Wetterleuchten : Von Badewannen und Bildschirmen
Anna Jikhareva und Daria Wild machen sich Gedanken über das Wesen dieser neuen Kolumne.
Es gibt erstaunlich viele Filme, die das Wetterleuchten im Titel tragen: einen russischen aus dem Jahr 1928 etwa, in dem ein Kleinbauer in den letzten Tagen des Zarenreichs zum Leutnant aufsteigt, bis er im Zimmer einer Prinzessin erwischt, daraufhin degradiert und ins Gefängnis geworfen wird (erst die Oktoberrevolution rettet den sozialen Aufsteiger aus seiner Misere); einen französischen von 1942, gedreht im besetzten Nizza, wegen seiner Klassenkritik von der Vichy-Regierung verboten und laut dem Lexikon des internationalen Films eine «drückende und schwüle» Inszenierung, «nicht ohne Peinlichkeiten»; oder gleich zwei deutsche Heimatfilme aus den fünfziger Jahren, einer vom selben Lexikon als «handelsüblicher Bergfilm» beschrieben, «ohne Konturen inszeniert, garniert mit schönen Landschaftsbildern», der andere als «naiv-gefällige Unterhaltung mit einem Übermass an Schicksalsknoten».
Abgesehen vom gemeinsamen Titel haben die Filme wenig mit dieser hoffentlich weder schwülen noch naiv-gefälligen Kolumne zu tun, wobei es darin vielleicht schon mal ums Aufsteigertum, Klassenkritik oder den – inzwischen vor allem gern von rechts verwendeten – Begriff der Heimat gehen wird.
In den kommenden Wochen und Monaten wollen wir uns hier der Politik und dem Politischen in der Gegenwart widmen, mehr wundernd als wissend; schliesslich, so meinen wir, ruft das Leben in der Polykrise nach Orten, an denen Gedanken zur Probe ausgelegt werden können, ruft mal nach lautem Protest, oft aber auch nach leisen Erkundigungen. Dabei wollen wir nicht behaupten, Antworten, Erklärungen und Einordnungen bereit zu haben. Die «Kapitäne in ihrer Badewanne», als die Ulrike Meinhof in ihrer Erstkarriere als Journalistin die Gilde der Kolumnisten bezeichnet hat, haben noch selten einen Dampfer in klarere Gewässer geführt.
Vielmehr wollen wir uns hier Fragen widmen, die uns Woche für Woche begegnen, die Aktualitäten «neben den Ereignissen» betrachten, die das Nachrichtengeschäft antreiben. Zum Beispiel, worin sich die Bestrebung begründet, die Bevölkerung begrenzen, Gesellschaften schliessen zu wollen. Was eine illiberale Demokratie à la Viktor Orbán noch bedeutet, wenn die liberale Demokratie westlicher Prägung immer stärker ins Autoritäre kippt? Oder wie es um eine Bewegung steht, die sich einst den Kampf gegen die Globalisierung auf die Fahne schrieb und im Französischen schon immer den präziseren Namen Altermondialisme trug, die Utopie einer anderen, besseren Welt schon in der Bezeichnung mitdenkend. Fast schon aus der Zeit gefallen wirkt ja ihre derzeitige Mobilisierung gegen den nächsten G7-Gipfel angesichts unterbrochener Lieferketten und trumpscher Zölle.
Vielleicht spüren wir lange köchelnden Ideen nach, etwa der nach einer Verkürzung der Lohnarbeitszeit. Oder stellen Vermutungen an, etwa, dass der Wunsch nach einem Roboterstaubsauger weniger mit Entlastung im Alltag als mit der Arbeitsteilung im «Zu-spät-Kapitalismus» (wie die Theoretikerin Anna Kornbluh unsere Zeit nennt) zu tun hat.
Eher ausgeschlossen, dass wir hier «handelsübliche Bergfilme» besprechen, aber gut möglich, dass wir uns auch mal fragen, ob uns das gegenwärtige Weltgeschehen schon immer wie ein sehr schlechter Film vorkam – oder apokalyptische Fantasien auch nur eine westliche Mittelschichtsperspektive sind.
Wenn Kolumnist:innen nur Kapitäne in ihrer Badewanne sind, dann ist das Wetterleuchten vielleicht auch nur das Blinzeln des von Bildschirmen erschöpften Auges. Aber irgendwie muss man ja durch diese stürmischen Zeiten zu navigieren versuchen, dem hinter Wolken verborgenen und am Horizont dräuenden, donnerlosen Gewitter nachforschen. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalistinnen Anna Jikhareva und Daria Wild abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.