Literatur: Zum ersten Mal ohne Angst und Wut

Nr. 4 –

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Buchcover von «PNR: La Bella Vita»
Sibylle Berg: «PNR: La Bella Vita». Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2025. 416 Seiten.

Für einmal lässt Sibylle Berg nicht alle möglichen Krisen eskalieren: Mit «PNR: La Bella Vita» erlöst sie uns nach «GRM Brainfuck» und «RCE #RemoteCodeExecution» aus ihrer dystopischen Trilogie mit einem Fünkchen Hoffnung.

Auf den grossen Umsturz in «RCE», den Don mit ihren Freund:innen angezettelt hat, soll nun ein anarchisches, selbstorganisiertes neues Europa folgen. Aber weil es nicht so ist, dass «neue Gesellschaftssysteme in einem Endlager bereitlägen und man sie nur aufschütteln müsste», gilt es ein solches neues System unter dem programmatischen Namen «La Bella Vita» erst einmal aufzubauen, die Menschen vom Leben ohne Leistungsdruck zu überzeugen und gemeinschaftlich eine Verfassung auszuarbeiten; deren 93 Artikel gliedern lose den Roman.

Don, nun Mitte zwanzig und in Italien, lebt zum ersten Mal ohne Wut und Angst. Weil sie selbst nicht weiss, was sie mit sich soll, reist sie halt durch das Land und interviewt Menschen, um die Entstehung der Bella Vita für die Nachwelt zu dokumentieren.

Dieses idyllische neue Italien ohne Verbote, mit Dreieinhalbtagewoche für Gemeinschaftsarbeit und Glücksindex statt BIP plätschert in «PNR» gemütlich vor sich hin. Damit entzieht sich Berg konsequent dem Streben nach ständiger Handlung. Ihre gewohnt lakonische Kritik kommt zwar auch in diesem Roman nicht zu kurz, doch sie schafft darüber hinaus einen tröstlichen Gegenentwurf zur ständig weiter eskalierenden Gegenwart.

Dennoch werden diese Testimonials mit der Zeit etwas repetitiv, und auch die Leichtigkeit, mit der Berg jegliche Probleme aus dem Weg räumt, wirkt fast schon verdächtig. Unzufriedene treffen sich in einer Selbsthilfegruppe, und Schwerstverbrecher hat man auf das berüchtigte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia exiliert. Erst gegen Ende bringt Berg gegen allzu viel Friede, Freude, Eierkuchen noch etwas Tragik ins Spiel. Und selbst Don ist nicht sicher, ob die Idylle von Dauer sein kann; ist wirklich die Befreiung aus dem alten zerstörerischen System oder doch die Mikrodosis Psilocybin im Trinkwasser der Grund, dass alle so zufrieden sind?