Leben führen zu können: Ist es da wichtiger, die Zeit von damals in Erinnerung zu rufen oder sie zu vergessen?
Die Sache ist die: Vergessen ist überlebensnotwendig. Du musst vergessen können, um weitergehen zu können, um zu leben. Aber das Erinnern ist essenziell für das Menschsein. Es braucht also eine Art Gleichgewicht: Ich will vorwärtsgehen, ich will leben, meine Frau und ich erwarten ein Kind. Aber ich will mich auch erinnern, will der Geschichte gedenken, will ein Mensch sein. Diese Balance zwischen Erinnern und Vergessen ist sehr fragil.

Das gilt wohl auch für Bosnien selbst. Und die Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen, weiterhin werden in Srebrenica menschliche Überreste gefunden und analysiert. Wie viele Personen werden in diesem Jahr am Gedenktag beigesetzt?
Acht. Das ist weniger als in üblichen Jahren, viele Familien haben sich aufgrund der Epidemie gegen ein Begräbnis entschieden. Es gibt noch sehr viele, die darauf warten, ihre Angehörigen begraben zu können. Viele Familien haben nur einen oder zwei Knochen ihrer Angehörigen, die sie beisetzen können, wenn überhaupt.

Nehmen Sie an der Zeremonie teil?
Für mich gibt es keinen anderen Ort, an dem ich sein könnte.

Der Krieg in Bosnien

Erinnern in einem zerrissenen Land

Als der Kalte Krieg endete, zerfiel in Jugoslawien nicht nur – wie anderswo in Osteuropa – die Alleinherrschaft der kommunistischen Partei. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien brach auch als Staat auseinander.

Den Beginn machten 1991 Slowenien und Kroatien, die nach der Abhaltung von ersten freien Wahlen ihre Unabhängigkeit erklärten. Beide Teilstaaten verfügten als sogenannte Titularnationen über eine Mehrheit der namensgebenden Bevölkerung, also von SlowenInnen einerseits und KroatInnen andererseits. Doch bereits im Fall Kroatiens entbrannte ein Konflikt über den Status der starken serbischen Minderheit. Gemeinsam mit lokalen serbischen Milizen besetzte die von Belgrad kontrollierte Jugoslawische Volksarmee weite Teile des kroatischen Territoriums.

Angesichts gesellschaftlicher Zerfallsprozesse und wirtschaftlicher Verteilungskämpfe setzten nationalistische Scharfmacher in allen jugoslawischen Nachfolgestaaten auf eine Politisierung ethnischer Identitäten. Besonders fatal erwies sich dies in der konfessionell und kulturell stark durchmischten Teilrepublik Bosnien und Herzegowina. Hier gab es keine Titularnation. Die BosniakInnen – im sozialistischen Jugoslawien offiziell «Muslime» genannt – stellten rund 43 Prozent der Bevölkerung dar. 31 Prozent deklarierten sich als SerbInnen, 17 Prozent als KroatInnen. 1992 sprach sich eine Bevölkerungsmehrheit für die Unabhängigkeit Bosniens aus. Die bosnischen SerbInnen wollten dagegen die von ihnen besiedelten Gebiete an «Restjugoslawien», sprich Serbien anbinden.

Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 litt die Zivilbevölkerung massiv unter den «ethnischen Säuberungen» und der Mord- und Vertreibungspolitik marodierender Militärs und Milizen aller Kriegsparteien. Die Armee der bosnischen Serben, von Serbiens Präsident Slobodan Milosevic unterstützt, verübte fürchterliche Kriegsverbrechen, angefangen bei der jahrelangen Belagerung Sarajevos bis hin zum Fanal des Völkermords von Srebrenica. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte das systematische Massaker in der ostbosnischen Stadt in seinen Urteilen gegen General Ratko Mladic und Konsorten als Genozid ein.

Das Massaker von Srebrenica markierte einen Wendepunkt für den Umgang der USA mit dem Konflikt in Bosnien. Nach Offensiven der kroatischen Armee gegen die serbischen Gebiete in Kroatien unterstützte die Nato den Kampf der bosnischen Regierungstruppen gegen die bosnischen Serben mit massiven Luftschlägen. Resultat war der im Dezember 1995 unterzeichnete Friedensvertrag von Dayton.

Die Verfassung, die Bosnien damals aufoktroyiert wurde, zementierte die innere Teilung des Landes in eine Republik Serbien und eine (bosniakisch-kroatische) Föderation Bosnien und Herzegowina. Politische Ämter werden unter den «konstitutiven Völkern» – Bosniaken, Serbinnen und Kroaten – aufgeteilt. Ethnizität bleibt so auch 25 Jahre nach Kriegsende das dominante Identitätsmerkmal. Auch die Kriegserinnerung unterscheidet sich entlang der alten Frontlinien. Sie spaltet das Land bis heute.

Thomas Bürgisser

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