Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Aufräumen mit Albert

Stefan Gärtner über Schmutz und Zwielicht

Von Stefan Gärtner

Es ist ja nicht so, dass es bei der sog. Durchsetzungsinitiative nichts zu lachen gäbe; denn dass z. B. der Berner SVP-Nationalrat Albert Rösti dafür ist, ist etwa so, als fordere ein CSU-Abgeordneter namens Hans Sauerkraut ein Verbot von Döner Kebab.

«Für mich kommt der Opferschutz weit vor dem Täterschutz», sprach also ausgerechnet Albert Rösti ins Schweizer Fernsehen hinein. «Deshalb sind Ausländer, die schwere Verbrechen begehen, automatisch auszuweisen. Dies im Interesse der Schweizerinnen und Schweizer, aber besonders auch im Interesse der grossen Mehrzahl friedlicher Ausländerinnen und Ausländer.» Nun könnte man freilich finden, dass Ausländer, die schwere Verbrechen begehen, als Menschen, die schwere Verbrechen begehen, einfach ins Gefängnis gehören, aber schon in «Mein Kampf» heisst es unzweideutig: «Im allgemeinen kennt das Gebilde, das heute fälschlicherweise als Staat bezeichnet wird, nur zwei Arten von Menschen: Staatsbürger und Ausländer.» Und da sollte man, schon im Sinne der guten Übersicht, nichts durcheinanderbringen, schon gar nicht im so exzellent aufgeräumten Gebilde namens Schweiz.

Denn bei derlei Ausschaffungs- und Durchsetzungs- und Durchgreifvorhaben gehts halt schon auch immer es bitzeli ums Schema von Freund und Feind, das der kriminelle Ausländer so trefflich auf den pleonastischen Begriff bringt. Es gibt die heilige alte Ordnung, und es gibt welche, die sie stören, und damit klar werden kann, welcher Art Ordnung die Ordnung ist: nämlich unsere, die der Eidgenossinnen, Autochthonen und Blutsbrüder, muss sie durch Entfernung der störenden Elemente wiederhergestellt werden – so schnell landet man bei genuin faschistischer Terminologie, zu der das Wortfeld «Sauberkeit» ja unbedingt gehört: «Ich muss Klarheit, Sauberkeit und reine, übersichtliche Linien um mich haben. Zwielicht ist mir zuwider. Und wie in den Zimmern aufgeräumt werden muss, so auch unter den Menschen», notiert der Diarist Goebbels am 10. März 1933, und wer mit der Schulklasse mal den «Ewigen Juden» gesehen hat, den Hetzfilm von 1940 – auch bei Youtube vorfindlich und freilich von Nazis goutiert –, wird sich an die Suggestionen von Schmutz und Zwielicht und Tücke erinnern, die den Juden nun einmal kennzeichnen, diese Ratte unter den Menschen.

«Ausgeschafft» wird der schwer straffällig gewordene Ausländer auch bei einem Nein, das ist längst beschlossen; was nun noch «durchgesetzt» werden soll, ist jenes radikale Aufräumen, das mit Opferschutz wenig, mit völkischer Flurbereinigung alles zu tun hat. «Die perfiden Passagen», schreibt die «Aargauer Zeitung», «verbergen sich im zweiten Teil des Volksbegehrens – dort, wo kaum jemand bei der Lektüre vordringt» und wos nämlich antibakteriell und porentief wird: «Nun schleichen sich plötzlich Bagatellen wie ‹falsche Anschuldigung›, ‹falsche Übersetzung› und spezifisch durch Ausländer ausgeübte Schwarzarbeit in den Katalog der Wegweisungsgründe. (…) Geht es nach der SVP, soll ein kiffender Secondo ausgeschafft werden, wenn er zwei Mal mit einem Beutel Marihuana erwischt wurde und beim zweiten Mal vielleicht noch seinen Kumpel am Joint hat ziehen lassen.»

Ein guter Grund für alle, die keine Gründe brauchen, aber mit Albert Rösti und Regula Fondue unter sich sein wollen. Aus Gründen, die ins Reich der Psychopathologie gehören; Waschzwang, mindestens. Wenn nicht nazistische Persönlichkeitsstörung.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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