Kneecap : Mittelfinger in fast alle Richtungen
Die nordirische Rapcrew Kneecap provoziert seit Jahren Kontroversen – und sah sich zuletzt gar mit Terrorismusvorwürfen konfrontiert. Nun erscheint «Fenian», ihr zweites Studioalbum.
Nicht möglich, hier mit schlechter Laune wieder rauszulaufen, so lustig war dieser Film in seiner Provokationslust, so erfrischend klar in seiner Grundhaltung, die sich in der erdrückend komplexen Gegenwart gar nicht so simpel anfühlt: immer für die Underdogs, gegen jede Autorität.
«Kneecap», das war der Film, der Kneecap, das nordirische Raptrio, 2024 auch international berühmt gemacht hat: ein zurechtfrisiertes Biopic über drei, die über Drogen, irische Unabhängigkeit und das Leben in West Belfast rappen. Im Minimum wahr: Liam Óg Ó hAnnaidh (aka Mo Chara), Naoise Ó Cairealláin (Móglaí Bap) und JJ Ó Dochartaigh (DJ Próvaí) sind als sogenannte «ceasefire babies» zu jung, um die Troubles erlebt zu haben – den jahrzehntelangen Bürgerkrieg zwischen protestantischen Unionist:innen und katholischen Republikaner:innen. Sie kommen aus Working-Class-Familien in Belfast und Derry, spielen mit republikanischer Symbolik, schreiben Songs in irischer Sprache und mit Slogans als Titel wie «Get Your Brits Out» oder «Cearta» (Rechte).
Sie machen sich aber ebenso über die bierernste, im Bürgerkriegsdenken gefangene republikanische Elterngeneration lustig. Ihr Name bezieht sich auf das «kneecapping», den Schuss in die Kniescheibe, der innerhalb der republikanischen Bewegung vor allem Drogendealern blühte. Zumindest der Film zeigt Kneecap als genau das: als «hoods», irischer Slang für Dealer, und insbesondere als äusserst engagierte Konsumenten. «Niemand wird Kneecap vorschreiben, was wir sagen dürfen und was nicht. Davon haben wir hier auf der Insel schon seit Jahrhunderten genug», sagte die Band 2023 dem «Guardian», und: «Wenn wir das nicht satirisch aufarbeiten können, wer kann es dann?»
Tourabsage, Terroranklage
Mit «Fenian» erscheint nun das zweite Studioalbum – nach dem Mixtape «3CAG» (2018) und «Fine Art» (2024) –, sauberer herausgeputzt als die Vorgänger durch den Londoner Indieproduzenten Dan Carey, der zuletzt auch mit Bands wie Fontaines D. C., Black Midi oder Wet Leg zusammenarbeitete. Das Energielevel ist immer noch hoch, live wird dieser auf Rave gedrehte Rap gut funktionieren. Da sind aber auch neue Themen, eine neue Ernsthaftigkeit: «Irish Goodbye» ist eine Hommage an Móglaí Baps Mutter, die sich 2020 das Leben nahm, mit einer tollen Strophe des britischen Poeten und Rappers Kae Tempest, Meistererzähler in Sachen komplizierte Familienangelegenheiten und prekäre Existenzen.
«Cold at the Top» und «Cocaine Hill» erzählen von den negativen Folgen eines immer regelmässigeren Drogenkonsums, dem endlosen Unterwegssein. Trotzig bis angriffig verarbeiten Kneecap in mehreren Tracks ausserdem die Ereignisse vom vergangenen Jahr: die bisher grösste Kontroverse der Bandgeschichte, die sie noch berühmter gemacht hat. Am kalifornischen Coachella, einem der grössten Musikfestivals der Welt, projizierten Kneecap während ihres Auftritts Statements auf die riesigen Bühnenscreens: «Israel verübt einen Genozid an der palästinensischen Bevölkerung» und «Fuck Israel. Free Palestine». Die irische Solidarität mit Palästina ist traditionell gross, das Streben nach Unabhängigkeit wird von vielen als geteilter Kampf verstanden. Das gab Beifall und Empörung, bald eine mediale Schlammschlacht: Die britische Presse grub Konzertvideos von 2023 aus, in einem ist Mo Chara mit Hisbollah-Flagge in der Hand zu sehen, in einem anderen hört man ein Bandmitglied «Up Hamas, up Hezbollah» rufen.
Politiker:innen schalteten sich ein, auch der Sprecher des britischen Premiers sowie die konservative Oppositionsführerin im Parlament. Kneecap wurden die US-Visa entzogen, die Tour dort fiel ins Wasser, auch in Deutschland wurden Konzerte abgesagt. Schliesslich wurde Mo Chara in Grossbritannien wegen Terrorismus angezeigt, ein Richter liess die Klage einige Monate später allerdings aufgrund eines Verfahrensfehlers fallen.
Wohin die Welt schaut
Kneecap verneinten jegliche Unterstützung für Hamas und Hisbollah, die Aussagen seien aus dem Kontext gerissen, Mo Chara habe in der Hitze des Gefechts nicht gewusst, was das für eine Fahne sei, die ihm aus dem Publikum zugeworfen worden sei. Fans, aber auch grosse Popnamen wie Massive Attack, Fontaines D. C. oder Brian Eno solidarisierten sich – es müsse möglich sein, als Künstler:in Israel zu kritisieren. Den Gerichtsprozess und weitere Auftritte nutzt die Band seither dafür, ihre Botschaft weiterzutragen: Nicht sie seien die Story, der Genozid in Gaza sei es.
Was fängt man damit an? Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die Parole «Hoch die Hamas, hoch die Hisbollah» problematisch ist. Und wenn Kneecap sagen, sie sei aus dem Kontext gerissen: In welchem Kontext wäre sie denn in Ordnung? Trotzdem wird die Kontroverse nicht bloss deswegen so eskaliert sein, vielmehr ist sie vor allem Ausdruck des verhärteten, oft heuchlerischen Diskurses um den Nahostkonflikt – sowie der autoritären Lust von Politiker:innen und konservativer Presse, die dem Canceln auf einmal ganz zugetan scheinen: Ihnen kommt es gerade recht, drei Musiker als Terroristen zu brandmarken.
Warum guckt ihr zu uns und nicht woanders hin?, das fragen Kneecap angesichts Israels Kriegsverbrechen da schon zu Recht, auch wenn ihnen der ganze Trubel wiederum Stoff zur eigenen Inszenierung bietet. Der während der Gerichtsverhandlung von Fans verbreitete Slogan «Free Mo Chara» ist jetzt jedenfalls auch auf dem neuen Album zu hören, ebenso eine leichte Tendenz, sich als Märtyrer zu inszenieren. Die wollen schon auch, dass man zu ihnen guckt. Und warum sollte das nicht legitim sein?
So weich und so rau
Im Interview mit der «New York Times» sagte Mo Chara kürzlich, sie vermissten die spielerischen Kontroversen von früher. Spielerisch waren diese auch wegen ihres Umgangs mit der eigenen Geschichte: rotzig, aber differenziert, mit einem zuverlässigen Gespür dafür, wer oben ist und wie man in diese Richtung treten kann. Immer auf der Seite des Underdogs, das heisst in diesem Fall, dass man sich natürlich mit der palästinensischen Bevölkerung solidarisieren, das Vorgehen Israels verurteilen muss. Aber hätten nicht auch Hamas und Hisbollah Mittelfinger verdient? Sicher ist es Teil des Spiels, sich nach alldem unverbesserlich zu zeigen. Aber ist es nicht trotzdem vor allem dumm, wenn an einer Stelle auf dem neuen Album mit «Teufel Israel» ein uraltes antisemitisches Motiv bemüht wird?
Es gehört zum Rap, dass eine nicht zugewandte Öffentlichkeit Lyrics und andere Aussagen allzu wörtlich nimmt: Das wird in der Regel schnell ziemlich lächerlich. Im Kneecap-Film gibt es diese schöne Szene, in der die Protestantin Georgia, mit der Mo Chara eine heimliche Liebesbeziehung führt, ihn nach einem Konzert zur Rede stellt: «Brits out?», sagt sie. «Was soll das, ich bin hier geboren!» Er meine sicher nicht sie damit, antwortet er, sondern Regierung und Geheimdienst. Warum er das dann nicht so sage? «Weil es der verdammte Refrain eines Lieds ist, nicht die Osterproklamation von 1916.»
Manchmal ist eine Provokation zu verlockend, um sie sein zu lassen, manchmal wachsen einem die Folgen davon über den Kopf, und das allermeiste ist sowieso komplizierter als ein Slogan: Das wissen Kneecap alles schon selbst. Was umgekehrt nicht heisst, dass sie jeglicher Verantwortung einfach enthoben sind. Und dann kann man «Fenian» auch anders hören: weil sich auch hier wieder zeigt, wie gut sich das Irische, so weich und so rau, als Rapsprache eignet. Und weil es eine Wut transportiert, die vorwärtsgerichtet und befreiend wirkt, wie man sie aktuell nur selten findet. Schon dafür lohnt sich dieses Album. ●
Kneecap: «Fenian». Heavenly Recordings. 2026. Live in Lausanne, Les Docks, am 21. November 2026 und in Zürich, X-tra, am 22. November 2026.