Licht im Tunnel: Gleicher, schneller, voller
Michelle Steinbeck über die Freude der Volkswirtschaft
Letzte Woche waren wir zum ersten Mal seit der Geburt am Flohmarkt. Es war kalt und feucht und ein Erfolg für die ganze Familie: Es gab ein Paar königsblaue handgestrickte Socken für den Vater, ein gutes Gespräch über gusseiserne Teekannen für die Mutter und viele hohe Bäume zum Anschauen fürs Baby. Auf dem Heimweg durch die vorweihnachtliche Altstadt liefen wir an eine Unterschriftensammlung heran – trabten vielmehr zielgerichtet darauf zu: Da stand nämlich gross «Elternzeit».
Ich habe schon den Stift gezückt und scharre vor dem Klemmbrett mit den Füssen. Der junge Herr dahinter lächelt: «Ihr wisst, worum es geht?» «Jaja», sage ich und schreibe bereits meine Adresse, während ich mit einem Auge den Beschrieb überfliege – «Die Volkswirtschaft freut sich über Vollzeitbeschäftigte» –, stocke: «Äh. Erzähl vielleicht doch mal.»
«Also wir fordern achtzehn Wochen pro Elternteil. Die können aber nur kurz gemeinsam genommen werden. Einer muss immer arbeiten. Die Mutter soll schliesslich schnell wieder einsteigen. Es ist wichtig, dass die Frauen schnell einsteigen, weil das ist das grösste Problem …» – «Ja gut», sage ich, «aber was, wenn sie voll stillt?» – «Ja, es ist nicht perfekt, in einer perfekten Welt …», sagt der junge Herr und unterbricht sich selbst, um neu anzusetzen: «Aber es ist gut für die Frauen, die sonst einfach zu Hause bleiben.»
Und er erläutert, während mein Auge zuckt, wie junge Eltern in der Schweiz am stärksten von Burn-out betroffen seien, was den Steuerzahler teuer zu stehen komme – und wie es eben jener erleichterte, sprich schnellstmögliche Wiedereinstieg in die Arbeitswelt für Mütter sei, der dieses Problem effizient behebe. Wenn nämlich die Mutter direkt nach der Entbindung ins Büro fährt, beugt dies auch einer postpartalen Depression vor. Oder zumindest der Diskriminierung am Arbeitsplatz: Eine frisch genähte Wöchnerin schindet Eindruck, der kommt so schnell keiner blöd. Es sei schliesslich totaler Irrglaube, dass ein Säugling zu Hause zwei Elternteile brauche – zu Industrialisierungszeiten blieb überhaupt niemand zu Hause! Das Baby kann eh nirgends hin, haha! Scherz beiseite, wie der Amerikaner sagt: Wofür hat Gott die Nannys geschaffen – oder die Grossmutter, die gibt den Schoppen gratis und erst noch mit Liebe. Und heute gibts ja diese unsichtbaren Milchpumpen für in den BH, die machen alles automatisch, und du hast die Hände frei. Freiheit! Den Haushalt macht die Haushälterin (oder die Schwiegermutter, aus Liebe), den Znacht vor dem Arbeitslaptop bringt der Uber-Fahrer – das ist Feminismus! Ein Vater, der Hausfrau spielt, damit die Mutter stillen kann, das ist erwiesenermassen kein Fortschritt. Biologistisch-heteronormativ trocken Brot nenn ich das, ha! Es ist nun mal so, dass nur wer Vollzeit arbeiten geht, auch die volle Pension zugute hat. Und so senken wir das Armutsrisiko für Frauen. Prost!
Blinzelnd lehne ich die Plastikflöte mit Prosecco ab, die uns fürs Unterschreiben angeboten wird. Nein danke, ich stille, sage ich nicht, stattdessen: «Ich muss noch arbeiten, Kolumne schreiben.» Ich gebe das Klemmbrett zurück und sage nicht: Eine Elternzeit, die nicht gemeinsam genommen werden kann, ist sinnlos und realitätsfremd. Ich sage: «Na, besser als heute wärs allemal. Danke für dein Engagement.» Und er sagt: «Wird eh nicht angenommen.» Das Baby zeigt, was es gelernt hat: Es streckt die Zunge raus.
Michelle Steinbeck ist Autorin.