Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Das «Mini-Wef» von St. Gallen

An der HSG konferieren StudentInnen mit «Leaders» aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Die verschlossenen Türen und das Engagement der Stadt stossen auf Widerstand.

Von Corinne Riedener

Symposium. Oder altgriechisch: Symposion. In der Antike verstand man darunter ein Trinkgelage, eine gesellige Zusammenkunft. Heute sind Symposien «wissenschaftliche Konferenzen» und vordergründig wohl auch gesitteter. Am St. Gallen Symposium auf dem Universitätscampus der HSG jedenfalls gibt es erst am Abend Alkohol, bei den «Dinners» und «Feasts», wenn die ernsten Themen abgehakt sind. Diese werden tagsüber von den «Leaders of Today» – rund 600 EntscheidungsträgerInnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft – mit den «Leaders of Tomorrow» diskutiert, einer handverlesenen Gruppe von 200 StudentInnen aus aller Welt, die entweder aus einem «Begabten-Pool» kommen oder sich die Teilnahme mit einem möglichst brillanten Essay erschrieben haben.

Aus der Uni wird eine liberale Lounge

In diesen Tagen findet das Symposium zum 46. Mal statt. Erklärtes Ziel der dreitägigen englischsprachigen Konferenz: die «Förderung einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung».

Das Unigelände gleicht jetzt mehr einer gediegenen Lounge als einem Ort des Lernens. Der Aussenbereich zwischen Hauptgebäude und Aula heisst «Piazza» und ist mit weissem Stoff überdacht – überall Sitzlandschaften, Espressobars, Parfümwolken und Sicherheitsleute. Dazwischen ein hell-dunkler, alt-junger Mix aus Anzügen, Deux-Pièces und Aktentaschen. Wer dazugehören will, braucht einen Badge. Exquisit ist die internationale Gästeliste: Vom luxemburgischen Premierminister über die CEOs von Nestlé oder Credit Suisse bis zum Schweizer Geheimdienstchef ist auf dem Rosenberg alles vertreten.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Erfunden wurde das Symposium von fünf HSG-Studenten. 1970 gründeten sie – als Antwort auf Studentenunruhen und Achtundsechzigerbewegung – das International Students’ Committee (ISC) und stellten das erste Symposium auf die Beine, damals mit etwa 200 TeilnehmerInnen. Bis heute wird es von StudentInnen organisiert, es gibt dafür Credits. Richtig in die Schlagzeilen schaffte es das Symposium 1972, als der Club of Rome in St. Gallen seine «Grenzen des Wachstums» vorstellte und damit erstmals eine umfassende Wachstumskritik formulierte. Heute, 44 Jahre später, ist das Motto ein ähnliches: «Growth – the good, the bad, and the ugly». Und damit verbunden die Fragen: «Warum fällt es vielen entwickelten Staaten so schwer, zu Wachstum zurückzufinden? Gibt es bestimmte Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums? Brauchen wir Wachstum in dieser Form überhaupt noch, oder ist es Zeit für eine Systemreform?»

Die diesjährigen Workshops drehen sich um ein Europa ohne Industrie («Can Europe be successful without industry?»), die Vorteile Panamas («Panama is not just about the papers»), das Grundeinkommen («Basic income – a base for growth?») oder Terrorismus («6 months after Paris»). Allesamt Themen von globaler Relevanz, Dinge, die alle etwas angehen. Nur sehen das die SymposiumsteilnehmerInnen anders: Abgesehen von einer Handvoll «Plenary Sessions» finden alle Sitzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Auf dem St. Galler Rosenberg hält man sich zudem an die sogenannte Chatham House Rule: Konkrete Inhalte aus besagten «Work- und Background-Sessions» dürfen nur inkognito und ohne Rückschlüsse auf deren UrheberInnen nach aussen dringen. Das gilt für alle – und besonders für die paar JournalistInnen, die zugelassen sind.

«Symbol der Widersprüche»

Die Intransparenz und die teils sehr umstrittenen Gäste – darunter Fifa-Präsident Sepp Blatter (2012), UBS-Chef Sergio Ermotti (2013), Glencore-CEO Ivan Glasenberg (2014), Ex-Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und Ruandas Staatsoberhaupt Paul Kagame (2015) oder in diesem Jahr Frontex-Chef Fabrice Leggeri und Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck-Letmathe – stossen auf Kritik. Das Symposium sei ein «neoliberales Elite- und Vernetzungstreffen, wie es im Buche steht», sagen die AktivistInnen von «Smash little WEF», einem Bündnis von Privatpersonen, das seit drei Jahren gegen das Symposium protestiert. Es sei «ein Symbol für die politischen Widersprüche und Konflikte zwischen oben (jenen, die herrschen, die Stutz und Macht haben) und unten (jenen, die den ganzen Tag ackern und die Traurigkeit und die Härte der organisierten Konkurrenz der freien Marktwirtschaft tagtäglich am Leibe zu spüren bekommen)». Für Freitag rufen sie, wie schon in den Jahren zuvor, zu einer Demo auf.

Die St. Galler Juso unterstützt den Protest und – neuerdings – auch die städtische SP: Das Symposium sei ein «Forum der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik für die ideologische Vorherrschaft des Marktfundamentalismus». Dabei gehe es vor allem um «politische Reformen, die letztlich jenen dienen, die auch darüber verhandeln». Gerade an Nestlé zeige sich «auf ganz drastische Art und Weise das Phänomen, dass gesellschaftlich erarbeitete Gewinne privatisiert werden, Umweltschäden und sonstige Verluste jedoch kollektiviert bleiben».

«Jemanden wie Nestlé-Chef Peter Brabeck darf man nicht einfach unkritisch reden lassen», sagt Parteipräsident Peter Olibet, «das ist einer Uni nicht würdig.» Zudem sei es höchst problematisch, dass die St. Galler Stadtwerke das Symposium als «Donators» direkt unterstützten – «ideologisch also gewissermassen ihren eigenen Niedergang als Institution des Service public vorbereiten».

Wie die «Smash little WEF»-AktivistInnen hofft auch er, dass mit dem Protest eine breite Öffentlichkeit sensibilisiert werden kann und, im Idealfall, «dass sich das Symposium bewegt». Maude Barlow, jene kanadische Aktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, die sich gegen die Privatisierung von Wasser einsetzt, befinde sich derzeit ebenfalls in der Schweiz, sagt Olibet. «Wieso lädt man nicht auch so jemanden ein?»

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