Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

In kaputter Gesellschaft

Wenn Black Midi aus London die Retter des Rock sein sollen, vor was retten sie ihn dann? Hoffentlich nicht vor den Frauen.

Von Daniela Weinmann

Die Jungs der Band Black Midi in ihrem Element: Als Teil der Gamewelt, die sie so lieben. Bild: Anthrox Studio

Grosse Töne in der Presse. Der «Tages-Anzeiger» fragt: «Rettet diese Band den Rock?» SRFs «Sounds!» doppelt nach: «Ist das die Gitarrenmusik der Zukunft?», und stimmt damit ein in die Lobeshymnen der internationalen Presse. Die Rede ist von der Band Black Midi, von vier blutjungen Abgängern der Londoner Brit School, die gerade den Hype der Stunde erleben. Und das, obwohl sie einen sperrigen Stilmix aus Math-Rock, Postpunk und Noise auffahren. Ihre Arrangements sind unvorhersehbar, nirgends gönnen sie uns ein poppiges Vers-Chorus-Schema. Sie stehen für brachiale Liveenergie, grossartiges Zusammenspiel und Experimentierlust.

Auch an der diesjährigen Bad Bonn Kilbi im freiburgischen Düdingen beeindruckten Black Midi mit ihren komplexen Gitarrenfiguren. Während die grosse Bühne von Transfrauen wie Sophie und Linn da Quebrada bespielt wurde, gönnten Black Midi dem Publikum wieder mal eine klassische Jungsrockformation zum Beklatschen. Drummer Morgan Simpson zeigte oben ohne seine schweissglänzenden Muskeln, und der schmächtige Frontmann Geordie Greep spukte im Cowboyhut herum.

Was treibt sie um?

Black Midis eben veröffentlichtes Debütalbum «Schlagenheim» schlägt ein – doch es zündet nicht recht: Ein Grund dafür ist die flache Emotionalität der Vocals. Greep singt distanziert-manieriert. Er klingt wie ein Comicdämon, und man versteht nicht recht, warum. Was treibt die Band um?

Um die Lyrics des Albums machte die jubelnde Presse bisher einen Bogen – als wäre es egal, in welche Inhalte der Rock sich rettet. Vielleicht hat das auch mit ihrer Ambivalenz zu tun: «Schlagenheim» kommt zwar bedeutungsschwanger daher, doch sperrt es sich gegen klare Deutungen. Der eingedeutschte Titel in Frakturschrift klingt nach der Asterix-Version eines Nazidorfs. Die Texte bauen ständig Drohkulissen auf und wollen trotzdem witzig sein.

Das Album gibt sich vage politisch, viele Fans lesen etwa eine Kritik an der Gentrifizierung in die Lyrics hinein. «Es hilft, dass unser Land gerade auseinanderfällt», sagt Dan Carey, der Produzent des Albums, «es gibt viel, über das man schreiben kann.» «Schlagenheim» als «Zerschlagenheim»? Wer nun Songtexte über den Brexit oder über den Londoner Grenfell Tower erwartet, wird enttäuscht und in die USA weitergeleitet. Der Song «Near DT, MI» bespricht marode Infrastruktur und bleiverseuchtes Trinkwasser in Michigan. Geht es also mehr so allgemein um ein Unbehagen im «Westen»? Wahrscheinlich ist: Das Album will engagierter klingen, als es ist. Denn in Interviews reden die schüchternen Jungs nicht über Politik. Wenn sie ins Reden kommen, dann über Games.

Videogame-Video

Die Entwickler von Rockstar Games scheinen ihre wahren Vorbilder zu sein. Greep outet sich in Interviews als grosser Fan von «Grand Theft Auto V», dem berühmtesten Spiel des Studios. Wie wichtig Black Midi dieses Game ist, zeigt sich schon daran, dass sie den Videoclip zum Song «Ducter» von den Designern des Games animieren liessen. Doch auch «GTA V» skizziert eine kaputte Gesellschaft – und wird gleichzeitig verdächtigt, selber ein Ausdruck einer solchen zu sein. Das Game ist sexistisch und voller Gewalt, es zeigt uns eine Gangsterwelt, die man besser unreflektiert lässt, wenn man sie geniessen will.

Der Sexismus in «GTA V» ist systematisch: In der ersten Version des Games konnte man keinen einzigen weiblichen Charakter spielen, Frauen sind bloss sexualisiertes Mobiliar. Sie treten auf in der Rolle der sogenannten Valley Girls, als faule Chicks, die die Männer finanziell ausnutzen möchten und sich freiwillig in würde- und rechtlose Situationen begeben. Die Logik dahinter: Das Valley Girl ist schlecht, deswegen verdient es die schlechte Behandlung. Das Game belohnt die SpielerInnen auch mit Health-Punkten, wenn sie zu einer Prostituierten gehen. Überfahren sie diese anschliessend noch mit dem Auto, erhalten sie ihr virtuelles Geld zurück.

Vielleicht wissen sie es

Auch auf «Schlagenheim» hat ein solches «Valley Girl» einen Auftritt. Auf der ersten Single «bmbmbm» jammert und schreit eine Frau im Hintergrund. Greep übertönt sie mit quengelnder Stimme. Wie ein lüsterner Psychopath wiederholt er die Worte: «She moves with a purpose», sie bewegt sich zielstrebig. Das Sample der schreienden Frau stammt aus einer Youtube-Kompilation mit emotionalen Ausbrüchen der «Big Brother»-Kandidatin Nikki Grahame. Wer ihr nun die Diagnose «Valley Girl» stellt, gibt ihr selbst die Schuld an der Häme, die ihr in den Youtube-Kommentarspalten entgegenschlägt: Sie hat es ja so gewollt. Doch Grahames «Selbstverwirklichung» bei «Big Brother» hat eine Geschichte: Sie war als Kind vierzehn Monate wegen Anorexie in der Psychiatrie und unternahm mit zwölf einen Selbstmordversuch.

Vielleicht wissen Black Midi das, reflektieren es sogar, und Greep persifliert den unempathischen Voyeur bloss. Sicher ist, dass «bmbmbm» nicht der einzige ihrer Songs ist, der Sex in einen gewaltsamen Kontext stellt. So wie Rammstein keine Nazis sein mögen, sind Black Midi wahrscheinlich keine Incels, also keine misogynen Nerds, die sich das Patriarchat zurückwünschen. Dennoch könnten sie von den problematischen Frauenbildern in ihren Lyrics finanziell profitieren. Sollte Rockstar Games ihre Liebe erwidern, lockt in der milliardenschweren digitalen Parallelwelt eine grosse Fanbase, denn Games werden für die Musikindustrie immer interessanter. Das virtuelle Autoradio in der «GTA»-Welt enthält vierzig Stunden Musik, auch anspruchsvolle wie von Flying Lotus oder Aphex Twin.

Doch ist all das Black Midis Problem? Fast möchte man sie in Ruhe gamen und Gitarre spielen lassen. «Schlagenheim» ist wohl am Ende weder England noch die USA, sondern das muffige Schlafzimmer eines Teenagers, der uns die Tür vor der Nase zuschlägt: «Diagnostiziere, wenn du willst, aber nimm bitte zuerst die Hände von deinem Schwanz», singt Greep in «Ducter» – als rechnete er gar nicht erst damit, von einer Frau durchleuchtet zu werden.

Wenn hier der Rock gerettet wird, dann muss auch gefragt werden, vor was. Man könnte auf die Idee kommen, dass sich Black Midi und ihre Fans primär vor den Frauen retten möchten. Ihr Lieblingsgame kritisiert keine marode Welt, es macht sie vielmehr geniessbar. Bleibt zu hoffen, dass sich Black Midi noch nicht allzu bequem in ihrem «Schlagenheim» eingerichtet haben.

Daniela Weinmann macht Musik unter dem Namen Odd Beholder.

Live: 30. September 2019, Bogen F, Zürich.

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