Film: Deckname Friedrich Schiller

Nr. 47 –

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Filmstill aus «Sedimente»: ein Senior beim Nordic Walking
«Sedimente». Regie: Laura Coppens. Schweiz 2025. Jetzt im Kino.

«Eigentlich brauch ich noch keinen Treppenlift», sagt der alte Mann, nachdem man ihn hat das Geländer runterruckeln sehen, «aber er muss in Schuss gehalten werden.» Er schmunzelt in die Kamera seiner Enkelin, und man mag ihn sofort. Schaut ihm beim Blumengiessen im Garten zu, beim Turnen im Bett. Seine Welt ist eng geworden, die Frau längst gestorben, Super-8-Einspielungen zeigen eine fröhliche junge Frau am Strand. Sie habe nie darüber reden können, sagt er, was ihr als Kind widerfahren sei. Der Enkelin will er jetzt von seinem Leben zu erzählen versuchen. Er setzt ein mit dem älteren Bruder, der sich begeistert der Waffen-SS anschloss und an der Ostfront als «Kanonenfutter» endete; berichtet vom Vater, der sich kurz darauf das Leben nahm.

Schicht um Schicht erkundet Laura Coppens in «Sedimente» die Vergangenheit ihres Grossvaters Günther Gerber, und man denkt unwillkürlich an die Schriftstellerin Jana Simon, die ihre Grosseltern Gerhard und Christa Wolf über Jahre hinweg biografisch befragte. (Zitate aus Christa Wolfs «Kindheitsmuster» sind auch im Film eingestreut.) Auch Coppens’ Grossvater wuchs in der DDR auf, sportbegeistert und «völlig unpolitisch», wie er betont. Doch als er sich auf das Recht beruft, mit 85 dement zu werden, nimmt der Film eine neue Wendung: «Wie ist es gekommen», fragt die Enkelin, «dass du für die Stasi gearbeitet hast?» Sie verwebt die oft rechtfertigenden Sätze, mit denen ihr Opa mit seiner Rolle als Informant ringt – wofür er einen lukrativen Chefarztposten erhielt –, mit Aktennotizen der Stasi, die ihm den Decknamen Friedrich Schiller zuwies. Er sei «aus Überzeugung» bereit zu helfen, heisst es da etwa, aber auch, dass er seine Berichte stets in der dritten Person verfasst habe.

Im Kern verhandelt Coppens in ihrer berührenden Annäherung an den Grossvater die Notwendigkeit, die Mauer des Schweigens zu überwinden, mit der man sich vor den Abgründen der Vergangenheit zu schützen versucht. Der Opa stirbt während der Dreharbeiten, und sie bedauert, auf Gegenfragen geschwiegen zu haben, weil sie ihn nicht verletzen wollte, wo doch die ehrliche Auseinandersetzung wichtig gewesen wäre. Eine Erkenntnis, die weit über die Familiengeschichte hinausreicht.