Durch den Monat mit Molly Crabapple (Teil 1): Wie lebt es sich in Mamdanis New York?
Wenn Molly Crabapple nicht gerade zeichnet, liest oder schreibt, ist sie politisch aktiv – in der gleichen Organisation wie der neue New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani.
WOZ: Molly Crabapple, seit knapp zwei Monaten hat New York mit Zohran Mamdani einen linken Bürgermeister. Spürt man schon Unterschiede?
Molly Crabapple: Zohran Mamdani ist auf jeden Fall der erste Bürgermeister in meinem Leben, der so richtig mit den Menschen kommuniziert. Er erklärt die sozialen Dienste der Stadt, macht Regierungsgebäude für die Öffentlichkeit zugänglich. Im direkten Kontakt mit den Bürger:innen ist er brillant.
WOZ: Rund um die Wahl im November herrschte grosse Euphorie. Ist davon noch etwas übrig?
Molly Crabapple: Die Leute fluchen derzeit vor allem darüber, dass die Stadt voller Schneeberge ist. Wir haben den kältesten Winter seit Ewigkeiten. Aber dafür kann Zohran ja nichts. Was seine politische Agenda betrifft, habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen geduldig sind.
WOZ: Einen Erfolg konnte er schon vermelden: In New York sollen alle Kinder Anspruch auf kostenlose Betreuung haben. Wie sieht es mit anderen Wahlkampfversprechen aus?
Molly Crabapple: Viele Befugnisse liegen leider nicht bei der Stadt, sondern beim Bundesstaat New York. Kostenlosen Busverkehr etwa kann der Bürgermeister nicht einfach alleine einführen. Wir stehen vor der harten Herausforderung, die Gouverneurin Kathy Hochul dazu zu bringen, die Steuern für Reiche zu erhöhen, denn nur so lassen sich die Versprechen erfüllen.
WOZ: Sie kennen Zohran Mamdani seit vielen Jahren. Wie kam der Kontakt zustande?
Molly Crabapple: Ich bin wie er Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA). Und wenn sich DSA-Mitglieder für politische Ämter bewerben, versuche ich in der Regel zu helfen. Als Zohran 2020 für das Parlament des Bundesstaats New York kandidierte, habe ich die Kunst für die Sticker gemacht, die das Wahlkampfteam verteilt hat. So haben wir uns kennengelernt.
WOZ: Hat er Sie als Politiker direkt überzeugt?
Molly Crabapple: Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich dachte: Dieser Mann ist ein Ausnahmetalent. Das war 2021, als die New Yorker Taxifahrer:innen gegen die irrsinnig teuren Fahrlizenzen protestierten, für die sich die meisten hoch verschulden mussten. Zohran schloss sich dem Protestcamp vor dem Rathaus an und trat mit den Fahrer:innen in einen zweiwöchigen Hungerstreik. Er sprach mit einer Leidenschaft und Wut, die ich sehr selten in der Politik erlebe. Dass die Taxifahrer:innen am Ende einen Schuldenerlass erreichten, ist auch zu grossen Teilen ihm zu verdanken.
WOZ: Sie sind seit Jahren politisch aktiv, waren 2011 Teil von Occupy Wall Street und haben einige Wahlkämpfe unterstützt. Wie hat sich die New Yorker Linke über die Zeit verändert?
Molly Crabapple: Als ich vor acht Jahren den DSA beitrat, hatten wir nicht einmal Transparente und Schilder, ich habe meine Bettlaken und Pappkartons bemalt. Es gab in der Organisation Diskussionen, ob man sich überhaupt in die parlamentarische Politik einmischen sollte. 2019 zog dann mit Julia Salazar eine erste Sozialistin in den Senat von New York ein. Sie brachte gleich ein neues Gesetz auf den Weg, das Mieter:innen vor der Verdrängung schützt. Im Lauf der Jahre kamen weitere sozialistische Abgeordnete dazu. Wir haben mit viel Disziplin eine politische Maschine aufgebaut.
WOZ: Sie betonen den Begriff «Disziplin».
Molly Crabapple: Disziplin ist alles. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass es für die Linke selbstmörderisch ist, nicht zu versuchen, in Regierungsverantwortung zu kommen. Ohne Macht werden wir überrollt. Und um an die Macht zu gelangen, braucht es Strategien.
WOZ: Mamdani ist nun an der Macht, er hat die Verantwortung für verschiedene Bevölkerungsgruppen und muss konträre Interessen irgendwie zusammenbringen. Kann er das?
Molly Crabapple: Ich habe im Wahlkampf erlebt, mit welchem Selbstbewusstsein er in verschiedenen Räumen navigiert, sei es im Gespräch mit trans Frauen oder mit konservativen bangladeschischen Männern. Eine seiner Stärken ist, dass er mit allen sprechen kann, ohne sich zu verbiegen oder anzubiedern.
WOZ: Bereiten Sie sich auch auf Enttäuschung vor?
Molly Crabapple: Zohran hat bereits Dinge getan, die ich für falsch halte: etwa gedroht, die Grundsteuer für Hausbesitzer zu erhöhen, sollte es keine neue Reichensteuer geben. In Crown Heights und anderen Stadtteilen, in denen es viele Schwarze Hausbesitzer:innen gibt, hat das sofort für negative Reaktionen gesorgt.
WOZ: Sie verdienen Ihr Geld vor allem mit Kunst. Was erhoffen Sie sich von Mamdani für die Kulturszene?
Molly Crabapple: Das grösste Problem ist, dass sich Künstler:innen New York nicht mehr leisten können. Insofern wäre eine Mietpreisbremse, wie er sie vorhat, schon sehr hilfreich. Gut wäre, wenn auch die Gewerbemieten stabilisiert würden. Sonst gehen nämlich immer mehr Kunsträume verloren. Mir macht es Hoffnung, dass Zohran aus der Welt der Künste kommt. Seine Mutter ist eine berühmte Regisseurin, seine Frau eine wunderbare Illustratorin, er selbst ist auch Musiker. Im Wahlkampf hat er immer wieder Kunstschaffende engagiert. Das zeigt, dass ihm das Thema am Herzen liegt.
Molly Crabapple (42) ist Künstlerin, Autorin, Aktivistin und vor allem stolze New Yorkerin. Nächste Woche spricht sie über ihren Drang zum Zeichnen, ihren Schmerz beim Schreiben und die Unfähigkeit, zu chillen.