Nr. 13/2010 vom 01.04.2010

«Was sollen wir auch tun?»

Mit dem Programm «Projets urbains» will der Bund Quartiere in kleineren und mittelgrossen Städten aufwerten. Im Gyrischachen in Burgdorf stösst das Projekt nicht nur auf Wohlwollen.

Von Sonja Mühlemann

Der Gyrimarkt hat zugemacht, das Plexiglas an der Bushaltestelle ist eingedrückt. An den grauen Hausfassaden leuchten bunte Graffitis. Die Wohnblöcke am Uferweg erinnern an Dominosteine, aufgereiht wie Klötze stehen sie schräg zur Emme. Das ist Gyrischachen, ein Quartier in Burgdorf. Knapp ein Viertel der BurgdorferInnen wohnt hier, 2220 Menschen aus über vierzig Nationen auf engstem Raum, eingeklemmt zwischen dem Gyrisberg, der sich im Norden erhebt, und dem Fluss Emme. Die eigentliche Stadt ist auf der anderen Seite.

Gyrischachen gilt als Problemquartier. Die Stadt Burgdorf will es aufwerten und nimmt deshalb am Bundesprogramm «Projets urbains» teil (vgl. Kasten am Schluss). Die Behörden wollen die HausbesitzerInnen überzeugen, ihre Liegenschaften zu sanieren. Sanft sollen sie das tun, damit das Quartier seinen Charakter behält. Und die QuartierbewohnerInnen sollen bei den geplanten Veränderungen mitreden dürfen. Das ist das Ziel von «Projets urbains».

Neubau statt Sanierung

«Merdivenleri temiz tutunuz, das Treppenhaus ist sauber zu halten», steht auf einem Schild im Haus Nummer 24 am Uferweg. Frieda Zingg hat mehr als die Hälfte ihres Lebens in diesem Haus verbracht. Hier ist es ihr wohl. Doch das Haus, in dem Frieda Zingg wohnt, soll abgerissen werden. «In den Sechzigern hatten wir hier schon warmes Wasser und ein WC im Haus», sagt sie, lächelt und nimmt ihren ersten Mietvertrag aus der Buffetschublade. An Weihnachten 1961 sind die Zinggs mit ihrer kleinen Tochter eingezogen. Die Wohnung kam Frieda Zingg vor wie ein Geschenk. «Hier müsst ihr mich raustragen», habe sie damals zu ihrem Mann gesagt. Der Uferweg war eine gute Adresse, zwei Wohnungen pro Stockwerk, vier Stöcke hoch. Das war modern. 152 Franken zahlten sie für die erste Miete, ihr Mann habe als Bundesbeamter 500 Franken im Monat verdient. Eine Wohnung näher an der Strasse hätte 85 Franken gekostet.

Heute zahlt Frieda Zingg für die Dreizimmerwohnung 900 Franken. Viele der BewohnerInnen im Gyrischachen verdienen wenig und sind auf günstige Mieten angewiesen. In den neunziger Jahren wurden die Wohnungen am Uferweg renoviert, man baute neue Badezimmer und Küchen ein.

Die Blöcke mit den 133 Wohnungen gehören der Previs-Personalstiftung. Eine Sanierung lohne sich nicht, sagt Jürg Thomet, der Leiter des Previs-Immobilienbereichs: «Nach unserer Erfahrung kostet eine Sanierung bis zu 200 000 Franken pro Wohnung.» Die Wasserleitungen seien über siebzig Jahre alt, die Wärmedämmung schlecht, der Schallschutz ungenügend. Die Dreizimmerwohnungen seien 52 Quadratmeter gross, heute liege der Standard bei 85. «Wir müssen davon ausgehen», sagt Thomet, «dass für diese kleinen Wohnungen auch nach einer Sanierung nicht wesentlich höhere Mieten erzielt werden können. Die Investition einer Sanierung zahlt sich so nicht aus.» Deshalb schrieb die Previs zusammen mit der Stadt Burgdorf einen Architekturwettbewerb aus. Das Modell «Lungofiume» hat gewonnen. Neunzig Wohnungen mit zweieinhalb- bis fünfeinhalb Zimmern sind geplant, mit modernen Glasfronten, acht Stockwerke hoch.

Für Frieda Zingg und die 400 anderen UferwegbewohnerInnen bedeutet dies: ausziehen. Viele Jahrzehnte lebten vor allem SchweizerInnen und ItalienerInnen in den sandfarbenen Blöcken, die man auf der rechten Seite sieht, wenn man mit dem Zug von Olten her in Burgdorf einfährt. «Ich kenne die meisten Nachbarn nur von den Namen an den Briefkästen», sagt Frieda Zingg. Früher war das anders, «doch viele sind weggegangen, ins Altersheim oder dann halt verstorben».

Keine Probleme aufkommen lassen

Pro Jahr ziehen im Gyrischachen fünfzehn Prozent der MieterInnen um. «Aus der kurzen Mietdauer schliessen wir, dass viele Mieter nur als Übergangslösung am Uferweg wohnen», sagt Jürg Thomet von der Previs. In anderen Quartieren suchen sich gemäss einer grossen Burgdorfer Liegenschaftsverwaltung etwa zehn Prozent der MieterInnen pro Jahr eine neue Wohnung. Die häufigen MieterInnenwechsel sind auch der Stadt aufgefallen. «Wir müssen Probleme angehen, bevor die Abwärtsspirale zu drehen beginnt», sagt Baudirektor Martin Kolb. «Im Gyrischachen leben viele Nationen auf engstem Raum, und der Zustand der Häuser ist nicht optimal. Ich will nicht von einem Problemquartier reden, aber wenn ein Mosaiksteinchen herausbricht, könnte das in einigen Jahren zu Problemen führen.»

Am Programm «Projets urbains» nehmen elf Schweizer Städte teil, unter anderem Spreitenbach, Renens und Olten. «Die Ziele für die Entwicklungen haben wir bewusst allgemein gehalten, denn jedes Quartier hat andere Probleme», sagt Georg Tobler, Leiter der interdepartementalen Programmsteuerung der «Projets urbains». «Die jeweiligen Gemeinden wissen am besten, wo Probleme bestehen, und gehen diese selber an.» Mehrere Bundesämter, wie jene für Raumentwicklung, Migrationsfragen und Wohnungswesen, unterstützen die Projektstädte mit ihrem Wissen – und im Burgdorfer Fall mit 100 000 Franken. Bei gewissen Fragen stehen die zuständigen Bundesämter den Projektstädten mit Ratschlägen zur Seite. Die Städte sollen zudem aus den Erfahrungen der anderen lernen und tauschen sich zweimal im Jahr bei Treffen aus.

Georg Tobler betont: «Es ist wichtig, dass die Quartierbewohner das Projekt mitgestalten können und regelmässig einbezogen werden.» Die Stadt Burgdorf hat das mit Informationsanlässen umgesetzt. Dabei wurde den GyrischachenbewohnerInnen das Siegermodell des Architekturwettbewerbs zum Neubau am Uferweg vorgestellt. Auch Hans Ulrich Willi, einer der Einfamilienhausbesitzer im Quartier, hat es sich angesehen. Sein Haus liegt direkt hinter den Uferweg-Blöcken. Das Wohnzimmerfenster im ersten Stock bietet Aussicht auf das Burgdorfer Schloss. Auf dieser Seite der Emme, aus der Distanz, scheint es mächtiger als sonst. An der Modellvernissage erfuhr Willi, dass zwischen seinem Haus und dem Neubau ein Park mit darunter liegender Garage angelegt werden soll. Willi rührt aufgeregt in seiner Kaffeetasse: «Wir dürfen nur mitbestimmen, welche Baumsorten gepflanzt werden. Das ist doch lächerlich. Wir Quartierbewohner werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist nicht mein Verständnis von Demokratie.»

Für Baudirektor Martin Kolb ist der neue Park jedoch der eigentliche Trumpf des Neubauprojektes. «Durch den Park entsteht mehr Grünfläche. Dieses Naherholungsgebiet in unmittelbarer Nähe zur Emme ist der eigentliche Mehrwert für alle Gyrischachenbewohner.»

Langsam formiert sich Widerstand

Baudirektor Kolb weiss aber auch, dass durch den Abriss der Uferweg-Blöcke günstiger Wohnraum verschwindet. «Heute rächt sich, dass vor zwanzig oder dreissig Jahren in Burgdorf kaum gebaut wurde.» Diese Blöcke wären heute billige Mietwohnungen. «Nicht jeder Mieter wird auf die Sozialdirektion angewiesen sein, um eine neue Wohnung zu finden. Aber es wird einige Härtefälle geben.» Die Stadt und die Previs seien sich ihrer Verantwortung bewusst. Doch es sei noch zu früh, um einen genauen Plan auszuarbeiten. «Wir hoffen, dass einige Mieter eine Wohnung in einem Nachbargebäude finden», sagt Kolb.

Mit dem Neubau soll es frühestens in drei bis vier Jahren losgehen, wenn die Uferweg-Parzellen umgezont sind und achtstöckig gebaut werden kann. Aber langsam formiert sich Widerstand. Einige QuartierbewohnerInnen, zu denen auch Hans Ulrich Willi gehört, haben sich in der IG Uferweg zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie die Bevölkerung auf die Pläne der Stadt und der Previs aufmerksam machen. «Die meisten Leute sind kaum informiert. Wir wollen verhindern, dass sie erst merken, was geschieht, wenn die Bauprofile schon stehen», sagt Willi. Die IG Uferweg könne nicht verstehen, warum mit den Blöcken sozial verträglicher Wohnraum verschwinden müsse, warum die jetzigen Blöcke nicht saniert werden können. «Der Neubau gleicht einem Riegel, der die Sicht auf die Zähringerstadt verbaut. Wir wollen keine Zonenplanänderung – und keinen achtstöckigen Neubau.»

Auch die SP der Stadt Burgdorf hat gehört, dass am Uferweg günstiger Wohnraum abgerissen werden soll. Stadtrat Nadaw Penner wuchs im Gyrischachen auf und kennt die Situation der Leute. Gegen das Neubauprojekt an sich hat er kaum Einwände. «Es handelt sich ja um eine Zone mit Planungspflicht, das heisst, es müssen verschiedene Vorschriften eingehalten werden, beispielsweise der Minergie-Standard. Zudem dürfen keine Luxuswohnungen gebaut werden.» Noch sind die Mietpreise für die neuen Wohnungen nicht berechnet. «Erfahrungsgemäss wird eine Dreizimmerwohnung zwischen 1500 und 2000 Franken kosten», sagt Jürg Thomet von der Previs. Für die jetzigen BewohnerInnen unbezahlbare Mieten. Genau diese Entwicklung macht Stadtrat Nadaw Penner Sorgen: «Meine Befürchtung ist, dass das Projekt nicht die Durchmischung der gesellschaftlichen Schichten im Gyrischachen vorantreibt, sondern das Quartier in einen reicheren und einen ärmeren Teil spaltet.»

Jetzt muss aber erst einmal umgezont werden. Der Burgdorfer Gemeinderat hat das Neubauprojekt zur Mitwirkung öffentlich aufgelegt. «Jeder Burgdorfer kann daran teilnehmen. Grundsätzlich kann man alles wünschen. Danach werden die Eingaben mit der Bauordnung und den Wünschen der Previs als Bauherrin abgeglichen», sagt Baudirektor Martin Kolb. Die SP will laut Stadtrat Nadaw Penner bald auf die GyrischachenbewohnerInnen zugehen und ihre Anliegen vertreten. Langfristig müsse aber eine Stadtentwicklungsstrategie ausgearbeitet werden, die den Bedürfnissen an günstigem Wohnraum gerecht werde. «Wir müssen Vorstösse erarbeiten, die die Stadt zur Schaffung, Erhaltung und Förderung von günstigem Wohnraum verpflichten.»

Wenig Hoffnung

Frieda Zingg verbringt die Tage meist zu Hause. Dann strickt sie oder sieht fern. Mit der Lupe studiert sie das Fernsehheftchen. Im Gyrischachen ist es nachmittäglich ruhig. Die Sonne scheint durchs Wohnzimmerfenster auf die sorgfältig zusammengelegte Strickdecke auf dem Sofa. Frieda Zingg und ihre NachbarInnen sind unsicher, wie es weitergehen soll. «Was sollen wir auch tun? Ändern können wir sowieso nichts.» Am jüngsten Orientierungsabend gab es zu wenig Stühle – und zu wenig Informationen darüber, wann genau sie ausziehen müssen. Frieda Zingg hat sich vorsorglich im Altersheim angemeldet. Nächstes Jahr wird sie neunzig Jahre alt. «Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich ausziehen muss.»

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