Wetterleuchten : Stalin in der Badi
Daniel Hackbarth geht schwimmen
Gerade in diesen Wochen lässt es sich in Schaffhausen gut aushalten. Doch darf man sich vom quellenden Grün entlang des Rheins und vom mediterran anmutenden Savoir-vivre, das über den mittelalterlichen Gassen liegt, nicht täuschen lassen: Die Stadt droht in die Fänge des Kommunismus zu geraten – und wer würde da nicht ängstlich an Zwangskollektivierung, Terror, Genderwahn, unablässiges Optimieren der Work-Life-Balance und weiss Stalin noch alles denken?
So in etwa dürften es die Urheber:innen einer Plakatkampagne sehen, die mit Hammer-und-Sichel-Motiven gegen die «Chind id Badi»-Initiative der städtischen Juso Stimmung macht, wie die «Schaffhauser AZ» berichtet. Das Vorhaben will, dass Kinder gratis in die Schaffhauser Freibäder können anstatt wie bislang zwei (Rhybadi) oder viereinhalb Franken (Freizeitpark KSS) bezahlen zu müssen. So soll dem Nachwuchs ärmerer Familien Teilhabe möglich bleiben und die Bewegung draussen gefördert werden, damit die Kids sich nicht nur auf Discord- oder Roblox-Servern begegnen.
Eigentlich ein No Brainer, könnte man meinen. Trotzdem sieht sich das Nein-Komitee, hinter dem die städtische SVP steht, veranlasst, vor einer «extremen sozialistischen Initiative» zu warnen, wie es auf besagten Plakaten heisst. Selten hat die Wendung von den auf Spatzen zielenden Kanonen besser gepasst – und unwillkürlich fragt man sich, ob damals, als man sich in den Klubs der besseren Kreise Details der jüngsten Schandtaten der Brigate Rosse oder der japanischen United Red Army zuflüsterte, auch schon solche Petitessen für Aufregung sorgten.
Wobei antikommunistischer Furor überhaupt keine Berührung mit leibhaftigen Bolschewiki braucht – die Affekte geraten auch so in Wallung, was für faschistische Feindkonstruktionen prinzipiell gilt. Der Juso jedenfalls geht es mit ihrer Initiative ganz profan um die Stärkung des Service public, Badis sind schliesslich öffentlich subventioniert. Wie wichtig solche Orte sind, unterstrich gerade erst ein Artikel in «Le Monde», in dem es um die Lehren aus den französischen Kommunalwahlen diesen März ging.
Demnach ist gerade abseits urbaner Zentren der Wegfall öffentlicher Dienstleistungen und des lokalen Handels Wasser auf die Mühlen des Rassemblement National. Sozialwissenschaftlich sei auch für andere europäische Länder belegt, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen dem Schwinden von Orten, an denen sich Menschen begegnen können, und dem steigenden Zuspruch für den Rechtspopulismus. Für Frankreich wies kürzlich der Soziologe Hugo Subtil nach, dass dort, wo Bar-Tabacs (die zwar nicht staatlich unterhalten werden, aber trotzdem erschwingliche Treffpunkte sind) schliessen mussten, langfristig die extreme Rechte zulegte, unabhängig von den jeweiligen wirtschaftlichen und demografischen Verhältnissen.
Ein umfassender Service public ist also auch ein demokratischer Schutzwall. Überhaupt sind ja öffentliche Räume gerade für die Schwachen da, weil sie dort zusammenkommen und sich im Idealfall auch zusammentun können, um politische Kraft zu entfalten. Womöglich ist eine dumpfe Ahnung dieser Möglichkeit auch der reale Kern der rechten Aufregung über so etwas Triviales wie für alle frei zugängliche Planschbecken. In Stadtvillen und auf Jachten kann man es sich derweil leisten, sich selbst genug zu sein. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.