Literatur: Ein schonungsloses Mosaik des Alterns
Mit «Die späten Tage» hat Natascha Wodin ein radikales Werk über das Altern und das Sterben geschrieben.
Eine grosse Liebe im hohen Alter – wie romantisch könnte diese Geschichte sein! Aber bei Natascha Wodin gibt es keine romantischen Geschichten. Ihre Texte sind sehr emotional, aber auch so präzise und ehrlich, dass alle Widersprüche offen zutage treten. Zwar liebt die Ich-Erzählerin ihren um sechs Jahre älteren Partner leidenschaftlich: «Noch nie hatte ich den Körper eines Mannes so geliebt wie das, was Friedrich seine Reste nannte.» Aber da die beiden Menschen einen sehr unterschiedlichen biografischen Hintergrund haben, ist es auch eine spannungsgeladene Beziehung mit viele Krächen, Trennungen, Versöhnungen.
Geboren am 8. Dezember 1945 als Kind von russisch-ukrainischen Zwangsarbeiter:innen, wuchs Natalja Nikolajewna Wdowina, wie die Autorin eigentlich heisst, in einer Kleinstadt in Franken auf, in einem abgelegenen Haus, wo osteuropäische «displaced persons» untergebracht wurden. Für Natascha war klar, dass sie in dieser bayerischen Nachkriegsgesellschaft nicht dazugehörte, sie wurde in der Schule oft auf schlimmste Weise gemobbt, etwa als «Russensau» beschimpft. Als sie elf Jahre alt war, nahm sich ihre Mutter das Leben. Da der Vater mit einem Kosakenchor unterwegs war, steckte er seine beiden Töchter in ein katholisches Mädchenheim. Später wohnten sie wieder zusammen, bis Natascha vor dem gewalttätigen und übergriffigen Vater floh und monatelang obdachlos war.
Wasservögel und Sternschnuppen
Es ist ein Wunder, dass sich Wodin aus diesen Lebensumständen herausarbeiten konnte und Autorin wurde. Den Namen änderte sie 1983 für ihre erste Publikation: «Die gläserne Stadt», in der sie von der Zerrissenheit einer jungen Frau zwischen der deutschen und der russischen Kultur erzählt. Der grosse Erfolg überraschte sie 2017: Für das Recherchebuch über ihre Mutter «Sie kam aus Mariupol» wurde sie mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. Schon aus diesem Werk kennen wir den ruhigen See in Mecklenburg nahe der deutsch-deutschen Grenze, wo die Autorin ihr Sommerhaus hatte und wo sie damals nächtelang im Internet unterwegs war. In ihrem neuen Buch «Die späten Tage» wohnt Wodin, respektive ihre Ich-Erzählerin, nun ganzjährig in diesem entlegenen Winkel, gemeinsam mit ihrem Friedrich, einem liebevollen Mann, der gute Laune verbreiten kann, aber schwer von Krankheit gezeichnet ist. Auch die Autorin leidet an chronischen Schmerzen, beide können oft nur mühsam gehen und schaffen es kaum noch zu ihrer Lieblingsbank am Seeufer. Die Gedanken an den Tod rücken bedrückend näher.
«Die späten Tage» ist kein Roman, sondern ein Mosaik von kurzen Einblicken in den Alltag zweier alter Menschen, in ihre gemeinsame Geschichte, durchsetzt mit Gedanken über das Altern und das Sterben. Den Kontrast dazu bildet die Natur, der idyllische See im Wandel der Jahreszeiten. Vom Panoramafenster aus können die beiden die Wasservögel beobachten, das wechselnde Licht, Sternschnuppen. Eine wichtige Rolle spielen Erinnerungen der Autorin an die Jugend, an ungewöhnliche Begegnungen, an die Ehe mit einem ungenannten Schriftsteller aus der DDR. Gemeint ist damit Wolfgang Hilbig, dem Natascha Wodin nach seinem Tod das Buch «Nachtgeschwister» (2009) widmete, denn mit ihm hatte sie sich angewöhnt, nachts zu schreiben. Noch immer tut sie das, und wenn Friedrich nicht schlafen kann, besucht er sie in ihrem Arbeitszimmer. Er klopft an und sagt: «Im Kreml brennt noch Licht …» – eine Anspielung auf den sowjetischen Mythos der fünfziger Jahre, dass sich Stalin die ganze Nacht um das Wohl seines Volkes kümmere.
Das absurdeste Land der Welt
Die Heimat ihres Vaters lernte Natascha Wodin in den siebziger Jahren kennen. Als Dolmetscherin arbeitete sie in Moskau an einer Messe, in einer der witzigsten Passagen des Buches erzählt sie davon. «Man hatte mir erzählt, die Sowjetunion sei das böseste Land der Welt, man hatte mir erzählt, die Sowjetunion sei das beste Land der Welt, aber nie hatte mir jemand gesagt […], dass es sich wahrscheinlich um das absurdeste Land der Welt handelte.» Alles war neu für sie und vieles unverständlich. Sie kam mit den Gepflogenheiten im riesigen Hotel Rossija nicht zurecht, das Ausländer:innen vorbehalten war. Sie wusste nichts von den üblichen Bestechungsgeldern, sie ahnte nicht, dass ihr perfektes Russisch alle glauben liess, dass sie eine Einheimische sei – und dass sie genau deswegen im Hotel zunächst schlecht behandelt wurde, denn man nahm an, sie sei eine Prostituierte.
Sie vermisse nichts von ihrem früheren Leben, schreibt Natascha Wodin, weder die Kultur der Grossstadt noch die Geselligkeit mit Freunden. «Das alles brauche ich nicht mehr. Ich wohne in meiner Gedankenwelt und will nichts anderes als langsam und beharrlich mein dünnes Wortfädchen spinnen.» Dieser Wortfaden ist jedoch alles andere als dünn. Die Autorin zeigt sich in diesem Alterswerk in voller geistiger Frische, radikal, oft überraschend und literarisch überzeugend.