Von oben herab: Abzocke!

Nr. 11 –

Stefan Gärtner über kleinbürgerlichen Argwohn

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Neuerdings lese ich die Morgenzeitung erst abends, was daran liegt, dass der Briefkasten der neuen Wohnung nicht mehr im Hausflur, sondern vor der Haustür hängt: also Wohnungstür auf, Treppe runter, Haustür auf, nochmals eine Treppe runter, fünf Meter über die Einfahrt und wieder retour, und alles im Bademantel. Nun lebe ich zwar vielleicht wie ein Bohemien, bin aber keiner, und zwar ist es mir egal, wenn mich die Dame aus dem Erdgeschoss, die mich nicht ausstehen kann, im Schlafanzug erwischt, es muss aber auch nicht sein.

Im Übrigen ist der externe Briefkasten ein schöner Vorwand, mich dem Wahnsinn der Welt nicht schon beim Morgentee auszusetzen, und die abendliche Lektüre der Morgenzeitung ist dann so was wie die Lektüre der Zeitung von gestern, alles nicht weniger blöd, aber sozusagen Vergangenheit.

Geradezu noch schöner, wenn mich bei dieser Lektüre irgendwas (oder, im Familienalltag, irgendwer) unterbricht, sodass ich ins Bett gehen kann, ohne vom Tag zu viel erfahren zu haben, und warum im Wohlstandsbundesland Bayern neuerdings nicht mehr CSU, sondern AfD gewählt wird, kann ich mir ausrechnen: Es wird mit dem zutiefst kleinbürgerlichen Argwohn zu tun haben, für dumm verkauft, vorgeführt, abgezockt zu werden. Im höheren marxistischen Zusammenhang werden die sogenannten kleinen Leute natürlich wirklich und strukturell abgezockt; im niederen alltagspolitischen haben dieselben Leute von Marx gar keine Ahnung und wählen darum welche, die zwar die Vermögenssteuer auch nicht einführen wollen, aber versprechen, der ständigen Bevormundung und Abzocke einen Riegel vorzulegen. Denn die Kleinbürgerin fühlt sich gegängelt, eingeschränkt und überwacht, und zwar als Handysüchtige, die Tag für Tag Fuder persönlichster Daten in die Welt wirft; der Mann der Kleinbürgerin fühlt sich unfrei und nimmt alles persönlich, und wenn er im Auto sitzt und geblitzt wird, dann ist er nicht einsichtig und lernfähig, sondern hasst den Blitzer, der nämlich nicht zu unser aller Sicherheit aufgestellt ist, sondern um uns abzuzocken.

In Baden, Kanton Aargau, wird nach einer Volksinitiative jetzt die einzige fixe Blitzanlage demontiert, weil FDP, SVP und andere Fans der freien Fahrt sie für Abzocke halten, denn wenn unser Kleinbürgertum in seinen durchgedrehten Autos sitzt, dann will es auch mal schnell sein dürfen, ohne dass der Verregelungsstaat gleich hinlangt. Die Kleinbürgerin will zwar, dass die Landesgrenzen nicht allzu offen, ja am besten gleich ganz dicht sind, aber die strikte Tempogrenze betrifft ja nicht irgendwelche Ausländer, sondern sie, die brave Schweizerin, die nicht den ganzen Tag büezt und Steuern zahlt, nur um vom Staat, den sie unterhält, abgezockt zu werden! «Wir wollen, dass für die Sicherheit geblitzt wird und nicht für die finanziellen Interessen», hat Mitinitiant und FDP-Grossrat Tim Voser dem SRF mitgeteilt, denn es reicht, wenn Vosers Klientel finanzielle Interessen hat, ja alles ein einziges finanzielles Interesse ist, solange sich der Staat aus unseren finanziellen Interessen heraushält und selbst keine anmeldet. Soll er doch erst mal arbeiten gehen, der Staat, anstatt uns ständig mit neuen Vorschriften zu kommen! Doch wehe, es wird ein Kind totgefahren, weil der Staat vergessen hat, ein Tempolimit einzurichten, dann haben wir ein Staatsversagen, und weil es der Staat, so gesehen, unserem «auf Touren gebrachten Kleinbürger» (Adorno) nicht recht machen kann, wählt der halt FDP und SVP und AfD, wobei die deutsche Vorhut des Neofaschismus, wo immer sie kann, Familienangehörige in Staatsstellungen bringt, also ihrerseits abzockt, was aber den Anhang nicht kümmert, denn die AfD, glaubt er, vertritt sein Interesse, und dieses Interesse lautet – – …

Ach, egal. Jedenfalls lese ich neuerdings lieber abends Zeitung. Falls denn überhaupt noch.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.