Zum 8. März: Für ein neues «wir»

Nr. 10 –

Warum hilft die Angst der Frauen dem Patriarchat? Warum war #MeToo ein guter Anfang? Warum lässt sich die Manosphere nicht mit moderaten Positionen bekämpfen? Vier Einordnungen.

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Illustration: ein gekrümmter Richter:innenhammer

Recht: «Wir sollten viel mehr fordern»

WOZ: Clara Serra, mit Epstein, Pelicot oder Sean Combs haben wir es derzeit mit Missbrauchsfällen extremen Ausmasses zu tun, Gewalt an Frauen steht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Clara Serra: Es ist richtig, dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Allerdings habe ich den Eindruck, dass aktuell zu viel Vertrauen in die Möglichkeiten des Rechts gelegt wird. Ich bin keine Hardlinerin im Sinne einer streng anarchistischen oder libertären Position, die den Staat ganz abschaffen will, sondern überzeugt, dass es Gesetze braucht, um bestimmte Dinge zu regeln. Natürlich müssen wir vor Gewalt geschützt werden.

Aber diesen Schutz erreichen wir nicht nur durch das Rechtssystem, sondern vor allem auch durch Präventionsmassnahmen, Aufklärung oder feministische Bildungsarbeit. Der Schutz vor Gewalt ist dabei das absolute Minimum. Wirkliche Freiheit würde viel mehr bedeuten, entsprechend sollten wir auch viel mehr fordern. Denn die Ungleichheit greift tief: Die Gesellschaft radikal zu verändern, ist keine juristische Angelegenheit, sondern eine politische und gesellschaftliche. Denken wir an die radikale feministische Bewegung der sechziger und siebziger Jahre: Für sie wäre dieses Vertrauen in das staatliche Rechtssystem etwas sehr Seltsames gewesen.

Können Sie ein Beispiel geben, warum diese Fokussierung auf die Justiz problematisch sein kann?

In Spanien, aber auch weltweit wurde der Fall Luis Rubiales breit diskutiert: An der Pokalfeier der Fussball-WM der Frauen 2023 küsste der Präsident des spanischen Fussballverbands die Spielerin Jenni Hermoso ohne deren Einverständnis auf den Mund – ein krasser Machtmissbrauch eines Mannes gegenüber einer Frau, der ihr mit dieser Geste zeigt, wo er ihren Platz sieht*: Auch wenn du gerade die Fussball-WM gewonnen hast, kann ich immer noch mit dir machen, was ich will, selbst vor laufender Kamera und den Augen der Welt. Über diesen Machtmissbrauch müssen wir sprechen. Der strafrechtliche Aspekt der Geschichte ist nur ein kleiner und im Übrigen auch nicht besonders interessant: Das Recht hat gegriffen, Rubiales musste sein Amt niederlegen, inzwischen hat man ihm eine Busse aufgebrummt. Ich denke, da haben wir eine Chance verpasst, anders über solche Mechanismen zu sprechen, weil Rubiales am Schluss für viele wie ein Opfer einer Übertreibung dastand: Der Aufschrei stand in einem Unverhältnis zur Tat, wenn man sie rein juristisch und nicht in ihrer gesamten gesellschaftlichen und politischen Tragweite betrachtet.

Woher kommt es, dass unsere Forderungen oft nicht darüber hinausreichen?

Ich denke, das hat etwas mit einem generellen Misstrauen in unsere Möglichkeiten zu tun: Unser Horizont, was wir als veränderbar ansehen, hat sich stark verengt, das geht nicht nur der feministischen Bewegung so. Deshalb wird nun das Recht ins Zentrum gerückt als eine Art letzte Bastion, von der aus wir hoffen, noch etwas bewirken können. Das hat auch etwas mit dem neoliberalen System zu tun, in dem wir leben.

Wie meinen Sie das?

Die liberale Konzeption der individuellen Freiheit ist eine negative, also im Sinne von: Die anderen stören mich nicht, sie beklauen mich nicht, sie tun mir keine Gewalt an. Mit dieser Auffassung ist der andere immer eine potenzielle Gefahr für meine eigene Freiheit – und das Recht das Instrument, um diese Form der Freiheit zu gewährleisten und zu schützen. Umgekehrt führt das zu der Verkürzung, dass ein Mensch, dem keine Gewalt angetan wird, ein freier Mensch sei. Aber wie gesagt, das ist doch das absolute Minimum: Klar will ich nicht vergewaltigt werden, soll niemand vergewaltigt werden. Aber nur, weil das erfüllt ist, sind wir noch lange nicht frei. Das Problem ist, dass die Diskussionen rund um Gewalt an Frauen den Rechten gar nicht ungelegen kommen, weil sie für ihre Positionen so anschlussfähig sind. Sie können ihren Sicherheitsdiskurs fahren, migrantische Männer als Täter und Frauen, besonders weisse und einheimische, als Opfer brandmarken – und sich selbst als Beschützer:innen darstellen. Für den Erhalt der patriarchalen Strukturen ist es nützlich, wenn Frauen Angst haben. Und ein reiner Sicherheitsdiskurs verstärkt diese eher, als dass er sie abschwächt.

In Ihrem Buch «El sentido de consentir» (Die Bedeutung von Zustimmung) schreiben Sie vom neoliberalen Bestreben, die Gesellschaft vor allem vertraglich regeln zu wollen. Was ist daran das Problem?

Mich beschäftigt die Lust, alles klar voraussehbar haben zu wollen. Das ist die neoliberale Fantasie: Alles ist durch Verträge geregelt, jede Möglichkeit des menschlichen Zusammentreffens im besten Fall voraussehbar. Die neoliberale Gesellschaft fördert immer die Vereinzelung, sie zerstört Beziehungen. Diese Vereinzelung sehen wir zum Beispiel auch darin, dass manche Leute eher die Polizei anrufen, wenn der Nachbar in der Nacht laut Musik hört, als mit ihm zu sprechen. Heute ist unser Vertrauen in die Justiz grösser als jenes in unsere Mitmenschen. Das ist ein riesiges Problem. Solchen Entwicklungen müssen wir gerade als Feministinnen entgegentreten.

Was könnten Strategien sein, um den Diskurs in eine andere Richtung zu lenken?

Es gibt keine Gesellschaft ohne Konflikt, derzeit aber ein grosses Bedürfnis danach, Konflikte möglichst zu tilgen. Das finde ich beängstigend. Wir müssen lernen zu differenzieren: Nicht jeder Konflikt bedeutet Gewalt, und auch nicht alles, was mir Angst macht, ist Gewalt. Und wenn wir mit Gewalt konfrontiert sind, muss es auch nicht immer der Staat sein, der eingreift. Es gibt viele andere, aussergerichtliche Formen von Konfliktführung, die wir aber innerhalb unserer Gemeinschaften üben müssen. Ich glaube daran, dass Betroffene über die Gewalt, die ihnen angetan wurde, hinwegkommen können, und ich glaube ebenso, dass Täter:innen sich ändern können. Es ist immer schwieriger, mit den Leuten zu reden, mit denen ich ein Problem habe, als einfach die Polizei zu rufen. Aber als Feminist:innen müssen wir die Lust auf das andere verteidigen: Konkret bedeutet das, auch mit Leuten zu tun zu haben, die nicht so sind wie man selbst.

Interview: Alice Galizia

Clara Serra ist Philosophin und sass von 2015 bis 2019 für Podemos im spanischen Parlament. Zuletzt ist von ihr der Essay «El sentido de consentir» (bisher nur auf Spanisch und Französisch) erschienen, in dem sie sich mit der Frage des Konsenses und seinen Ambiguitäten in (sexuellen) Beziehungen auseinandersetzt.

* Korrigenda vom 16. März 2026: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion stand fälschlicherweise, Rubiales sei Trainer der Spanierinnen gewesen. Tatsächlich war er Präsident des spanischen Fussballverbands.

Illustration: ein Spiegel mit Gesichtern

Theorie: Ist das Private noch politisch?

Leidet der Feminismus an einem Überhang an Ich-Texten? 2021 hat die US-Theoretikerin Anna Kornbluh im renommierten Journal «Diacritics» eine aufschlussreiche kleine Gegenwartsanalyse veröffentlicht, die diesen Verdacht ausführt. Kornbluh kritisiert darin Tendenzen in der jüngeren feministischen Theorie: Diese konzentriere sich heute primär auf persönliche Geschichten und bringe so das hervor, was Kornbluh – analog zur Autofiktion – «Autotheorie» nennt. Eng gekoppelt an diesen Ich-Trend, gebe es eine spürbare Scheu davor, «für andere» zu sprechen; oder noch grundsätzlicher: das Pronomen «wir» in den Mund zu nehmen. Für das oft sehr intime «lifewriting», das universalistischen Perspektiven den Rücken kehrt, stehen bekannte Namen wie Roxane Gay, Maggie Nelson, Rebecca Solnit.

Das sind alles Bestsellerautorinnen. Der Hang zur Personalisierung, zur «sakralisierten Partikularisierung» reimt sich perfekt auf eine Markt- und Wettbewerbslogik, wie Kornbluh in einer prägnanten Volte ergänzt. In diesen privatisierten Autotheorien spiegelt sich zudem eine seit den Siebzigern anhaltende makroökonomische Entwicklung: die Privatisierung der Wirtschaft, die Kommodifizierung der Ichs.

Etwas Gemeinsames finden

Wir haben bei Kornbluh nachgefragt: Den grossen alten Slogan, das Private sei politisch, der den Feminismus seit Jahrzehnten entscheidend prägt, sieht sie den heute auch kritisch? Es komme auf die Interpretation an, antwortet sie. In den siebziger und achtziger Jahren sei eine solche Korrektur sicher notwendig gewesen. Und selbstverständlich schlage sich «das Walten der Politik stets im Leben der Einzelnen nieder». Ein Problem ortet Kornbluh aber in der «Überkorrektur», die «das Weibliche» schlichtweg zur «Ausnahme der phallischen Vernunft und des Positivismus» stilisiere.

Kritisch sieht sie auch die heutige Verengung des alten Slogans in der Vorstellung, es sei automatisch ein politischer Akt, wenn ein Individuum seine «unvergleichliche Einzigartigkeit» behauptet. Kornbluh hält dagegen: Politik sei schliesslich per Definition eine kollektive Angelegenheit. Es müsse stets darum gehen «herauszufinden, wie wir uns unsere kollektiven Interessen vorstellen, wie wir unsere Leben gemeinschaftlich leben, wie wir gemeinsam Souveränität ausüben können». Und all das benötige «ein Denken in einer Sprache, die über das Persönliche hinausgeht». Oder noch knapper: «‹Wir› bedeutet stets mehr als ‹ich›.»

Aber was, wenn sich jemand von einem solchen «wir» schlicht nicht repräsentiert fühlt? Auch hier helfe eine Justierung der Perspektive, so Kornbluh: Anstatt das «wir» mit dem Satz «Du sollst nicht für mich sprechen» zurückzuweisen, solle man besser fragen: «Wie finden wir etwas Gemeinsames – und auch: Welchen Namen geben wir ihm?»

Ernsthafte Alternativen

Warum ist das alles auch in einem grösseren Zusammenhang als der feministischen Theoriebildung relevant? Der «Zu-spät-Kapitalismus», wie Kornbluh unsere Zeit ironisch nennt, habe ganz eindeutig totalisierende Tendenzen. Auch die umfassende Zerstörung der Umwelt bedrohe das Leben auf dem Planeten existenziell, obgleich die Auswirkungen nicht für alle gleich spürbar seien. Solchen übermächtigen destruktiven Kräften könne man keine ernsthaften Alternativen entgegensetzen, indem man «das Partikulare und das Einzelne fetischisiert».

Vielmehr brauche es: einen befreienden Sprung in die Abstraktion, in ein systematisches und kollektiv angelegtes Denken. Eine Rückkehr zu einer universalistischen Weltsicht und einer Politik, die sich ausserhalb einer reinen Marktlogik zum Wohl aller Menschen einsetzt. Gemeinsamkeiten betonen statt das Trennende.

Anna Kornbluh ist Professorin für Englisch an der Universität von Illinois in Chicago. Ihr Buch «Immediacy or, The Style of Too Late Capitalism» erschien 2024 bei Verso und hat sie in die oberste Liga der zeitgenössischen Theorie katapultiert. Leider gibt es noch immer keine deutsche Übersetzung.

Illustration: Hände welche ein #MeToo-Plakat halten

#MeToo: «Die Achillesferse des Patriarchats»

WOZ: Monika Dommann, vor bald zehn Jahren wurde der Hashtag #MeToo im Zuge des Weinstein-Skandals populär. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie daran zurückdenken?

Monika Dommann: Harvey Weinstein hatte als Produzent von Filmen wie «Pulp Fiction» unmittelbar mit meiner Welt zu tun, das fand ich bemerkenswert. Dann fiel mir ein, dass es mit Dominique Strauss-Kahn einen Vorläufer gegeben hatte: Strauss-Kahn, IWF-Direktor, französischer Präsidentschaftskandidat, wurde mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert, die seine Karriere beendeten. Das war 2011. In dieser Zeit traf ich die feministische Historikerin Barbara Duden, sie sagte: Hier wird gerade das Patriarchat an seiner Achillesferse getroffen. Sie sah richtig, dass es um etwas Grösseres geht als um eine individuelle Angelegenheit: um die strukturelle Tragweite, um das Patriarchat. Daran erinnerte ich mich wieder, als ich die ersten Berichte zu Weinstein las.

Eine Kritik an #MeToo lautet, dass damit nur ein Hunger nach Missbrauchsgeschichten befriedigt worden sei. Wie schätzen Sie das ein?

Für Medien ist es natürlich attraktiv, wenn es um Sex und Macht, um berühmte Männer, um Täter versus Opfer geht. Es muss dann alles an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Doch damit wird ein strukturelles Problem bloss individualisiert. Sexueller Missbrauch ist eine krasse Form von Machtmissbrauch, und das Interessante an #MeToo war, dass hier die Frage nach Machtasymmetrien gestellt wurde – und zwar für alle möglichen Institutionen und Organisationen, in denen Menschen zusammenarbeiten. Ich glaube, oder ich hoffe: Dahinter können wir nicht zurück. Das ist das Positive.

Und das Negative?

Wir sehen, dass es viele Schwierigkeiten gibt, mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs umzugehen: Delikte sind zu Recht irgendwann verjährt. Neben der juristischen Aufarbeitung braucht es Forschung, Gespräche, Diskussionen, bei denen es nicht um einzelne Taten geht, sondern um die Strukturen, die diese Taten begünstigen. Und da sind alle gefragt. Letztes Jahr gab es eine Ringvorlesung zu #MeToo an der Universität Zürich. Viele junge Frauen hatten eine sehr individualisierte Perspektive auf das Thema, sprachen darüber, was ihnen persönlich passiert ist. Ich verstehe das. Es kann der Anfangspunkt einer Debatte sein, das Private ist ja politisch. Aber danach muss die Diskussion weitergehen.

Wie haben Sie die Reaktionen auf #MeToo in Ihrem Umfeld erlebt?

In linken, machtkritischen Milieus ist die Haltung verbreitet, dass «uns» das nicht passieren kann. Aber Macht ist überall, Machtmissbrauch betrifft auch unser Milieu. An den Universitäten beginnt die Auseinandersetzung dazu erst langsam, am Deutschen Historikertag 2023 gab es etwa eine Diskussionsveranstaltung zu «#MeTooHistory». An der Humboldt-Universität wurde letztes Jahr ein Geschichtsdozent wegen Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt. Da gab es dann einerseits Männer, die sich distanzierten, und ein mittlerweile emeritierter Professor sagte etwa, er sei Teil des Problems gewesen, weil er jahrelang weggeschaut habe. Es gab aber auch Leute, die fanden, das gehe doch nicht, dass der freigestellt werde, es gelte doch die Unschuldsvermutung.

Sie sind Ko-Autorin einer laufenden Studie zur Geschichte sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Was haben Sie gelernt über Strukturen, die Missbrauch begünstigen?

Erstens – das ist wieder wichtig für #MeToo – sehen wir, dass sich viele Betroffene sehr spät melden, oft erst Jahrzehnte nach der Tat. Das hat mit Verdrängung zu tun, damit, dass man erst Mut fassen muss. Oft fangen die Leute dann an zu reden, wenn eine bestimmte Institution in den Fokus gerät, wie etwa das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf letztes Jahr. Uns interessierte vor allem die strukturelle Verantwortung: In der Kirche geht es viel um Charisma, früher hatte ein Pfarrer eine sehr geschlossene Gesellschaft vor sich. Organisationen, die so gebaut sind, dass gewisse Personen sehr viel Macht auf sich vereinen, und bei denen es kein Korrektiv gibt, kein Aussen, nichts, was diese Macht infrage stellt – die sind sehr anfällig für Machtmissbrauch. Was wir auch nicht vergessen dürfen: Die Betroffenen in unserer Untersuchung sind mehrheitlich Männer. Für sie ist es in einer patriarchalen Gesellschaft noch viel schwieriger, sich als Betroffene zu äussern.

Wie ist solchen Strukturen beizukommen?

Ich bin ein Kind der achtziger Jahre, auch des Anarchismus. Wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir Teil machtvoller Strukturen sind, wie wir sie infrage stellen können. Solange Macht nicht in die Schranken gewiesen wird, wird es Machtmissbrauch geben.

Interview: Daria Wild

Monika Dommann ist Historikerin und Professorin an der Universität Zürich.

Illustration: ein Smartphone mit dem Gesicht eines Mannes

Manosphere: Die angebliche Männlichkeitskrise

Ist die Manosphere ein Nischenphänomen? Das mag auf den ersten Blick so wirken: toxische und potenziell gewalttätige Männer in Chatrooms, Foren und zunehmend auch auf Social Media, die in wirren, misogynen Theorien langsam abdriften. Eine Weile lang waren vor allem Incels medial präsent, heute ist vermehrt wieder – beschönigend – von Pick-up-Artists die Rede; weitere Untergruppen sind «Redpillers» oder «Men going their own way (MGTOW)». «Sie alle eint ein misogynes, antifeministisches Weltbild, in dem gesellschaftliche Phänomene über eine Geschlechterperspektive interpretiert werden – wobei Männer immer als Opfer gesehen werden», sagt die Politikwissenschaftlerin Ann-Kathrin Rothermel, die zu Onlineradikalisierung und antifeministischen Netzwerken forscht. «Für alles, was im eigenen Leben und auf der Welt schiefläuft, werden Frauen, konkreter der Feminismus oder auch ‹Wokeism›, verantwortlich gemacht.»

Schaue man sich die Sache aus einer feministischen Perspektive an, so Rothermel, sei offensichtlich, dass es sich dabei nicht um neue Theorien handle, sondern um in der ganzen Gesellschaft weitverbreitete patriarchale Glaubenssätze: «Essenzialismen zum Beispiel, also ‹Männer sind so, Frauen so›, oder die grundsätzliche Haltung, es gebe eine Geschlechterhierarchie, in der Männer Frauen überlegen seien.»

Bequemes Outsourcing

Die Diskurse über die Manosphere seien eng verwandt mit jenen über Jeffrey Epstein oder den Fall Pelicot: Die Rede von krassen Ausnahmefällen verwische, wie tief sie in der Mehrheitsgesellschaft verankert seien. «Outsourcing», nennt Rothermel das, wenn das gesellschaftliche Problem so an marginalisierte Gruppen ausgelagert werde: an Jugendliche, an Gewaltbereite, an Menschen mit kleinem Einkommen oder geringer Bildung. «Wenn das System, in dem wir leben, gewaltvolle Dynamiken hervorbringt, können wir unterschiedlich darauf reagieren: Wir können es als Ganzes hinterfragen und schauen, was daran inhärent gewaltanfällig sein könnte – zum Beispiel eben die Vorstellung einer Geschlechterhierarchie. Oder aber wir isolieren die Gewalt als Problem einer spezifischen Gruppe, mit der wir nichts zu tun haben. Kurzfristig ist das natürlich immer einfacher.»

Das sei auch der Grund, wieso in aktuellen Diskussionen oft Jugendliche im Zentrum stünden, die durch Tiktok-Videos in die Fänge der Manosphere geraten könnten: «Sie werden als naiv und leicht beeinflussbar dargestellt, während man selbst mit der Sache nichts zu tun haben muss.»

Wie gross die Manosphere tatsächlich ist, sei wie bei allen Internetphänomenen schwierig zu bestimmen, sagt Rothermel. «Klar ist, dass sie heute viel stärker im Mainstream angekommen ist als noch vor zehn Jahren.» Das habe auch damit zu tun, dass etablierte rechte Parteien Memes, Symboliken und Redetaktiken aus der Manosphere übernähmen und sie so in einen breiteren öffentlichen Diskurs trügen. «Im mittigen demokratischen Mainstream ist man zunehmend verunsichert, im Sinne von: Wenn es immer mehr werden, müsste man dann die Sorgen dieser Leute nicht ernst nehmen? Haben sie vielleicht sogar recht?» Dabei könne man die Leute und ihre Sorgen auch ernst nehmen, ohne deren Interpretationen zu übernehmen. Andere Erklärungen würden heute wenig gehört. Statt etwa über sozioökonomische Ursachen oder grundsätzliche Vereinzelungstendenzen diskutiere man über eine angebliche Männlichkeitskrise oder eine «male loneliness epidemic».

Ein logischer Standpunkt

Was gerade passiere, sei ein ähnlicher Vorgang wie die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus: Manosphere und feministische Bewegung werden als sich spiegelnde Extreme dargestellt, zwischen denen die vernünftige Mehrheitsgesellschaft steht. Aber diese sei eben nicht neutral, sondern nach wie vor stark patriarchal geprägt. Rothermel warnt davor, diesem Narrativ und damit dem Impuls, möglichst moderat zu wirken, nachzugeben: «Der feministische wird wie der gesamte linke Handlungsraum eingeengt, wenn wir dauernd versuchen zu beweisen, dass wir nicht radikal sind.»

Die verwässerten Positionen würden bloss wiederum als radikal hingestellt, der Diskurs so immer weiter nach rechts verschoben. «Wir müssen heute die Räume verteidigen, die es schon gibt. Das sind absolute Basics, aber es ist wichtig, darauf zu bestehen: Feminismus ist ein Standpunkt, der sich logisch erklären lässt, der viele durchdachte Theorien mit sich bringt. Er ist nicht inhärent gewaltvoll, weshalb er auch essenziell anders als gewalttätige Theorien und Ideen ist.» Rothermel sagt, sie stelle sich deshalb auch explizit als feministische Wissenschaftlerin vor. «Wir dürfen nicht darauf reinfallen, das verstecken zu wollen.»  

Ann-Kathrin Rothermel forscht am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung in Bern und am US-amerikanischen Institute for Research on Male Supremacism zur Verbindung von Gender und politischer Gewalt.