Frag die WOZ : Wie viel Hoffnung darf man haben?

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«Wie viel Hoffnung darf man haben, ohne naiv zu wirken?»

I. L., per Mail

Das ist eine sehr gute Frage. Aber ich glaube, sie stellt eine falsche Verknüpfung her. Hoffnung zu haben, ist alles andere als naiv. Ganz im Gegenteil. Es ist unglaublich wichtig, Hoffnung zu haben. Es ist eine Haltung, die uns lebendig hält, aktivistisch, beweglich. Sie tröstet und verbindet.

Niemand hat mir das so klar gezeigt wie mein Děda, mein böhmischer Grossvater, der kurz vor Weihnachten im Alter von 99 Jahren verstorben ist. Er verbrachte seine Jugend im besetzten Prag unter den Nazis und erlebte später, wie die Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling niederwalzten. In all dieser Zeit begleitete ihn die Hoffnung auf Freiheit, Frieden und eine menschlichere Welt. Es war diese Hoffnung, die ihn 1945 als Teenager in die Wälder trieb, um als Partisan Wehrmachtstellungen zu sabotieren. Es war die Hoffnung, die ihn 1968 auf der Flucht in die Schweiz begleitete – die Hoffnung, eines Tages in seine geliebte Heimat zurückzukehren.

Ich glaube sogar, es war die Hoffnung, die ihn so alt werden liess: die Vorfreude auf ein Fussballspiel im Garten mit seinen Urenkeln. Dieses Spiel fand im Frühling 2023 tatsächlich statt. Mein Děda hatte extra zwei Holztore gebastelt; er sass als Schiedsrichter auf der Bank und lachte, ein volles Bierglas vor sich.

Zurück zu Ihrer Frage: Unendlich viel! Man kann gar nicht genug Hoffnung haben.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!