Karl Lüönd (1945–2026): Das Medienorakel

Nr. 8 –

Der Publizist Karl Lüönd hat aktiv an der Schweizer Mediengeschichte mitgeschrieben. Konservativ, gelegentlich auch offen und initiativ.

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Karl Lüönd sitzt an der Schreibmaschine, daneben steht seine Katze auf einem Tisch
«Vereinfachung, Zuspitzung, Eindampfen auf das Wesentliche»: Karl Lüönd war ein entschiedener Verfechter des Boulevardprinzips (Bild circa 1977). Foto: Ullstein

Zweifellos, politisch war Karl Lüönd ein Konservativer. Beim «Blick» und beim «Züri Leu» betrieb er in den siebziger Jahren und Anfang der Achtziger Kampagnenjournalismus. Aber er war journalistisch auch offen für Neues, brachte Schwung in den Lokaljournalismus. Später profilierte er sich als Verfasser von Biografien. Und gerne wurde seine Meinung zu jüngsten Entwicklungen in der Medienbranche eingeholt.

Der 1946 in einfachen Verhältnissen in Uri geborene Lüönd verstand sich als Selfmademann. Nach einem Jahrzehnt als Lokalreporter wurde er 1974 vom «Blick» als Mitglied der Redaktionsleitung verpflichtet. Entschieden verfocht er das Boulevardprinzip. «Komplexitätsreduktion» verstand er als Aufgabe: «Vereinfachung, Zuspitzung, Eindampfen auf das Wesentliche.» 1980 übernahm er als Chefredaktor beim Wochenblatt «Züri Leu». Da bekämpfte er vehement die Jugendbewegung; die Enttarnung von «Herr und Frau Müller», die im Fernsehen die Autoritäten satirisch entlarvt hatten, hat er auch nachträglich gerechtfertigt.

1982 wurde der «Züri Leu» verkauft und Knall auf Fall eingestellt. Zusammen mit dem Autoimporteur und SVP-Politiker Walter Frey, dem Detailhändler Beat Curti und einem Vertreter der Basler Zeitung Medien gründete Lüönd die Gratiszeitung «Züri Woche», die er bis zu ihrer Einstellung 1999 leitete. Sie war eine lesenswerte Mischung aus bürgerlicher Lokalpolitik, Forumsgefässen und guten Dienstleistungen im Kultur- und Gesellschaftsbereich – die Klatschkolumne von Hildegard Schwaninger war selbst in linken Kreisen insgeheim Pflichtlektüre.

«Ich-AG» für finanzstarke Männer

Angesichts des Vormarschs der Gratistageszeitungen wurde 1999 auch die «Züri Woche» eingestellt, und Lüönd begann, Sachbücher zu schreiben, vor allem Biografien. Dabei bot er sich als «Ich-AG» für ziemlich hohe Honorare an. Mehr als sechzig Bücher und Studien verfertigte er als «Auftragswerke». Mit Biografien von Wirtschaftsführern und -pionieren – ausschliesslich Männern – und Firmengeschichten erschloss er sich einen eigenen Markt. Er bediente das Interesse an personifizierter Geschichte, befriedigte zudem PR-Bedürfnisse, ja Eitelkeiten von Unternehmern. Obwohl er ein «entkrampftes Verhältnis» zur PR pflegte, behielt er die inhaltliche Kontrolle über seine Werke. Tatsächlich sind sie solide recherchiert, flüssig geschrieben, nicht unkritisch. Doch blieb es eine Geschichtsschreibung, die sich am grossen Einzelnen ausrichtete.

Parallel dazu wurde er zum beliebten Medienorakel mit scharfzüngigen Kommentaren zu jüngsten Entwicklungen. Lüönd war ein Marktliberaler. Konkurrenz zwischen Medienprodukten begrüsste er, die SRG war ihm als staatliches Quasimonopolunternehmen ein doppeltes Ärgernis. Den Journalist:innen, die sich gegen Veränderungen sperrten, warf er Weinerlichkeit vor, in den Sonntagsreden über die staatspolitische Bedeutung der Medien erkannte er das veraltete Bild des Journalisten als Lehrer der Nation.

Früh hatte er die Umbrüche durch die neuen Technologien erfasst, die kommende Umwälzung durch das Internet erkannt. So kritisierte er an Medienhäusern Innovationsfeindlichkeit und Ratlosigkeit gegenüber den neuen Herausforderungen. Dass der damalige TA-Konzern (heute TX Group) durch den Aufkauf von werbeträchtigen digitalen Portalen die eigenen Presseprodukte kannibalisierte, kommentierte er sarkastisch: «Geschickt ausgedacht, Kompliment.» Jederzeit war er, Boulevardjournalist geblieben, für eine süffige Formulierung gut, etwa wenn er die neuen PR-Berater:innen und Pressesprecher:innen als «Fassadenreiniger und Leichenschminker» bezeichnete.

Pluraler Medienlandschaft verpflichtet

Im Nachhinein lässt sich, etwas nostalgisch, hinter dem sarkastischen Blick die Figur eines Publizisten entdecken, der ganz selbstverständlich im Glauben an die Notwendigkeit einer pluralen, aufklärerischen Medienlandschaft verankert ist – wiewohl er für sich selbst darin eher die Rolle des Konservativen vorsah. Dabei fehlte ihm die Verbissenheit heutiger rechter Ideolog:innen.

Zur WOZ sagte er einmal, er sei bürgerlich, stehe aber bei Umwelt- und Asylthemen häufiger der Linken nahe. 2022 hat er sich sogar, «unwillig», für staatliche Subventionen im Rahmen des dann abgelehnten Mediengesetzes ausgesprochen. Kritik war da in Gelassenheit eingebettet. Am 9. Februar ist Karl Lüönd im Alter von achtzig Jahren gestorben.