Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Lichter aus im Alpenstaat

Der unperfekte Sturm: Im Wettbewerb von Locarno beschwört der Kollektivfilm «Heimatland» das Ende der Schweiz herauf. Im Einzelnen disparat, im Ganzen bestechend.

Von Florian KellerMail an Autor:in, Locarno

Party zum Untergang der Schweiz in «Heimatland»: Antwort auf die individualistische Erlösungsdramaturgie von Katastrophenfilmen wie «Independence Day». Still: Contrast Film

Es gibt kein Entrinnen vor ihnen. Wie Aussätzige sehen sie aus, gelb im Gesicht, die Haut gesprenkelt von einem bösen Ausschlag. Aber keine Sorge, diese Epidemie ist gutartig, es ist wohl nur eine heftige Form von Festivalfieber, was sich da an jeder Ecke in Locarno zeigt: Männer und Frauen, die fürs offizielle Plakat des Filmfestivals grafisch leopardisiert wurden. Dass das im Ergebnis mehr nach einer allergischen Reaktion aussieht als nach animalischer Cinephilie: geschenkt. Die Assoziation mit dem Anderen infiziert uns dennoch tagtäglich mit diesem Refrain: Das Tier sind wir.

Das gehört ja zum Anspruch eines jeden Filmfestivals, das künstlerisch etwas auf sich hält, dass es das Fremde im Eigenen spiegelt und umgekehrt. Und der Spielfilm, der das dieser Tage gleich unter Aufbietung ungeheurer meteorologischer Kräfte wagt, führt die Schweiz als Urgrund und Schimpfwort im Titel: «Heimatland» heisst er, es ist der einzige Schweizer Film im internationalen Wettbewerb von Locarno, und er ist, von seiner ganzen Anlage her, ein grandioses Unding und ein Zeugnis kollektiver Verwegenheit. Also in allem so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sonst mit dem hiesigen Kino verbindet oder überhaupt mit der Schweiz.

Das Loch im Gebirge

Acht Regisseure und zwei Regisseurinnen, alle mit Jahrgang zwischen 1976 und 1985, haben sich hier im Zeichen eines klimatischen Störfalls verbündet, um ein Schlaglicht auf die politische Gegenwart in der Schweiz zu werfen. Schon auf dem Plakat ist das Schweizerkreuz aus dem Lot, im Film gerät dann das ganze Land aus den Fugen. Das beginnt mit einem dräuenden Loch im Gebirge, wo ein gespenstischer Dunst aus dem Fels entweicht. Bald ballt sich daraus eine gigantische Gewitterwolke von der Fläche der ganzen Schweiz zusammen, so mächtig wie das ausserirdische Raumschiff aus «Independence Day». Wie ein Schatten des Unheils hängt sie über dem Kleinstaat, dem nun alle Sicherheiten wegbrechen. Im Stadion gehen die Lichter aus, am Flughafen werden alle Flüge annulliert, aber die Behörden schalten schnell: Sie haben prompt eine Website zum biblischen Unwetter eingerichtet.

Die mysteriöse Wolke fungiert dann als Katalysator für eine ganze Reihe von kleinen Geschichten, die sich angesichts des drohenden Notstands entzünden. Da ist der Taxifahrer namens Goran, der einen zynischen Freier über die Grenze in Sicherheit bringen soll. Da sind die Buben vom Land, die sich von einem rechtsnationalen Hassprediger für eine Bürgerwehr mobilisieren lassen. Da ist der Filialleiter, der versucht, seinen Supermarkt halbwegs geordnet zu schliessen, und dabei seine Menschlichkeit opfert. Oder da ist, in der eindringlichsten Episode, die Polizistin, die von der Stimme eines Nigerianers heimgesucht wird, den sie im Einsatz vermutlich erschossen hat.

Die Figuren der einzelnen Stränge kreuzen sich nie unter der Wolke, die sie eint. So zerfasert denn auch vieles in diesem Film: Manche Episoden entwickeln eine stille Wucht inmitten dieses Patchworks, andere versanden oder werden wie unfertig liegengelassen. Und wenn dieses «Heimatland» zwischendurch auch etwas zäh wirkt, denkt man sich: Die Schweiz bleibt halt auch im Ausnahmezustand, was sie ist: ein bisschen langweilig.

Der Mahner am Bildschirm

Wenn der Film dennoch mehr als die Summe seiner einzelnen Teile ist, dann verdankt er das seiner in jeder Hinsicht bestechenden Rahmenhandlung. Die Bewirtschaftung der Angst ist ja eigentlich das Kerngeschäft der Rechten. «Heimatland» entreisst ihnen das Phantasma von der bedrohten Schweiz, um diese ideologische Mär gegen sich selbst zu wenden, das heisst gegen ihre Urheber. Die imaginäre Drohkulisse kommt hier nicht von aussen, aus der Fremde, sondern sie bildet sich in den Alpen, im mythologischen Herzen der Schweiz. Es ist wirklich ein verflucht guter Einfall und im Film auch schaurig-schön umgesetzt: Diese Wolke der Angst besteht aus Alpenluft. Sie ist hausgemacht, und im Rahmen dieser spekulativen Fiktion ist es dann auch nur konsequent, dass die Wolke an den Landesgrenzen haltmacht.

Was die Wolke zu bedeuten hat, das kann natürlich niemand besser erklären als Jean Ziegler, der in einem Gastauftritt auf einem TV-Bildschirm auftaucht und dem Volk ins Gewissen redet. Wie der Prediger, der er ist, spricht er am Fernsehen von der «Wolke der Scham» und erklärt das biblische Unwetter zur Strafe für die Verbrechen der Schweiz. Es ist der Moment, wo Ironie und Wahrheit in diesem Film deckungsgleich werden: Der grosse Mahner parodiert sich hier selbst, indem er die Riesenwolke theologisch überhöht, aber was er sagt, bleibt richtig.

«Abriegeln!», titelte im April die «Weltwoche» unter einem prächtigen Alpenbild samt Grenzwächter. «Heimatland» zeigt, was passiert, wenn dieser Befehl beim Wort genommen wird. Der Film denkt die Abschottungsdoktrin der rechtsnationalen Kräfte konsequent zu Ende, aber unter umgekehrten Vorzeichen: Plötzlich sind wir die Flüchtlinge. Und da stehen wir dann auf der Brücke in Diepoldsau, wo Markus Imhoof einst schon «Das Boot ist voll» gedreht hat, aber der Migrationsverkehr wird jetzt in die andere Richtung geblockt. Und wir sehen, wie zufällig die Gnade des richtigen Passes ist.

Gar nicht dystopisch

Hier wird dann auch klar, warum sich etwa Regisseur Benny Jaberg im Zusammenhang mit «Heimatland» gegen den Begriff der Dystopie wehrt: Da sei nichts Dystopisches an dem Film, sagt er. Die Schliessung von Grenzen sei schliesslich tagtägliche Realität, an den Rändern der Schweiz oder der Festung Europa. «Wir wollten niemanden verurteilen», sagt Regisseur Jan Gassmann auf die Frage, warum der Film dann nicht kritischer, wütender, politisch expliziter geworden sei. «Wir wollen nicht die Ankläger sein, wir sehen uns als Teil des Problems.» Denken wir daran, wenn mal wieder jemand im digitalen Rauschen der Meinungen die starken Intellektuellen von einst vermisst. Das ist auch wieder nur eine rückwärtsgewandte Sehnsucht nach der Autorität einer einzelnen Stimme. Steckt in dem kollektiven Stimmengewirr von «Heimatland» nicht mehr utopisches Potenzial?

Und das ist dann doch wieder sehr schweizerisch an diesem Film: Als Gemeinschaftswerk liefert «Heimatland» letztlich auch eine breit abgestützte Antwort auf die erbarmungslos individualistische Erlösungsdramaturgie von Katastrophenfilmen wie «Independence Day». Hollywood ist weit weg hier, den messianischen Helden, der die Katastrophe in extremis abwendet und alles wieder ins Lot bringt, sucht man in «Heimatland» vergebens: «Unsere Probleme lassen sich nicht durch eine einzelne Person lösen», sagt Regisseurin Carmen Jaquier. «Dazu braucht es das Kollektiv.»

Wie sehr sie diesen Grundgedanken von «Heimatland» selbst ernst nehmen, zeigt sich auch jetzt, wo die Arbeit am Film beendet ist. Die zehn RegisseurInnen haben zwar Namen, hier sind sie: Lisa Blatter, Gregor Frei, Jan Gassmann, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Michael Krummenacher, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp und Mike Scheiwiller (migrantische Schweiz, wo bist du?). Aber wer von ihnen welche Episode gedreht hat, soll geheim bleiben: So, wie die einzelnen künstlerischen Egos vor allem bei der schmerzhaften Arbeit am Schnitt zurückgestellt werden mussten, soll auch jetzt das kollektive Ganze über den Einzelinteressen stehen.

Wie lebendig begraben

Und auch wenn im Einzelnen nicht alles gleichermassen überzeugt, fügt sich dieses «Heimatland» doch zu einer Vision der Schweiz, wie es das so noch nie im Kino gegeben hat: so ambitioniert, so disparat, so tollkühn in seiner gemeinschaftlichen Anlage. Hier meldet sich eine junge Generation des Schweizer Kinos, die den rechtsnationalen Herrschaftsdiskurs der Angst kontert, indem sie mit diesem Film ihre eigene Angst als politische Kraft geltend macht. Es ist eine Generation, die in der Gated Community der Eidgenossenschaft aufgewachsen ist und die sich gerade nicht davor fürchtet, dass die Zäune am Eingang wegbrechen könnten, sondern im Gegenteil: dass diese Insel des Wohlstands gerade mal wieder dabei ist, sich geistig einzubunkern.

Das ist dann, als politische Parabel, nicht weniger plakativ als die Propaganda der nationalistischen Rechten. Aber hey, es sieht viel besser aus. Und mit dem Schlussbild von «Heimatland» sind wir zurück in den Bergen, am Fuss einer Staumauer, die scheinbar ohne Ende in den Himmel ragt. Es fühlt sich an wie lebendig begraben. Willkommen im Réduit. Willkommen daheim.

«Heimatland» kommt am 12. November 2015 in die Schweizer Kinos.

Weiterer Artikel zum Thema: Gespräch mit Michael Krummenacher, künstlerischer Koleiter beim Film «Heimatland».

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