Frag die WOZ : Warum nicht Liechtenstein befreien?
«Was spricht gegen eine militärische Intervention zur Befreiung Liechtensteins?»
R. T., per Mail
Das ist eine sehr gute Frage! In Zeiten, in denen Staatsoberhäupter entführt werden, Grossmächte offen mit der Einverleibung fremder Territorien flirten und jeder zweite Autokrat seinen Hinterhof neu vermisst, drängt sie sich in der Tat auf. Warum sollte sich ausgerechnet die Schweiz, die sonst so sehr darum bemüht ist, auf der Weltbühne ihr gutes Image zu wahren, aus diesem aufkommenden geopolitischen Volkssport heraushalten? Man könnte doch, ganz im Sinne eines zeitgemässen «Switzerland First», das bekanntlich chronisch unterfinanzierte und notorisch unterbeschäftigte Militär endlich einmal von der Leine lassen. Ein kleines Manöver. Überschaubar. Kaum Risiko. Schliesslich hat Liechtenstein nicht einmal eine eigene Armee und gerade mal etwa achtzig Polizeibeamt:innen. Danach wüsste man womöglich auch besser einzuschätzen, wofür man die etlichen vom Parlament gesprochenen Milliarden eigentlich ausgeben könnte. Praxis statt Powerpoint.
Gründe für eine Invasion in Liechtenstein gäbe es ja durchaus. Zum einen sind die Liechtensteiner:innen im Verschleiern von Schwarzgeld, im Erfinden lustiger Finanzkonstrukte und im liebevollen Verstecken diskreter Konten von Autokraten und Mafiosi bekanntlich fast noch gewitzter als wir. Durch die Übernahme des Liechtensteiner Bankensektors liesse sich sicher der eine oder andere Trick abgucken. Ausserdem ist es auch eine Frage des nationalen Stolzes, sich in Sachen Geldwäscherei nicht vom benachbarten Zwergstaat übertrumpfen zu lassen. Und als Bonus: Wer annektiert, übernimmt bekanntlich auch die Parkplätze. Das auf den Liechtensteiner Konten versteckte Schwarzgeld könnte zur weiteren Aufstockung der Armee und für noch umfassendere Subventionspakete für die Landwirtschaft genutzt werden. Eine Invasion wäre also zweifelsohne «good for business».
Zum anderen ist da der Fürst mit seinem leidigen katholischen Gedöns. Ja, es nervt, wenn Grosskonzerne mit Lobbygeldern bürgerliche Politiker:innen kaufen und die Demokratie pervertieren. Aber noch schlimmer ist ein stockkonservativer Monarch, der parlamentarische Entscheide nach Gutdünken aushebelt. Ein Mann, der wie im Mittelalter geschniegelt in seinem Schloss auf einer Klippe sitzt und seinen Untertan:innen seinen Willen aufzwingt. Im Vergleich wirkt das englische Königshaus wie ein autonomes Kulturzentrum. Tatsächlich kippte Seine Durchlaucht Fürst von und zu Liechtenstein 2011 mit seinem Vetorecht einen parlamentarischen Entscheid zur Legalisierung von Abtreibung. Ja, richtig gelesen: In Liechtenstein ist Abtreibung bis heute verboten – dank einer einzelnen erzkatholischen Familie, die sich über Recht und Volkswillen stellt.
Hat die Schweiz vor diesem Hintergrund nicht geradezu eine moralische Pflicht, der geprügelten Bevölkerung Liechtensteins zu Hilfe zu eilen? Ein demokratischer Befreiungsschlag: den Fürsten entthronen, Gleichstellung einführen und das Rheintal republikanisch lüften. Es gibt da nur ein kleines Problem: Es ist davon auszugehen, dass die Liechtensteiner:innen es gar nicht so lässig fänden, von den Schweizer:innen annektiert zu werden. Nationalstolz ist ein hartnäckiges Ding. Liechtenstein ist – bei aller Währungsgleichheit und trotz Sprachverwandtschaft – ein eigenes Land. Mit eigener Nationalität, einem ausgeprägten Sinn für sich selbst und eigenen Entstehungsmythen.
1699 legte Fürst Hans Adam von Liechtenstein mit dem Kauf von Schellenberg und Vaduz den Grundstein für das heutige Fürstentum. Seither behauptet sich der Kleinstaat souverän zwischen den Grossmächten. Die Friedfertigkeit der Liechtensteiner ist legendär: Aus dem Deutschen Krieg von 1866 kehrten mehr Soldaten zurück, als entsandt worden waren. Der Überlieferung zufolge gerieten die liechtensteinischen Truppen nie in ein Gefecht, und auf dem Rückmarsch schloss sich ein italienischer Deserteur dem Heer an.
Letztlich sprechen zwei Gründe gegen eine Invasion: Erstens wollen die Liechtensteiner:innen sie wohl nicht. Zweitens riskieren wir beim Zustand unserer Truppen einen jahrelangen Abnutzungskrieg gegen achtzig Polizist:innen. Das wäre nicht nur peinlich, sondern ein fatales Signal an unsere Nachbarn im Norden, Osten, Süden und Westen – die unsere militärische Schwäche glatt als Einladung für eine Invasion ihrerseits in die Schweiz verstehen könnten.
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!